Sport vor 50 Jahren Bittere Nacht hinter Gittern

Ernst Kaidel nach dem Einer- Sieg  in Ulm. Der berühmte Vater Willi gratuliert.
Ernst Kaidel nach dem Einer- Sieg in Ulm. Der berühmte Vater Willi gratuliert. © Foto: Simon Resch
Ulm / Wolfgang Scheerer 28.06.2018

„Sieg nach dem Verhör“ – eine solche Schlagzeile muss neugierig machen. Sie steht Mitte Juni 1968 auf den Sportseiten der SÜDWEST  PRESSE. Dazu das Foto des Einer-Ruderers Ernst Kaidel.  Der Schweinfurter hat bei der 15. Internationalen Ulmer Regatta auf der Donau gewonnen. Nicht primär davon handelt die Geschichte, sondern vom schweren Unfall auf der Bundesstraße 19 bei Heidenheim, an dem der 23-Jährige womöglich schuld gewesen sei. Hat der Sportler drei Menschenleben auf dem Gewissen und ist in seinem dunkelblauen VW 1500 einfach davongeprescht?

Ein schlimmer Verdacht. Die SWP wörtlich: „,Pechvogel’ der Ulmer Regatta war Ernst Kaidel. Während der Anreise am Freitagnachmittag wurde er auf der B 19 bei Heidenheim in einen Unfall verwickelt, bei dem es drei Tote und einen Schwerverletzten gab. Kaidel soll den Unfall durch ein gewagtes Überholmanöver verschuldet haben. Wegen Fahrerflucht wurde er am späten Freitagabend in Ulm von der Polizei festgenommen. Nach einer Nacht in Untersuchungshaft wurde der Schweinfurter am Samstag nach Heidenheim zur Vernehmung gebracht. Eine knappe Stunde vor seinem ersten Rennen im Elite-Einer kehrte er zur Strecke zurück und gewann überlegen.“ Kaidel, ein eiskalter Sportler ohne Skrupel? Das Problem vor 50 Jahren: Die Leser erfahren die Auflösung nicht mehr.

Denn es sollte fünf Monate dauern, ehe das Verfahren abgeschlossen war: Es wurde eingestellt. Kaidel versuchte dann, in zwei großen Boulevardblättern, die reißerisch über den Fall berichtet hatten, Gegendarstellungen zu erreichen. Vergeblich.

Heute rudert Ernst Kaidel, der Sohn des Olympiasiegers von 1936 und späteren Trainers Willi Kaidel, immer noch gern, ist seit 60 Jahren Mitglied des Schweinfurter RC. Wenn er vom Unglückstag erzählt, sind Traurigkeit und Fassunglosigkeit wieder da. Seine Geschichte geht so: „Wir fuhren in Kolonne hinter einem Bundeswehrkonvoi. Auf einer langgestreckten breiten  Geraden, die in eine Linkskurve mündete, überholten wir wie die Autos vor und hinter uns und mussten dazu nicht einmal über den Mittelstreifen fahren.“ Als sie die Kurve erreichten, hätten Kaidel und die beiden Klubkollegen, die mit im Wagen saßen, hinter sich ein „Krachen gehört, das gewaltig war“.  Im Rückspiegel zu sehen war ein qualmendes Autowrack. Der Wagen, ein Mercedes, war mit einem LKW kollidiert, der auch in Richtung Ulm unterwegs war. Kaidel: „Wir stoppten, stiegen aus, liefen zurück, um zu sehen, ob wir helfen könnten. Aber da waren schon Soldaten, die uns wieder wegschickten: Wir sollten am besten weiterfahren.“

Umso schockierender die Festnahme, Kaidel fiel aus allen Wolken. Es stellte sich heraus, dass der Fahrer des Autos vor den Schweinfurtern Anzeige wegen Unfallflucht gestellt hatte. Er hatte ebenfalls gestoppt und war wohl überzeugt, dass Kaidels VW beteiligt sein müsse. „Nach den Verhören, auch denen der Mitfahrer, und meinen Schilderungen, glaubte der Polizist mir dann doch eher als ihm. Trotzdem: Der Führerschein blieb eingezogen. Ich bekam auf der Wache in Heidenheim noch ein Frühstück, fuhr dann mit dem Zug nach Ulm zurück, traf im Hotel Klubkameraden und dachte: Jetzt erst recht!“

Zwei Gutachten

Kaidel trat an und gewann. Was die Ermittlungen angeht, dauerte es ungleich länger bis zum Erfolg: In zwei Gutachten hat er letztlich nachgewiesen, dass er mit seinem Auto als Verursacher ausschied – und  der junge Unfallfahrer die Kurve „mit stark überhöhter Geschwindigkeit“ genommen hatte.

Erst im Dezember 1968 wurde das Verfahren gegen Ernst Kaidel eingestellt. Er bekam den Führerschein zurück – „kommentarlos“. Auf der Donau saß er später noch häufiger im Boot. Anfang der siebziger Jahre startete Kaidel sogar selbst für den Ulmer Ruder-Club Donau.

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