Schwäbisch Hall Haller Footballlegende Gehrke blickt zurück

Siegfried Gehrke ist Gründungsmitglied der Unicorns. Von 1991 bis 2016 leitete er als Headcoach das Team. Seitdem fungiert er als sportlicher Direktor bei den Haller Footballern.
Siegfried Gehrke ist Gründungsmitglied der Unicorns. Von 1991 bis 2016 leitete er als Headcoach das Team. Seitdem fungiert er als sportlicher Direktor bei den Haller Footballern. © Foto: dpa
Schwäbisch Hall / Viktor Taschner 14.07.2018
Siegfried Gehrke hat den American Football in Schwäbisch Hall mit seinen Weggefährten etabliert. Im Interview spricht er über die Geschichte der Unicorns.

Die Schwäbisch Hall Unicorns haben sich von einer grauen Maus zu dem sportlichen Aushängeschild der Stadt entwickelt. Ikone Siegfried Gehrke blickt auf die Anfänge zurück und spricht auch über die Herausforderungen von heute.

Herr Gehrke, welche Argumente haben 1983 das TSG-Präsidium davon überzeugt, eine American-Football-­Abteilung zu gründen und Startkapital zur Verfügung zu stellen?

Siegfried Gehrke: Damals war die Mentalität noch eine andere. Heute kommt Geldgeben, wenn man nicht sofort eine Rendite sieht, gar nicht in Frage. Damals hatte die TSG offensichtlich etwas Geld übrig, und in den frühen 80er-Jahren standen viele Unternehmen und Vereine finanziell gut da. Ich hatte zwar noch wenig Bezug zur TSG, aber meine Mitstreiter Nicolas Bendel und Michael Silzle kannten den damaligen Vorsitzenden Roland Schmid und gingen einfach auf ihn zu. Die treibende Kraft im TSG-Präsidium war aber der damalige technische Leiter Fritz Mack, der sich sehr für uns einsetzte.

Wie viel Geld haben Sie für den Start gebraucht?

Ich glaube, es waren 17 000 D-Mark. Wir sind mit einem Ford Transit nach München in ein Fachgeschäft gefahren. In ganz Deutschland gab’s vielleicht drei solcher Shops. In München haben wir dann das Auto mit 35 Helmen und Schulterschützern vollgeladen. Passenderweise kurz vor Weihnachten wurden die Sachen dann an die Mitspieler verteilt. Wir haben nicht alle vorher vermessen, sondern geschaut, dass es ungefähr dem Bevölkerungsdurchschnitt entspricht.

Wie muss man sich die ersten Trainingseinheiten vorstellen?

Die wurden von amerikanischen Soldaten aus dem Camp Dolan geleitet. Sie haben es dann auch sehr militärisch aufgezogen. Es erinnerte an den Film „Full Metal Jacket“ (lacht). Liegestützen, Sit-ups und Gebrüll – aber es kam gut an (lächelt). Es war eben was ganz anderes als das, was man vom Fußball gewohnt war.

Es ging ja dann relativ schnell nach oben für das Team …

Ja. Wir sind in der zweiten Bundesliga gestartet. Im ersten Jahr haben wir zwei Spiele gewonnen, im zweiten schon vier oder fünf und im dritten sind wir dann bereits Meister geworden.

Aber dann kamen die schwierigen 90er. Hat die Auflösung des Camp Dolan 1993 den Verein hart getroffen?

Ja und nein. Wir wurden zwar von der Versorgung mit amerikanischen Spielern und Trainern abgeschnitten. Von 1984 bis Mitte der 90er hatten wir immer bis zu acht amerikanische Soldaten im Team. Das war mal mehr als weniger verlässlich, weil Leute mitten in der Saison von der Army versetzt oder abgezogen wurden. Anfang der 90er ging’s dann sportlich bergab, aber wir waren nach knapp zehn Jahren selbst schon so gefestigt, um es selbst in die Hand zu nehmen. 1991 wurde ich dann ja Headcoach. Aber wir mussten da schon eine Talsohle durchschreiten, vor allem bei der Spieleranzahl. Teilweise hatten wir nur noch knapp 20 Mann zur Verfügung.

Wie kam der Verein wieder in die Spur?

Zwei Faktoren haben da eine Rolle gespielt. Zum einen haben wir beim Marketing angefangen, einiges auf die Beine zu stellen. Zum Beispiel haben wir in der Stadt Läden dekoriert, sodass sie grün waren. Das hat sich dann auf die Zuschauerzahlen positiv ausgewirkt. Und zum anderen haben wir 1996 angefangen, selbst Amerikaner aus den USA nach Hall zu holen. Im Rückblick muss man sagen, dass die Amerikaner aus dem Camp Dolan häufig nicht besser waren als die deutschen Spieler. Und wir konnten sie uns nicht aussuchen. Bei den eigenen „Imports“ ist das natürlich anders, sie sind immer Leistungsträger im Team.

Waren diese beiden Punkte ein Teil des Konzepts „Unicorns 2000“?

Ja, genau. Zum Konzept gehörten zum Beispiel auch Freikartenaktionen oder Schulprojekte. Wir mussten in den 90ern überlegen, ob wir weiter in der Oberliga dahindümpeln wollen und vielleicht irgendwann zugrunde gehen oder wollen wir nach oben? Wir haben uns für das Zweite entschieden, aber dafür mussten wir viel Aufwand betreiben.

Der Aufwand hat sich aber gelohnt. Mittlerweile haben die Unicorns drei deutsche Meistertitel (2011, 2012 und 2017) eingefahren. In welchem Bereich wollen sich die Unicorns aktuell weiter verbessern?

Wenn ich zum Beispiel an die Infrastruktur denke, dann ist es gut, dass wir am Hagenbachstadion einen Kunstrasenplatz zum Trainieren haben. Vorher war das ja ein richtiger Acker. Dort haben wir auch einen Geräteschuppen, aber er wird mittlerweile zu klein. Zudem haben wir keine direkte Wasserleitung und müssen das Wasser zum Spielfeld tragen. Auch sanitäre Anlagen am Spielfeld fehlen, und die Tribüne müsste verbessert werden. Diese Sachen sehe ich momentan als Baustellen. Und beim Optima-Sportpark kommen wir schon an die Kapazitätsgrenze. Wenn 3000 Zuschauer da sind, dann sind natürlich alle Sitzplätze weg, und die anderen müssen teilweise in Zehnerreihen stehen. Das ist dann auch kein großes Vergnügen. Aber an den Seiten kann man das Stadion kaum erweitern. Daher wäre es meines Erachtens nur hinter den beiden Endzonen noch möglich, weitere Tribünen aufzubauen.

Ist für die Unicorns der Standort Schwäbisch Hall als Kleinstadt ein Vor- oder Nachteil?

Im Moment sehe ich es noch als Vorteil an. Wir haben uns in Hall zum Sportangebot Nummer 1 gemausert. Wir merken das am Medieninteresse, an den Zuschauerzahlen und am Sponsoreninteresse. Aber was Wachstumsmöglichkeiten betrifft, sind wir hier begrenzt. Wenn man das mit deutschen Großstädten vergleicht, dann nutzen die Teams dort ihr volles Potenzial noch nicht aus. Aber wenn sie anfangen, dies zu tun, dann wird’s für uns wahrscheinlich schwierig, da mitzuhalten. Aber im Moment schaffen wir es noch ganz gut (lächelt).

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