Sport vor 50 Jahren Mai 1968: Ein Sieger-Entwurf für die Schublade

Die Olympia-Spirale stellte das Eisenmann-Logo (unten) in den Schat­ten.
Die Olympia-Spirale stellte das Eisenmann-Logo (unten) in den Schat­ten. © Foto: Volkmar Könneke
Ulm/München / Wolfgang Scheerer 17.05.2018

Noch vier Jahre und drei Monate bis zu der Eröffnung der Olympischen Spiele 1972 in München. Klingt nach üppig Zeit.

Dabei gibt es so viel zu tun, dass sie schnell verfliegt. Sehr schnell. Vor allem unzählige Detailfragen halten auf. Was wiederum zu ausufernden Diskussionen führt. Gutes Beispiel: das Olympia-Emblem.

Bereits Mitte März 1967 hatte das Organisationskomitee den offiziellen „Gestaltungsbeauftragten“ der Sommerspiele, Otl Aicher, beauftragt, ein Logo von nachhaltigem Erkennungswert zu entwickeln. Ein halbes Jahr später präsentierte der 45-jährige Ulmer den „Strahlenkranz“, der für Heiterkeit und Frische stehen, die „strahlende Stadt“ symbolisieren sollte. Angelehnt ans berühmte „München leuchtet“  aus Thomas Manns „Gladius Dei“.

Doch die Idee zündete nicht bei allen Beteiligten. Ohne den Entwurf ganz abzulehnen, wurde entschieden: Es solle doch besser  einen Wettbewerb geben, offen für alle interessierten Grafiker und Gestalter. 20 000 Mark für den Gewinnervorschlag wurden ausgelobt. Das entsprach damals etwa drei Jahresgehältern von „Otto Normalverdiener“ oder vier Mittelklasseautos. Insgesamt lag die Dotierung bei 56 000 Mark. Das zog – und löste eine regelrechte Welle an Kreativität aus: 2332 Skizzen wurden eingereicht, 1400 Grafiker nahmen teil.

 „Nur so nebenher“, wie er später erzählte, beschäftigte sich auch der Geislinger Gerhard Eisenmann mit dem Thema. Seinen Entwurf „Stadion“, dynamisch gewundene Laufbahnen über den Olympischen Ringen, schickte er am letzten Tag vor Einsendeschluss ab. Dann die große Überraschung: Das Eisenmann-„Stadion“ belegte am 5. April 1968 Platz eins. Das Preisgeld war ihm sicher, aber noch längst nicht die Ehre, mit seiner Idee das „Corporate Design“ der Sommerspiele prägen zu dürfen.

Denn das Organisationskomitee wollte erst bis zum 6. Mai definitiv entscheiden, wer den Zuschlag bekommen sollte. Was aus München zu hören war, klang für Eisenmann trotz des Sieges weniger vielversprechend. Willi Daume, der mächtige Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK), gab bekannt: „Die Jury hat nach einem Punktesystem gewertet. Eisenmann erhielt nicht die optimale Punktzahl.“

Der Juryvorsitzende Anton Stankowski sagte ganz offen: „Ich bin mit diesem Entwurf nicht zufrieden.“ Und Daume legte eine Erläuterung nach, die vor 50 Jahren offenbar noch nicht am Limit politischer Korrektheit gekratzt hat: „Dieses Emblem muss nicht nur unseren Ansprüchen genügen, sondern bis in den Urwald hinein als Symbol der Münchner Spiele verstanden werden.“

Strahlenkranz in Spiralform

Trotzdem wagte Sportredakteur Peter Bizer in der SÜDWEST PRESSE ein Voraussage: „So wird sich Aicher damit abfinden müssen, in seine Gesamtkonzeption den Entwurf des Wettbewerbssiegers einzubauen. Niemand glaubt nämlich daran, dass sich der Vorstand des OK ungeachtet der jetzigen Juryentscheidung doch noch für den Ulmer aussprechen könnte.“ Und Otl Aicher selbst wurde mit den Worten zitiert: „Ich glaube, der Entwurf könnte in meine Konzeption passen.“

Doch der 6. Mai kam und mit ihm die Ablehnung: Der Sieger-Entwurf, so hoch er honoriert war, sollte einer für die Schublade sein. Es blieb danach noch spannend, bis am 14. Juni schließlich im Münchner Atelier Otl Aichers das Endergebnis der Öffentlichkeit präsentiert wurde: das Werk des Kölner Designers Coordt von Mannstein. Und siehe da: „Es gleicht auf den ersten Blick der ursprünglichen Konzeption Aichers“, so die SWP.  Der 30-jährige von Mannstein hatte den „Strahlenkranz“ nur leicht abgewandelt. In eine Spirale.

Ein Meister der Gestaltung

Otto „Otl“ Aicher ist am 13. Mai 1922 in Ulm geboren. Er starb am 1. September 1991 in Günzburg. Aicher gilt heute als eine der prägenden Figuren in Formgestaltung und Grafikdesign des 20. Jahrhunderts. Mit seiner Ehefrau Inge Aicher-Scholl, Hans und Sophie Scholls Schwester, und Max Bill gründete er 1953 die Hochschule für Gestaltung Ulm (HfG). 1972 in München wurde er auch durch seine Sportarten-Piktogramme bekannt.

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