Reiten Niels Carstensen startet auf Pferderücken durch

Ichenhausen / Jörn Rebien 10.01.2018
Niels Carstensen aus Behlingen gilt deutschlandweit als eines der größten Talente des Springsports. Dabei hat der 16-Jährige noch viele andere Verpflichtungen.

Es ist ruhig an diesem Nachmittag im Tal der Kammel etwas östlich von Ichenhausen im Landkreis Günzburg. Nur in der Ferne ist ein Verbrennungsmotor zu hören. Am Ortsrand von Behlingen wird auf der Reitanlage derweil gearbeitet. Der 16 Jahre junge Niels Carstensen reitet eines seiner Spitzenpferde Sandro Gold, einen achtjährigen Hengst aus der Landeszucht.

„Wie fühlt er sich heute an“, fragt sein Vater und Trainer Uwe Carstensen, der wie so oft teilnimmt am Trainingsnachmittag. „Er ist heute etwas faul“, gibt der Reiter ein Feedback um zu hören, dass die Gemütslage des Vierbeiners ganz in Ordnung ist. Denn derzeit ist Turnierpause nach einem anstrengenden Jahr mit einigen Höhepunkten, darunter vier Siegen in der Klasse S und Platz vier im Deutschen Junioren Championat nach drei schweren Springen beim Salut Festival in Aachen.

Zwischen Schule und Turnier

Trotz aller beachtenswerten Erfolge und der kürzlichen Berufung in den Kader der besten Junioren-Reiter in ganz Deutschland gilt eines: „Im Hauptberuf ist Niels Schüler“, sagt Papa Uwe ganz klar. Und zwar in der Robert Bosch Schule am Ulmer Kuhberg im Berufskolleg für Informations- und Kommunikationstechnik.

Bis jetzt, sagt es der begabte Springreiter, haben die Freistellungen für die Turnierbesuche mit meistens vom Direktor zu genehmigenden zwei Tagen geklappt. Mit der Folge, die ausgefallenen Lehrinhalte im Pferdelastwagen auf den Turnierparkplätzen nach zu arbeiten. Da bleibt nicht aus, dass derzeit recht durch vollgepackten Wochen mit Klavierunterricht, Fahrstunden und der Arbeit im Stall und in der Reithalle die Freizeit ziemlich spärlich geworden ist.

Die Arbeit mit den Pferden können sich Vater und Sohn immer gut aufteilen. Vor allem die zeitaufwändige Dressurarbeit hat Profi Uwe übernommen. Neben dem von Martina Beck zur Verfügung gestellten Sandro Gold, der gerade bei dem prestigeträchtigen Turnier in Aachen zur Höchstform aufgelaufen ist, muss vor allem die elfjährige niederländische Stute Bugatti genannt werden, mit der Platz vier bei den Deutschen Titelkämpfen erreicht wurde.

Hinzu kommen der acht Jahre alte Chambertino, Landeschampion FBW Cornflake, der Holländer Wallach Farino sowie gelegentlich aus dem Beritt des Vaters der Württemberger  Best of Balou. Allesamt ein Beritt noch jung an Jahren aber glücklicherweise auch mit Luft nach oben.

Kurzer Abstecher zum Skifahren

Vor rund 13 Jahren begann eine etwas holprige Reiterkarriere gewissermaßen unter der Überschrift: Vom Trekker aufs Pferd. Denn der Platz des kleinen Niels war schon immer gleich beim Papa, wenn der mit einem Traktor auf der Reitanlage am Ried in Langenau seine Runden drehte. Dann mit seinen sechs Jahren konnte er auf sein erstes Pony Lollipopp umsteigen, mit dem er im Schulbetrieb fleißig mitreiten durfte. Und selber sagt Niels Carstensen über seine Reiterkarriere mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht: „Das ist aber eine längere Geschichte“. Tatsächlich wachste er zwischenzeitlich um und wurde Skirennläufer im DAV. Doch nach zwei Jahren war dieses Intermezzo schon zu Ende: „Es war mir zu langweilig mit den vielen Konkurrenten rumzustehen und auf den Start zu warten“.

Schließlich entschied er sich dann doch wieder für den Umgang mit den Pferden. Der Kauf seines Ponys Trigger brachte ihn dann so richtig auf den Geschmack. Die ersten Sporen verdiente sich der vielseitig interessierte Youngster mit der Pony­stute Winnilu, als ihm im März 2013 in der Halle des Pferdesportvereins Ulm/Neu-Ulm sein erster Sieg in einem Stilspringen der Klasse A* gelang.

Es sollte ein komplettes Jahr dauern ehe erneut ein Sieg gelang. In Weilheim war es, inzwischen in der Klasse M* angekommen, ebenfalls auf Winnilu. Schon bald danach ging es  mit dem niederländer Wallach Christoberth in der Children-Klasse (U14 auf Großpferden) zweigleisig weiter, mit dem er dann vor zweieinhalb Jahren wieder einen großen Schritt weiter ein M*-Springen in Pirmasens gewinnen konnte. Im Oktober 2015 war es dann soweit. Der Einstieg in die Klasse S gelang in Bisingen mit Rang sechs auf Bugatti.

Ziele hat die Reiterfamilie Carstensen, zu der auch Hobbyreiterin Kerstin mit Erfolgen bis zu M**-Springen gehört, gleich parat. Vater und Sohn wollen versuchen, sich für das Hallenchampionat in der Stuttgarter Schleyer-Halle gemeinsam zu qualifizieren und zu konkurrieren.

Zudem will sich Niels Carstensen auch international den etwas rauheren Wind um die Nase wehen lassen: Als Solist im European Youngster Cup Jumping U 25 und im Team bei möglichst vielen Nationenpreisen. Auch eine Teilnahme an der nächsten Junioren Europameisterschaft im französischen Fontainebleau ist nicht ausgeschlossen.

Der Erfolg liegt in der Familie

Uwe Carstensen, der Sohn eines Pferde-­Züchters in Schleswig Holstein saß schon als Fünfjähriger im Ponysattel. Sein Weg zum Profireiter begann 1991 in Giengen/Brenz, führte ihn 1997 in den holländischen Stall des berühmten Pferdehändlers Jan Tops und 1999 zurück in den Süden Deutschlands, nach Langenau. 2008 wagte er in Weißenhorn den Sprung in die Selbstständigkeit, die er seit 2010 auf der eigenen Reitanlage in Behlingen im Kammeltal auslebt.

Auf vielen internationalen Turnierplätzen hat er 74 S-Siege bis zu Drei-Sterne-Prüfungen errungen. Dazu könnte Uwe Carstensen sogar in einen freundschaftlichen familiären Wettstreit geraten. Beeke Carstensen aus Sollwitt, Tochter seines Cousins, reitet ebenfalls in der deutschen Junioren-Spitze. reb

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