Leichtathletik-EM Arthur Abele: „Ich genieße die zweite Luft“

Berlin / Wolfgang Scheerer 10.08.2018

Arthur Abele, 32, ist der erste Ulmer Leichtathletik-Europameister. Auch am Tag nach dem Triumph von Berlin mit starken 8431 Punkten wurde er immer wieder von Gefühlen übermannt. Mal schluchzend, mal freudestrahlend durchlief er die elfte Disziplin: einen Marathon an Fragen. Und blickte nach der Krönung einer Karriere, die auch geprägt war von Verletzungen, kämpferisch voraus: Bis Olympia 2020 will er auf jeden Fall weitermachen.

Gratulation, Herr Abele, wie haben Sie den EM-Titel gefeiert?

Ganz ehrlich, gar nicht mehr so groß. Wir sind spät ins Teamhotel zurückgekommen, und ich wusste, dass ich früh raus musste: Wir waren im ARD-Morgenmagazin zu sehen. Aber es ist unglaublich, was bei mir da an Emotionen hochkam (bricht in Tränen aus). In Berlin, im eigenen Land Europameister zu werden, vor einem tollen Publikum – das habe ich mir höchstens in meinen Träumen ausgemalt.

Sie sind mit Herz und Seele Zehnkämpfer, wurden aber immer wieder zurückgeworfen. Alle Rückschläge aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen . . .

Ja, dafür reicht die Zeit nicht. Sicher war der Achillessehnenriss eines der negativen Highlights – und der gefährliche Virus letzten Dezember (siehe Info-Box, Anm. d. Red.). Aber ich habe gelernt: All das muss man hinnehmen. Mir war immer wichtig stärker zurückzukommen, mental fit zu bleiben und nach vorn zu blicken.

Sie schauen nach vorne bis zu den Olympischen Spielen 2020 in Tokio?

Bis dahin will ich auf jeden Fall weitermachen, wenn nichts Gravierendes mehr kommt. Und die Weltmeisterschaft 2019 in Katar soll Zwischenstation sein. Ich genieße die zweite Luft, die ich jetzt spüre, und will sie nutzen.

Wann wussten Sie, dass Ihnen Gold in Berlin nicht mehr zu nehmen ist?

Beim Einwerfen mit dem Speer. Der flog super, und auch der erste Versuch ging dann richtig weit. Damit war klar, zum Schluss auf den 1500 Metern hätte mir schon jemand die Füße weghauen müssen, um mich zu stoppen. Wenn ich mir das noch hätte nehmen lassen, ich würde mich Tag und Nacht ohrfeigen.

Ihr junger Mannschaftskollege Niklas Kaul aus Mainz, der am Ende ausgezeichneter Vierter wurde, hat Sie da noch regelrecht mitgezogen.

Der Teamgeist war wirklich extrem gut. Das gilt gerade auch für meinen Vereinskameraden Mathias Brugger, der mich so sehr unterstützt hat, obwohl er nach den drei Fehlversuchen im Weitsprung selbst schon frühzeitig keine Chance mehr hatte. Ich muss sagen: Für den Matze tut es mir sehr leid, das hat mich krass getroffen. Als er mir nach dem Hürdenlauf sagte, dass er aussteigt, weil er Schmerzen hatte, kamen mir auch die Tränen. Wir trainieren jeden Tag zusammen, er hat so hart gearbeitet für diese Heim-EM.

Das Publikum hat Sie dann regelrecht nach vorne gepeitscht. Haben Sie die Fangruppen aus Ulm und Ihrer Heimatstadt Hüttlingen im Wettkampf wahrgenommen?

Absolut! Das war echt geil. Es sind viele Leute nach Berlin mitgekommen, die ich quasi schon von klein auf kenne und die mich immer begleitet haben. Die sind mega-treu. Das ist schon der Wahnsinn!

Sie sind ein Familienmensch. Wie bedeutet Ihnen diese Unterstützung von daheim?

Das ist mir das Wichtigste, die Familie steht an erster Stelle. Ich bin ein sehr harmoniebedürftiger Mensch. Meine Verlobte Susann musste allerdings arbeiten, auf meinen zweijährigen Sohn Jay hat meine Mutti aufgepasst. Aber wir waren immer in Kontakt. Für Susi haben die Chefs extra einen Fernseher organisiert, damit sie den Wettkampf live verfolgen konnte.

Jetzt steht sicher erst einmal Erholung auf dem Programm?

Ich fliege am Dienstag mit der Family in den Urlaub, dann heißt es: zehn Tage abschalten. Wir werden es genießen. Aber die Saison ist noch nicht vorbei. Ich werde wahrscheinlich im September im französischen Talence starten, eine weitere Station der so genannten Zehnkampf-Challenge. Nach meinem Sieg in Ratingen habe ich gute Chancen. Und der Challenge-Sieger wäre nach jetzigem Stand direkt für die Weltmeisterschaft 2019 in Katar qualifiziert. Dann hätte ich vorher keinen Druck und könnte befreit auflaufen. Das ist gerade für meinen Körper ganz wichtig.

Mandelentzündung mit schlimmen Folgen

Rückschläge musste Arthur Abele viele verkraften. Von einem Schock erzählte er gleich nach dem EM-Sieg: Nach einer Mandelentzündung im Dezember sei links das Gesicht gelähmt gewesen. „Ich dachte: Schlaganfall.“ Doch:  Er hatte sich bei Sohn Jay mit einem Virus angesteckt. Im BWK wurde Abele „schnell Hirnmasse abgezogen“, eine Kortisonkur folgte. „Es hieß, entweder ein halbes Jahr – oder nie mehr Sport.“ Abele nahm sechs Kilo zu, bis März machte die Achillessehne Probleme. Erst dann ging es aufwärts.

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