Leichtathletik „Die Emotionen sind übergekocht“

Ulm / Silke Bernhart 29.08.2018

So viele Jahre musste Arthur Abele, der hoch talentierte, aber immer wieder von Verletzungen ausgebremste Athlet des SSV Ulm 1846, auf seinen großen Moment warten. Bei der Heim-EM in Berlin sorgte der 32-Jährige Anfang August mit dem Gewinn der Goldmedaille für eines der Highlights der Titelkämpfe. Seit nunmehr fünf Jahren in guten wie in schlechten Phasen immer an seiner Seite: Trainer Christopher Hallmann. Der 35-Jährige blickt im Interview nicht nur auf den EM-Zehnkampf, in dem zwei seiner Schützlinge eine wichtige Rolle spielten.

Herr Hallmann, auf dem Berliner Breitscheidplatz wurde für Arthur Abele die Nationalhymne gespielt. Es war auch für Sie als Trainer die erste internationale Goldmedaille. Wie haben Sie diesen Moment erlebt?

Die Emotionen sind übergekocht. Mir sind schwierige Situationen durch den Kopf geschossen. Ich habe mir den Zehnkampf im Zeitraffer noch mal in Erinnerung gerufen – das war emotional auch für mich etwas ganz Besonderes.

 Hand aufs Herz: Als wie realistisch hätten Sie diesen Erfolg noch zu Beginn des Jahres 2018 eingeschätzt?

Zu Beginn des Jahres hatte Arthur mit vielen Verletzungen und Krankheiten zu kämpfen. Eine zielgerichtete Vorbereitung war da gar nicht möglich. Der jetzige Erfolg war nicht abzusehen. Dass Arthur das Potenzial hat, internationale Medaillen, vielleicht sogar Gold, zu gewinnen, das haben wir in seinem ganz engen Umfeld immer wieder so eingeschätzt. Das kontinuierliche Training dafür konnte am Anfang des Jahres aber nicht stattfinden, das hat sicher erst einmal nicht in seine Karten gespielt.

 Wie haben Sie es geschafft, dass Arthur Abele in Berlin dennoch in Top-Form antreten konnte? Welches Team steckt dahinter?

Im engsten Team sehe ich auch die medizinische Abteilung, unseren Physio Tim Gulde und Prof. Dr. Benedikt Friemert vom Bundeswehr-Krankenhaus in Ulm. Wir haben nach Rückschlägen immer versucht, so schnell wie möglich Wege des alternativen Trainings zu finden.

Abele ist nicht der Einzige, der von dieser Team-Arbeit profitieren konnte. Auch Mathias Brugger hat sich für den EM-Zehnkampf qualifiziert. Ein gutes Ergebnis war für ihn aber schon früh nach drei ungültigen Versuchen im Weitsprung außer Reichweite. Was war da los?

Auch der Weg von Mathias war nicht einfach. Er hatte sich im vergangenen Jahr bei der WM schwer verletzt, auch seine Vorbereitung war von vielen Schwierigkeiten geprägt. Die Verletzung am Knie war sehr langwierig, zudem hat er ein Studium begonnen. Dass er sich qualifiziert hat, ist sehr hoch einzuschätzen – umso mehr tut es mir für ihn leid, dass er sich in Berlin nicht so präsentieren konnte, wie er es verdient hätte. Er war schon über 100 Meter ein bisschen fest, konnte nicht so frei laufen wie bei der Qualifikation. Und im Weitsprung war es dann eine Mischung aus Übermotivation und fehlender Handlungsfähigkeit. Er konnte seinen Fehler im Anlauf einfach nicht abstellen.

Mathias Brugger hat trotz dieser Enttäuschung noch vier weitere Disziplinen bestritten. Warum das?

Er hatte mit Sicherheit das Gefühl, noch etwas schuldig zu sein. Den Fans, die dort waren. Und seinem Trainingspartner Arthur. Ihm wollte er im Stadion beistehen. Man kann da unten selbst bei 50 000, 60 000 Zuschauern ganz schön alleine sein. Mathias und Arthur sind im Trainingslager vorher sehr eng zusammengerückt. Mathias wollte Arthur unterstützen. Und natürlich auch Niklas Kaul, der als Vierter bei seinen ersten großen Meisterschaften einen tollen Wettkampf gemacht hat.

Arthur Abele hatte bereits als Sieger beim Zehnkampf in Ratingen seine Form gezeigt.  Mit Manuel Eitel und Tim Nowak haben dort zwei weitere junge Ulmer Zehnkämpfer mit 8100- und 8000-Punkte-Resultaten überzeugt. Wie sehen Sie die Zukunft des Mehrkampf-Stützpunkts Ulm?

Sehr positiv! Die Leistungskurve aller Ulmer Zehnkämpfer hat in diesem Jahr nach oben gezeigt, fast alle haben Bestleistung erzielt. Dazu haben wir mit Manuel und Tim zwei neue Mitglieder im 8000er-Kreis. Alle sind bisher unverletzt aus der Saison gekommen, die Zeichen stehen auf Grün und damit voll auf Angriff. Wir wollen auch im nächsten Jahr und dann natürlich im Olympia-Jahr 2020 Deutschland und der Welt zeigen, was wir draufhaben.

Für einen Tag zurück im Olympiastadion

Alle sechs aktuellen deutschen Europameister gehen am Sonntag beim Istaf in Berlin an den Start, darunter Arthur Abele. Die Organisatoren nahmen kurzfristig einen Hochsprung-Wettkampf mit Mateusz Przybylko ins Programm. Abele wird die 110 Meter Hürden laufen, für Gold-Gewinnerin Christin Hussong wird ein Speerwurf-Wettkampf mit vier Teilnehmerinnen geschaffen. Die Wettbewerbe für Malaika Mihambo (Weitsprung), Gesa Felicitas Krause (3000 Meter Hindernis) und Thomas Röhler (Speerwurf) waren schon zuvor eingeplant gewesen. Abele will dann am 15./16. September noch den Zehnkampf in Talence/Frankreich in Angriff nehmen.

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