Sport vor 50 Jahren Doppelte Ladung Präsision

Prominenter Besuch in Ulm: Gary Anderson, Olympiasieger 1964 und 1968, mit Geschäftsführer Dieter Anschütz (re.).
Prominenter Besuch in Ulm: Gary Anderson, Olympiasieger 1964 und 1968, mit Geschäftsführer Dieter Anschütz (re.). © Foto: Maria Müssig
Ulm / Wolfgang Scheerer 28.12.2018

Im Familienunternehmen war Dieter Anschütz der Mann der vierten Generation und nun, 1968, der Geschäftsführer.

Kurz vor Weihnachten bekam der neue Chef des renommierten Ulmer (Sport-)Waffenherstellers Besuch von einem langjährigen Freund, der seinen Erfolg eigenen Fähigkeiten genauso verdankte wie allerhöchster  Präzision aus der Daimlerstraße im Donautal: Gary Anderson, Olympiasieger 1964 in Tokio und 1968 in Mexiko City. Der US-Amerikaner aus Nebraska brachte auch seine „charmante Gattin“ Ruth-Ann mit, so berichtete SÜDWEST PRESSE und fragte den Leserkreis: „Erinnern Sie sich noch? Mit 1157 Ringen (von 1200 möglichen) hatte Anderson in Mexiko im Freigewehr-Schießen über 300 Meter seinen eigenen Weltrekord um einen Ring verbessert.“

Während die aktuellen Modelle des Herstellers vorgeführt, erklärt und in Anschlag gebracht wurden, erzählte Dieter Anschütz, dass er den blonden US-Boy bereits 1960 in Wiesbaden kennengelernt hatte und der damalige Soldat Ulm inzwischen mehrmals besucht habe. Unter anderem zusammen mit dem Nationalteam, das bei der Schützengilde Ulm zu Gast war.

  „Seitdem verstummen die Gerüchte nicht, dass Anderson im kommenden Frühjahr in Tübingen studieren und sich dann möglicherweise den Ulmer Schützen anschließen werde“, heißt es dazu in der SWP. Und: „Diese Hoffnung wird sich allerdings nicht erfüllen. Gary Anderson, der einmal Pfarrer werden will, wird sein Theologiestudium in München beenden und anschließend in die Staaten zurückkehren. Er versprach aber, sich bis zum Abschluß seiner Studien 1969 noch einige Male in Ulm sehen zu lassen.“ Bei der Münchner Hauptschützengesellschaft wird er seit damals als Ehrenmitglied geführt.

Wenn es heute über die 162-jährige Geschichte der Firma Anschütz heißt, der Name sei „untrennbar verbunden mit unzähligen Schießerfolgen auf nationalem und internationalem Parkett“, dann stehen Gary Andersons Triumphe, unter anderem elf Weltmeistertitel, noch immer weit oben in der langen Liste. Mit rund 97 Prozent gibt Anschütz aktuell den Marktanteil bei den Biathleten an. Der Uhinger Simon Schempp und viele andere schwören auf Ulmer Qualität. Auch bei Temperaturen um 20 Grad Minus ist Treffsicherheit garantiert.

Gary Anderson wuchs auf einer kleinen Kornfarm im hier topfebenen Bundesstaat Nebraska auf (genau in der Mitte der Vereinigten Staaten) und ging schon als Junge mit dem Vater auf die Jagd. Mit 17 wurde er Sportschütze, ohne je bei einem Trainer gewesen zu sein, schloss sich der Armee an und übte, wie er in Ulm erzählte, vor Wettkämpfen fünf bis sechs Stunden am Tag. Als erster Sportschütze setzte er auf Lauftraining zur Steigerung von Fitness und Konzentration.

Über sein weiteres Interesse an geistlichen Themen ist nichts zu finden, über die politischen Ambitionen des heute 79-Jährigen schon. Nach der Schützenkarriere wurde er 1972 als Republikaner ins Landesparlament von Nebraska gewählt, wechselte nach einem Jahr zu den Demokraten, trat aber 1974 nicht mehr an. Später stieg Anderson bei der National Rifle Association, der US-Waffenlobby, bis zum Direktor auf, war Jurymitglied und technischer Delegierter bei diversen Sportereignissen und schließlich Direktor der Olympia-Schießanlage 1996 in Atlanta. Sein guter Freund Dieter Anschütz gab 2008, nach 40 Jahren, die Geschäftsführung ab.

Sohn Jochen hat übernommen. Kommt ein Spitzenathlet zu Besuch, ist das immer ein Ereignis. Genau wie vor 50 Jahren bei Gary Anderson.

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