Sport vor 50 Jahren Ein letzter großer Kampf auf dem Olymp

Vom 1. SSV Ulm hinaus in die Boxwelt: Horst Rascher.
Vom 1. SSV Ulm hinaus in die Boxwelt: Horst Rascher. © Foto: Archiv
Ulm / Wolfgang Scheerer 13.09.2018

Der Boxer Horst Rascher hat in der sechziger Jahren geschafft, was nur wenige Ulmer Athleten ihm nachmachten: Er qualifizierte sich gleich zwei Mal für Olympische Spiele: 1960 trat er in Rom an, 1968 in Mexiko City. Jeweils im Bantamgewicht, der Klasse bis 54 Kilogramm. Achter-Ruderer Maximilian Reinelt (2012 und 2016) und Zehnkämpfer Arthur Abele (2008 und 2016) sind so etwas wie Raschers sportliche Nachfolger. Für die Schwäbische Donau Zeitung (SDZ), Vorgängerin der SÜDWEST PRESSE, war er schlicht der „beste deutsche Boxer nach dem Krieg“.

Auf alle Fälle war er ein ganz besonderer Faustkämpfer. Der Europameister von 1959 in Luzern und Olympia-Vierte von 1960 demonstrierte eindrucksvoll seine Vormachtstellung im Ring: neun Mal war er deutscher Meister. An der Rechtsauslage (die Schlaghand ist also die linke) war beim EM-Coup des damals erst 19-jährigen Rascher schon der russische Titelverteidiger Oleg Grigorjew gescheitert. Der nur 1,66 Meter große Boxer glänzte mit technischer und taktischer Finesse. EM-Gold war nicht die erste große Überraschung im jungen Leben Raschers.

Über den Kampf mit dem eigenen Körper war er überhaupt erst zum Boxsport gekommen. Kaum einer musste so hart an sich arbeiten. Und das kam so: In der Trümmerwelt der Ulmer Stadtmitte hatte Horst Rascher nach dem Krieg zur „Salzstadelbande“ gehört, wie beispielsweise auch Walter „Wadde“ Kraus, der ebenfalls in den 60ern bester Skirennläufer der Region war.

Unter Schutt begraben

Horst war ein Bub von zehn Jahren, als er im Februar 1950 die erste Schulstunde schwänzte, um im Areal der einstigen Keplerschule nach Altmetall zu suchen. „Wir hatten spitzgekriegt, dass dort große Patronenhülsen verbuddelt lagen. Vier Mark bekam man fürs Kilo Messing. Ich hatte in der zerbombten Ruine ein tiefes Loch gegraben, als die Decke über mir einbrach“, erzählt Rascher, der heute in der Nähe von Villingen lebt. Er lag unter Steinen und Schutt begraben. Erst nach zwei Stunden fanden ihn die anderen. Sie waren später aufgebrochen.Rascher kam ins Bethesda-Krankenhaus: Beckenbruch – drei Monate Gips. Da riet der Arzt den Eltern, ihren Sohn Sport treiben zu lassen, wirkte er doch alles andere als robust. Und er versuchte es – mit Boxen. Das waren die Anfänge.

„Eine große Karriere geht zu Ende“ lautete die Schlagzeile im September 1968 über Rascher, den Olympiastarter. „Nach Mexiko ist Schluss“, sagte der zu dieser Zeit 28-Jährige, der damals schon in Villingen als Technischer Zeichner für den großen Radio- und Fernsehhersteller Saba arbeitete. Die SWP schrieb über Raschers bevorstehende Olympia-Reise: „Gleichgültig, ob er noch einmal den Gipfel seines Ruhmes erklimmt oder nicht, zum Liebling des Publikums macht ihn sein stilreiner Kampf und das Bemühen, den Gegner nicht unter allen Umständen K.o. schlagen zu wollen, sondern auszuboxen.“

Mehr als 300 Kämpfe hatte Rascher am Ende seiner Karriere gemeistert. Nur der finale Traum von einer Medaille sollte sich im Oktober in Mexiko nicht erfüllen. Horst Rascher wurde Fünfter und hatte bald mehr Zeit für sein zweites sportliches Hobby: das Angeln.

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