Was für ein Spiel! Nach Spielende brachen alle Euphoriedämme. Selbst hartgesottenen Spielern stand das Wasser in den Augen. Fans, Trainer, Spieler und Betreuer tanzten und fielen sich um den Hals. Der German Bowl XL, das 40. Endspiel um die deutsche American-Football-Meisterschaft, wird lange in Erinnerung bleiben.

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Meist gibt es in einer Sportbegegnung eine Schlüsselszene, die im Nachhinein als „Momentumchanger“ bezeichnet wird. Diese gab es am Samstagabend in Berlin nicht. Es gab gefühlt rund ein halbes Dutzend. Die Fans der Unicorns konnten es kaum fassen. Frankurt Universe verwandelte ihre ersten beiden Angriffe in Punkte. 0:13 hatte Hall in dieser Saison noch nie zurückgelegen. 0:9 war der höchste Rückstand, auch gegen Frankfurt. Die so starke Defense der Haller wurde durch die Angriffe der Frankfurter überrascht. Der Frust brach sich Bahn. Devin Benton brüllte ihn heraus. Die Ehre der Haller Defense war angekratzt.

„Aber ich wusste, dass unsere Verteidigung irgendwann Stop! sagen würde“, meinte Head Coach Jordan Neuman nach dem Spiel. Und das tat sie und zwar mit Nachdruck. Obwohl sie so schlecht gestartet waren, konnten die Haller den Extra-Punkt-Versuch nach dem ersten Frankfurter Touchdown blocken und danach funktionierte die Defense blendend. Universe-Quarterback Andre Elffers wurde gejagt, gesackt und immer wieder unter Druck gesetzt.

Die Haller Fans schöpften Hoffnung, zumal im zweiten Viertel Marco Ehrenfried ein langer Touchdown-Pass auf Tyler Rutenbeck gelang. Tim Stadelmayr verwandelte den Extra-Punkt-Versuch. „Man kann über Marco sagen, was man will“, meinte Jordan Neuman, „aber immer, wenn er mit dem Rücken zur Wand steht, liefert er.“ Hall hatte sich ins Spiel gekämpft, regelrecht hineingefressen und ging bis an die Schmerzgrenze.

Oder auch fast darüber hinaus. Nate Robitaille fing nach der Pause einen Pass in der Endzone und bekam direkt nach dem Catch von Johnattan Silva Gomez heftig eine mit. „Einige dachten ich sei k.o., doch das stimmte nicht“, meinte Robitaille nach dem Spiel. Silva Gomez wurde von den Schiedsrichtern des Feldes verwiesen. Für Neuman war der gefangene Ball Robitailles „der beste Catch, den ich bislang gesehen habe“.

Schwäbisch Hall

Knoblauchs Touchdown

Keine 60 Spielsekunden später lagen sich die Unicorns wieder in den Armen. Nikolas Knoblauch lief zum Touchdown. In diesem Fall ist das Wort „ausgerechnet“ angebracht. Ausgerechnet Koblauch. „Ich habe die vergangenen zwei Wochen nur Inside Linebacker trainiert, da nicht klar war, ob Nick Alfieri würde spielen können oder falls ja, wie lange“, berichtete Knoblauch mit Tränen der Freude in den Augen.

„Nick hielt durch und ich war wieder Outside Linebacker.“ Und deshalb in der Position, um Unicorns-Geschichte zu schreiben. Frankfurts Quarterback Andre Elffers verlor den Ball, Knoblauch nahm ihn auf und lief los. „Ich habe aus den Augenwinkeln nur gesehen, dass Devin Benton hinter mir einen abgeräumt hat und dann bin ich nur noch gerannt.“ Bis in die Endzone, bis zum Touchdown, bis zum exzessiven Jubel. Knoblauch wurde zum MVP (most valuable player), zum besten Spieler des Spiels gewählt. Ein Akteur der Defense – auch das war ein Zeichen dafür, wie gut sie trotz der anfänglichen Schwäche war.

Das sportliche Drama spitzte sich zu, als Frankfurt zum 21:19 kam. 1:33 Minuten waren noch auf der Uhr und die „Men in purple“, die diesmal in orange antraten, hatten mit einem Onside-Kick Erfolg, kamen wieder in Ballbesitz. Sieben Sekunden vor dem Ende kam Marius Duis aufs Feld. Der Kicker der Universe versuchte sich an seinem dritten Fieldgoal.

Die ersten beiden gingen daneben, und auch diesmal schaffte er es nicht. Aus, vorbei, die Unicorns werden zum vierten Mal Deutscher Meister.