Mit viel olympischer Erfahrung betreut Dr. Mark Dorfmüller aus Ulm die deutschen Wintersportler bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang und wohnt mit den Athleten, Trainern und anderen Betreuern im olympischen Dorf. Ob Norovirus oder Kreuzbandriss – der Sportmediziner ist in Südkorea für fast alles zuständig, wie er im Interview erklärt. Dennoch fiebert er bei jedem Wettkampf mit dem Team mit.

Dr. Dorfmüller, wie hat es sich angefühlt, bei der Eröffnungsfeier mit dem Team Deutschland ins Olympia­stadion einzulaufen?

Dr. Dorfmüller: Das ist natürlich immer was ganz Spezielles, wenn man fast mit der ganzen Mannschaft am Start ist und mit ganz vielen anderen Mannschaften darauf hinfiebert, dass man endlich dran ist. Für uns war es zwar etwas ungewöhnlich, dass da auf den Rängen lauter Lichter waren und wir dahinter niemanden erkennen konnten, aber dann wurde es doch noch zu einem richtigen Lichterspektakel.

Was haben Sie bisher vom Drumherum gesehen?

Bisher habe ich eigentlich nur die Wettkampfstätten ums Skisprungstadion gesehen. Es ist einfach immer irgendetwas zu tun. Jetzt zählt erst einmal nur der Wettkampf. Aber nach den Wettbewerben haben wir noch zwei Tage, da werden wir mal runter nach Gangneung und mal ans Meer gucken. Sowas haben wir hier oben ja nicht.

Waren Sie bisher noch bei anderen Sportarten im Einsatz?

Nein, zum Glück nicht, denn das hätte bedeutet, dass jemand vom olympischen Ärzteteam ausgefallen wäre. Das war bisher zum Glück noch nicht der Fall.

Der Norovirus ist hier in Pyeongchang ein großes Thema. Für sie auch?

Also hier ist die Prävention wie so häufig das Entscheidende, und das ist uns glaube ich gut gelungen. Wichtig ist, dass die Leute gesund hierherkommen, dann fallen sie normalerweise nicht aus.

Das andere Thema der Spiele war die Kälte. War hierzu Ihr ärztlicher Rat im deutschen Team gefragt?

Wir haben dieses Thema natürlich besprochen. Wichtig war vor allem, dass die Jungs sich ausreichend schützen und so lange wie möglich warm bleiben. Wenn sie dann am Balken sitzen, wird ihnen sowieso von der Anspannung warm. Aber es gab keine Erfrierungen, die Jungs waren auch danach stabil, gehen dann unter eine heiße Dusche, und dann ist wieder alles gut.

Trotzdem gehen Sie immer mit einer gewissen Anspannung in die Wettkämpfe...

Ja klar. Die Sache ist eben die, dass ich weiß, dass von einer Sekunde auf die andere etwas passieren kann. Es reicht eben eine kleine Unaufmerksamkeit oder das Material hält mal nicht. Und dann sind das Stürze, die bei einer sehr hohen Geschwindigkeit passieren und auf eine sehr harte Oberfläche. Das kann alles bewirken, was man nicht möchte. Daher stehe ich immer mit einer Grundanspannung dabei.

Wie wird Pyeongchang für Sie in
Erinnerung bleiben?

Hier bin ich von der Herzlichkeit und Freundlichkeit der Menschen begeistert. Das scheint sich auf die gesamte Stimmung der einzelnen Nationen zu übertragen. Diese asiatische Ruhe und Geduld kommt hier schon sehr zum Tragen. Die Organisation ist hier auch sehr gut. Aber vor allem begeistern mich die feine Art und der Umgang der Menschen.

Die Stimmung im Skisprung-Stadion ließ allerdings etwas zu wünschen übrig.

Naja, das sind wir von Olympia gewohnt, dass unsere Sportart eigentlich nur aufs Fernsehen ausgerichtet ist. Da darf man von den Zuschauern vor Ort nie zu viel erwarten. Ich war trotzdem überrascht, dass beim ersten Springen die Ränge sehr voll waren waren, aber die sind dann fast alle nach dem ersten Durchgang gegangen. Erst dachte ich, es liegt an der Wahnsinnskälte, aber vielleicht dachten auch die meisten Zuschauer, es wäre schon nach einem Sprung vorbei. Ich denke, der Stadionsprecher hätte da mehr erklären müssen.

Wie lässt sich die Stimmung im deutschen Team beschreiben?

Also im Team Deutschland generell ist eine extrem lockere, freundliche Stimmung unter allen Athleten, das ist auch nicht immer so gewesen. Und in unserem Skisprung-Team passt es sowieso sehr gut, da sind wir ein durch und durch eingespieltes Team.

Wie viele Tage sind Sie als Teamarzt  über das Jahr geseehen unterwegs?

Generell bin ich zur Weltcup-Saison in der Regel bei den größeren Ereignissen mit dabei. Im Sommer ist es deutlich weniger Zeitaufwand für mich, aber auch da wird trainiert und gesprungen und es laufen die Vorbereitungen für den Winter. Ich kann aber nicht alles mitmachen, denn ich habe ja auch noch einen regulären Job im Rehaplus und meine Praxis. Denn das, was ich hier mache, ist im Grunde ehrenamtlich, da ich nicht angestellt bin.

Und warum gerade Skispringen?

Ich hatte eigentlich gar nichts mit Skispringen zu tun, bis ich in der Sportorthopädie in Freiburg Martin Schmitt kennengelernt habe. Als dann Werner Schuster nach Deutschland kam, wurde ich von einem befreundeten Kollegen angefragt, ob ich grundsätzlich Interesse hätte. Da ich nun Martin Schmitt und ein paar andere Springer schon kannte und sehr nett und interessant fand, und den Sport natürlich auch spektakulär, habe ich gesagt, ich schaue es mir mal an. Dass daraus mittlerweile neun Jahre werden, wusste ich da natürlich noch nicht.

Wer vertritt Sie eigentlich, wenn Sie mit dem Skisprung-Team unterwegs sind?

Im Rehaplus habe ich eine tolle Kollegin, die mich ärztlich vertritt. Wir haben zwar regelmäßig Kontakt. Aber im Grunde kann ich mich auf das Team rund um Hansi Eller hundertprozentig verlassen, so dass ich mir hier keine Sorgen machen muss.

Gibt es etwas aus Ulm, das Sie hier vermissen?

Na klar. Meine Frau natürlich ganz besonders und mein Team von Rehaplus, das für mich die Stange hält.

Viel Erfahrung als Mannschaftsarzt


Der Orthopäde und Unfallchirurg Dr. Mark Dorfmüller arbeitete bis 2008 im BWK in Ulm. Der 52 Jahre alte Sportmediziner ist seit 2009 Ärztlicher Leiter des Therapiezentrums Rehaplus in Ulm mit zirka 50 Mitarbeitern. Nun ist er bereits bei seinen fünften Olympischen Spielen als deutscher Mannschaftsarzt dabei. Der Sportmediziner ist seit neun Jahren Teamarzt der deutschen Skispringer. In Pyeongchang bezieht er im Olympischen Dorf ein Appartement mit seinen Athleten und Trainern. Dort betreuen zirka 15 Ärzte die deutschen Sportlerinnen und Sportler und besetzen im Olympiaquartier auch eine Ambulanz im Schichtdienst.