Dezember 1967 Sport vor 50 Jahren: Rekord mit „Wursthantel“

So sah er mit 17 Jahren aus: Gewichtheber Rudolf Mang.
So sah er mit 17 Jahren aus: Gewichtheber Rudolf Mang. © Foto: Archiv
Wolfgang Scheerer 29.12.2017
Dezember 1967: Der Bellenberger Gewichtheber Rudolf Mang ist als 17-Jähriger bereits der stärkste Deutsche.

Dieser Samstag im Dezember war einfach verkorkst. Das fing damit an, dass das Leistungsheben des ASV Bellenberg viel früher als geplant beginnen musste, weil abends die Halle belegt war. Prompt erschien zunächst kein Kampfrichter. Schließlich waren auch noch fünf Fellbacher Gewichtheber in einen Unfall auf der Autobahn verwickelt.

Sie schafften es im Gegensatz zu ihrem Trainer nicht mehr zum Wettkampf. Und dann stand da der 17-Jährige Lokalmatador, der vorhatte, dem eigenen Publikum, rund 500 Fans und Neugierige, viel mehr zu bieten: Rudolf Mang.

Im Dreikampf wollte er den deutschen Rekord von Arthur Haun (485 Kilogramm) nicht nur knapp übertreffen, sondern den Heber aus Mannheim-Neckarau mit einem Paukenschlag hinter sich lassen. „Mang hatte vor, dem Zehn-Zentner-Klub beizutreten, der in der Welt nur 33 Mitglieder zählt“, schrieb die Schwäbische Donau-Zeitung (SDZ), Vorgängerin der SÜDWEST PRESSE, und führte aus: „Er wäre in diesem erlauchten Kreis der Benjamin, denn noch nie wuchtete ein 17-Jähriger im Drücken, Reißen und Stoßen insgesamt 500 Kilogramm in die Höhe – aber der 112 Kilo schwere Herkules erwischte einen schwarzen Tag.“ Unter anderem auch, weil beim Drücken versehentlich falsche Gewichte an der Hantel hingen. Für 492,5 Kilogramm und damit neuen deutschen Rekord sollte es am Ende dennoch reichen. Recht glücklich waren damit weder Mang noch sein Trainer Josef Schnell. „Ich habe von vornherein gespürt, dass heute nicht viel drin ist“, sagte Mang. Und der Trainer ergänzte trocken: „Er hat einfach keine Lust gehabt. In seinem Alter muss man das eben einkalkulieren. Doch er hat die Kraft, 500 Kilogramm zu machen, und es wird auch nicht mehr lange damit dauern.“

Im April 1968 war es soweit: Mang meisterte 502,5, bei seiner Olympia-Premiere im selben Jahr in Mexiko-City 525 Kilo, und bei den Sommerspielen 1972 in München waren es schon 610, mit denen der „Bär von Bellenberg“ Silber gewann. Obwohl der Wettkampf Mitte Dezember vor 50 Jahren nicht nach Wunsch lief, das Ergebnis war richtungsweisend: „Der 17 Jahre alte Rudolf Mang ist der stärkste Mann der Bundesrepublik“, fasste die SDZ zusammen. Zwei Jahre zuvor hatte sie zum ersten Mal über das Ausnahmetalent berichtet: „Die Nachricht, daß Rudolf Mang bei den schwäbischen Meisterschaften 425 Kilogramm im Olympischen Dreikampf zur Hochstrecke brachte, ist fast überall wie ein Blitz eingeschlagen. 425 Kilo mit 15 Jahren – das hat es in der an Abnormitäten gewiß nicht armen Geschichte des Kraftsports noch nicht gegeben! Innerhalb von einem Jahr hat sich der fleißige, bescheidene Mittelschüler aus Bellenberg bei Illertissen um nicht weniger als eineinhalb Zentner verbessert. In dieser Zeit ist Rudolf Mang nur um einen Zentimeter auf 1,78 Meter gewachsen und von 92,5 auf 100 Kilo schwerer geworden. Er ist aber ein ganz und gar durchtrainierter, bei aller kompakten Masse der Statur nahezu schlank wirkender junger Mann, der alle Vorstellungen von einem ,wirtschaftswunderlichen Riesenbaby’ Lügen straft. An ihm sieht man kein Gramm Fett.“

Der tiefere Grund war schnell ermittelt. Die SDZ zitierte Mangs Mutter: „Ich koche nur magere Kost wie Geflügel, Rindfleisch oder fettfreie Schnitzel, dazu gibt es Reformhausnahrung.“ Ernährung, Training, Wettkampf – das alles klingt noch heute erstaunlich professionell. Dennoch strahlte Mang bis über beide Ohren, als ihm ein begeisterter Metzger nach dem Rekord 1967 einen Hantel überreichte, die aus Würsten gebastelt war. Eine „Wursthantel“ – das war für diesen extrem disziplinierten Athleten wohl ein bisschen wie Weihnachten.