Moment mal, bitte! „Ein Akt der Gefühle“

Baran Özdemir in seinem Wettkampftrikot. Bei Dart-Wettkämpfen trägt er den Spitznamen „The Lion“, der Löwe. Sein Motto: „Try it and do it“.
Baran Özdemir in seinem Wettkampftrikot. Bei Dart-Wettkämpfen trägt er den Spitznamen „The Lion“, der Löwe. Sein Motto: „Try it and do it“. © Foto: David Kültür Fotografie
Ilshofen / Hartmut Ruffer 28.07.2018

Erst seit wenigen Monaten wohnt Baran Özdemir in Ilshofen. Der gebürtige Miltenberger spielt Darts, seit er sieben ist. In seinen 24 Jahren hat er schon einiges erlebt. Aufgewachsen in schwierigen Familienverhältnissen hat Baran Özdemir bereits gemodelt und war Schauspieler. Seit zwei Jahren konzentriert er sich voll auf den Darts-Sport.

Herr Özdemir, Sie haben schon in einigen Städten gelebt. Warum sind Sie jetzt nach Ilshofen gezogen?

Baran Özdemir: Meine Verlobte wohnt hier. Und auch für meinen Sport ist es schön: Ich habe hier die Ruhe zu spielen und zu trainieren. Kürzlich habe ich mein Board mit auf einen Berg genommen und dort trainiert. Es stimmt, dass ich mit meinen knapp 25 Jahren schon einiges gesehen habe. Aber ich wollte nie auf der Strecke bleiben. Jetzt habe ich hier das Gefühl, dass alles passt.

Sie haben in der Kneipe, die Ihre Eltern betrieben haben, mit dem Darts spielen begonnen. War das von Anfang ein Wunsch, das später professionell zu betreiben?

Nein. Zunächst wollte ich Fußballer werden. Ich habe bei Borussia Dortmund in der A-Jugend gespielt und sollte zur zweiten Mannschaft von Aston Villa wechseln. Doch ich habe mir das Steißbein gebrochen, war acht Monate verletzt. Damit war dieser Weg hinfällig.

Was folgte dann?

Ich wurde von einem Fotografen angesprochen, ob ich nicht modeln möchte. Es folgten ein paar Shootings und ich konnte auch als Schauspieler arbeiten. Ich war Kleindarsteller bei Stromberg, Alarm für Cobra 11 und bei einigem mehr. Habe in Basel auch mein Diplom an der Schauspielschule gemacht. Ich habe während dieser Zeit immer nebenbei Darts gespielt, es war ein Teil meines Lebens.

Können sie den Moment festmachen, als Sie sich für eine professionelle Karriere entschieden haben?

Als ein Sponsor kam und ich merkte, dass ich damit Geld verdienen kann (lacht). Im Ernst: Es geht mir nicht darum, damit reich zu werden. Darts ist für mich eine Art Liebe. Es gibt mir ein gutes Gefühl.

Die Gefühle beim Darts können wie bei jedem anderen Sport völlig unterschiedlich sein…

Oh ja! Ein Akt der Gefühle! Bei einem Turnier in der Türkei traf ich im Halbfinale auf einen Iraner, Mehdi Dehghan. Weil er den gleichen Vornamen hat wie mein kleiner Bruder, war er für mich ein besonderer Gegner. Beim Warmspielen standen wir am gleichen Board. Ich habe immer verloren. Im Halbfinale aber habe ich gewonnen. Ich wollte es unbedingt und hatte ein Fünkchen mehr Glück als er.

In Deutschland steigt zwar die Zahl der Dartsspieler an, jedoch sind es vor allem Akteure, die elektronisches Darts spielen. Sie aber spielen die Steel-Variante. Warum?

Früher habe ich jahrelang E-Darts gespielt, bin vor fünf Jahren aber vorrangig auf Steeldarts umgestiegen. Es ist angenehmer, es ist ruhiger als das „Bimmeldarts“. Außerdem ist es auch ökonomisch sinnvoller: Beim E-Darts zahle ich 2 Euro für 5 Spiele. Beim Steeldarts hänge ich die Scheibe auf, muss nichts bezahlen und kann solange spielen, wie ich will.

Wie häufig trainieren Sie?

Drei- bis viermal die Woche für vier bis fünf Stunden am Stück. Darts ist aber nicht werfen, sondern auch am Oche – so wird die Abwurflinie genannt – stehen, rechnen und immer wieder die Hand heben. Rechnen deshalb, weil im Gegensatz zum E-Darts der Spieler selbst zählen und wissen muss, wie viele Punkte er noch zu erzielen hat.

Die Weltmeisterschaft des Verbandes PDC ist in Deutschland mittlerweile sehr bekannt. Wann werden wir Sie dort sehen?

(lächelt) Mit der PDC habe ich es, warum auch immer, nicht so. Ich habe zuletzt fast jedes Qualifikationsturnier gespielt, aber dabei regelmäßig bescheiden gespielt. Vielleicht war ich zu nervös, jedenfalls ist das bitter für mich.

Es gibt ja noch den anderen Weltverband BDO. Der, so heißt es, sei aber nicht so stark besetzt. Stimmt das?

Das sehe ich nicht so. Fakt ist, dass die PDC ihre Wettbewerbe besser vermarktet, aber der jetzige PDC-Weltmeister Rob Cross kam von der BDO und hat bei der PDC sofort eingeschlagen. Und es gibt nicht nur ihn. Ich werde meinen Fokus zunächst auf die BDO-Wettbewerbe legen. Wenn ich dort erfolgreich bin, werde ich auch wieder bei der PDC anklopfen. An der WM im Ally Pally teilzunehmen, ist der Traum jedes Dartsspielers.

Sie sind kurdisch-arabischer Abstammung, haben für die türkische Nationalmannschaft gespielt. In Zukunft wollen Sie für Deutschland spielen. Was hat Sie zu dem Wechsel bewogen?

Das hat verschiedene Gründe. Ich lasse mich nicht über den Tisch ziehen. Ein Beispiel: Bei einem Turnier sollte ich 370 Euro erhalten, bekommen habe ich 370 Lira, also nur knapp 70 Euro. Das hat nicht mal für mein Budget der Reise gereicht. Im Oktober werde ich bei den Turkish Open antreten – für Deutschland. Ich nenne es „mein Trotzturnier“ (lacht).

Und was haben Sie hier vor Ort in Ilshofen vor?

Ich habe hier einen Dartsclub gegründet, die DC Lions Ilshofen, die in der Sports Bar spielen. Momentan versuche ich, regionale Sponsoren zu akquirieren, denn dadurch möchte ich auch meine Verbundenheit zu dieser Gegend ausdrücken.

Steckbrief Baran Özdemir

Geburtstag: 28. September 1993
Geburtsort: Miltenberg
Wohnort: Ilshofen
Familienstand: verlobt
Beruf: Dartsprofi
Hobbys: Darts, Familie, Fußball, Lesen, Reisen
Bisherige Stationen: Borussia Dortmund, Arminia Bielefeld, Kehler FV (Alle Fußball)
Größte sportliche Erfolge: zweifacher deutscher Jugendmeister, sechsfacher türkischer Meister, zweimaliger türkischer Meister im Doppel, zweimal Vize-Europameister, 2. Platz bei den Mediterranean Open 2018

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