Moment mal, bitte! „Für mich ist es eine Premiere“

Klaus Böhme in der Praxis mit Unicorn Tyler Rutenbeck.
Klaus Böhme in der Praxis mit Unicorn Tyler Rutenbeck. © Foto: Ufuk Arslan
Schwäbisch Hall / Hartmut Ruffer 13.10.2018

Seit fast zwei Jahren sind Klaus Böhme und seine Kollegen aus dem Medizinischen Versorgungszentrum im Qmediko die Teamärzte der Schwäbisch Hall Unicorns. Bei jedem Spiel ist mindestens einer von ihnen am Spielfeldrand mit dabei, die ehrenamtliche Arbeit geht aber weit darüber hinaus.

Herr Böhme, wie wird man Mannschaftsarzt der Unicorns?

Klaus Böhme: (lächelt) Mein Kollege Dr. Ingo Spranger hat das früher schon einmal gemacht. Als wie hier im Qmediko zu dritt angefangen haben, haben wir uns mit den Unicorns-Verantwortlichen getroffen und über eine Zusammenarbeit gesprochen. Wir kamen schnell überein.

Hatten Sie vorher bereits Erfahrung mit American Football gesammelt?

Ich habe immer ein wenig NFL geguckt, aber sonst keine Berührungspunkte. Das Einarbeiten aber geht recht schnell.

Die Zuschauer sehen Sie und Ihre Kollegen bei den Spielen, doch Ihre Arbeit geht weit darüber hinaus.

Ja, die eigentliche Arbeit ist hier in der Praxis. Und es geht auch nicht nur um die Behandlung von akuten Verletzungen, sondern auch um die Beurteilung des Spielers hinsichtlich Spielfähigkeit und die Prävention von Verletzungen. Wir wollen, dass die Spieler möglichst die ganze Saison über spielfähig sind.

Sind Sie auch im Training dabei?

Ja, ich schaue oft am Freitagabend zu. Dabei geht es auch darum, Vertrauen aufzubauen, gegenüber den Spielern, aber auch gegenüber den Trainern. Spieler mit kleineren Blessuren sollten beispielsweise nicht permanent voll trainieren.

Sehen die Spieler das manchmal anders?

Das kann vorkommen, man muss die Jungs auch mal bremsen. Gerade vor den entscheidenden Begegnungen sind alle geil darauf, zu spielen. Aber es ist nun mal so: Wenn eine Muskelverletzung 9 bis 17 Tage zur Regeneration braucht, der Spieler aber nach 14 Tagen schon wieder voll trainiert, weil er sich gut fühlt, ist das ein Risiko. Denn eine Folgeverletzung kann weitaus schlimmer sein. Es gibt Spieler, die sich intensiv damit auseinandersetzen.

Fällt Ihnen dazu ein Beispiel ein?

Nick Alfieri. Er hat eine professionelle Einstellung. Er tut alles dafür, um fit zu werden und überrascht mich dabei auch mit Detailfragen.

Ein größeres Thema in den USA sind die Gehirnerschütterungen und deren Folgen.

Ja, in den Profiligen gibt es bei Gehirnerschütterungen mittlerweile exakt einzuhaltende Protokolle. Die Spieler werden dann auch unmittelbar durch einen neutralen Arzt der Liga untersucht und die Ergebnisse mit denen eines vor der Saison bei allen Spielern durchgeführten Tests verglichen, dem sogenannten SCAT-3-Test. Bei Auffälligkeiten wird der Spieler sofort aus dem Spiel genommen. Dieses Verfahren ist sehr aufwendig und auch im hochklassigen Amateursport nicht abzubilden. Wir verwenden bei Gehirnerschütterungen kleinere Testverfahren, die von großen Sportverbänden wie der Fifa oder dem internationalen Eishockey- und Rugbyverband ausgearbeitet wurden und die auch durch Betreuer und Physiotherapeuten angewendet werden können. Spieler, die auffällig sind, nehmen wir umgehend aus dem Spiel, auch wenn oft der Spieler selbst die geringste Einsicht hat. Die Coaches sind da kein Problem. Nach einer Gehirnerschütterung brauchen die Spieler viel Ruhe, bekommen einen Ablaufplan und dürfen frühestens nach einer Woche wieder spielen.

Manche sehen im Football eine „gefährliche“ Sportart. Was sagen Sie als Mediziner dazu?

Football mag etwas riskanter als die klassischen europäischen Teamsportarten sein. Doch man muss differenzieren, auch dort passieren eine ganze Reihe Verletzungen. Ein Fußballer kann mit einem gebrochenen Finger spielen, beim Football braucht man eben Hände und Füße. Im Bereich der Schulter ist die Verletzungswahrscheinlichkeit bei Handballern sicherlich größer. Football ist in meinen Augen nicht besser oder schlechter als andere Sportarten.

An diesem Samstag steht nun das Finale an. Inwieweit unterscheidet sich für Sie die Vorbereitung gegenüber einem regulären Saisonspiel?

Für uns Ärzte ist es unerheblich, ob es ein Finale oder ein anderes Spiel ist. Aber die Trainer sind wesentlich nervöser (lächelt). Auch die Spieler sind natürlich angespannt. Für mich ist es erstaunlich, was sie auf sich nehmen. Die Spieler bekommen kein Geld. Da ist noch jede Menge Enthusiasmus dabei. Insoweit ist Football noch ein Stück weit ehrlicher als manch andere Sportart, in der viel Geld im Umlauf ist. Zumindest empfinde ich es so.

Sind Sie in Berlin dabei?

Ja, für mich ist es eine Premiere. Ich konnte im vergangenen Jahr nicht mitfahren, war aber trotzdem auf eine gewisse Weise dabei.

Wie meinen Sie das?

Nate Robitaille hatte 2017 nach einem Tackle Probleme am Hals. Die entscheidende Frage war: Hat er etwas an der Halswirbelsäule oder nicht? Mein Kollege war vor Ort, hat mich in der Halbzeit dann angerufen, weil ich in den Tagen zuvor öfter mit Nate zu tun hatte. Es ging nicht um eine Diagnose, sondern um die Frage: Wie tickt dieser Spieler? Sagt er ehrlich, wenn er starke Schmerzen hat oder nicht? Hätte Nate etwas an der Halswirbelsäule gehabt, hätte er nicht zurückkehren dürfen. Dem war zum Glück nicht so.

Wie lange wollen Sie Teamarzt der Unicorns bleiben?

Pauschal kann ich das nicht beantworten. Es geht natürlich nur im Team mit den Kollegen Keller, Spranger, Arbogast und Burgschweiger. Momentan macht es trotz der vielen Zeit, die wir unentgeltlich investieren, einfach Spaß. Abseits der „normalen“ Arbeit bedeutet ein Begleiten eines Sportteams eine andere Arbeit. Es ist ein anderes Denken und auch eine andere Medizin. Und das ist einfach spannend.

Steckbrief Klaus Böhme

Geburtstag: 1. Mai 1977
Geburtsort: Frankfurt/Main
Wohnort: Schwäbisch Hall
Familienstand: verheiratet, zwei Kinder
Beruf: Chirurg, Orthopäde und Unfallchirurg
Hobbys: Familie, Golf, Radfahren
Bisherige Stationen: seit 2017 einer von mehreren Teamärzten der Schwäbisch Hall Unicorns

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