Eissport Reutlingen Traum von zweiter Halle treibt alle um

Auch für Tamika Neuscheler ist die Eissaison in Reutlingen vorbei. Am vergangenen Sonntag aber durfte die Eiskunstläuferin noch den Grand-Slam-Teamsieg mit der TSG beim Achalm-Pokal feiern.

Alexander Mareis

Die Eissaison 2018/19 ist Geschichte, das vom Ammoniak in kilometerlangen Rohren gekühlte Eis taut ab, der blanke Betonboden kommt wieder zum Vorschein. Mit dem Achalm-Pokal der Eiskunstläufer am Sonntag hat die Eishalle Reutlingen ihre Pforten für Schlittschuhläufer nun etatmäßig ein halbes Jahr geschlossen, ehe es am 27. September wieder auf frischem Eis weitergeht.

Wer nun freilich glaubt, dass sich Eishockeyspieler oder Eiskunstläufer monatelang auf die faule Haut legen, weil sie ihrer Leidenschaft auf Kufen nicht mehr frönen können, irrt. „Schon im dritten Jahr in Folge bieten wir Ganzjahressportarten an. Das heißt, dass das ganze Jahr über trainiert wird. Montags und donnerstags wird in Reutlinger Sporthallen geübt – nur in den Schulferien sind diese leider auch für uns geschlossen. In den Weihnachtsferien wird häufig pausiert“, sagt Thomas Schwanzer, Abteilungsleiter Eissport bei der TSG Reutlingen und Spartenleiter Eishockey in Personalunion.

Birgit Moczygemba pflichtet dem längst im Schwabenland heimischen gebürtigen Österreicher bei. „Im Sommer findet das sogenannte Trockentraining statt, da liegt der Schwerpunkt auf Kraft und Ausdauer, aber auch auf Koordination und tänzerischen Elementen im Eiskunstlauf.“ Die 51-Jährige ist Spartenleiterin Eiskunstlauf bei der TSG, übernahm das Amt erst vor Jahresfrist vom Vorgängerduo Manolo Sumbél/Susanne Kazmaier und weiß Nadja Teetzen als Stellvertreterin an ihrer Seite.

„Ich blicke insgesamt auf eine erfreuliche Startsaison für mich persönlich zurück.  Unsere Vorgänger haben gute Vorarbeit geleistet. Es begann für uns mit den Schnupperkursen für Kinder und Erwachsene, bei denen von 65 jungen Teilnehmern immerhin 20 als neue TSG-Mitglieder hängen blieben“, sagt sie.

98 Prozent der Eiskunstlauf-Mitglieder in Reutlingen sind weiblich, Eiskunstlaufbegeisterte von fünf bis 72 Jahren treffen sich an der Rommelsbacher Straße. Bis 2018 hievte Irmtraud Rupp den Altersschnitt sogar noch etwas mehr in die Höhe, die 88-Jährige war praktisch jeden Tag in der Eishalle zu finden, um ihre Pirouetten zu drehen.

„Eine Ausnahmeerscheinung – leider ist sie im Vorjahr verstorben. Irmtraud Rupp stand bis zuletzt auf den Schlittschuhen“, so Moczygemba.

Während des Reutlinger Weihnachtsmarkts  vom 28. November bis 22. Dezember 2018 tauschten die jungen Einkunstläufer die Eishalle an der Rommelsbacher Straße kurzzeitig gegen die seit 2012 von den Eissportfreunden Reutlingen (sie werden ebenfalls von Thomas Schwanzer angeführt) betriebene vorübergehende kleine Eisbahn auf dem Albtorplatz ein, um dort vier Mal mit Eistanzauftritten das Marktpublikum zu erfreuen.

Bei diesen Terminen gingen immer fünf Tänze mit jeweils vier bis acht jungen TSG-Teilnehmern über die Bühne.

Prägend im Saisonverlauf waren TSG-Teilnahmen an regionalen Wettbewerben und auch an den baden-württembergischen Meisterschaften. In Esslingen, Villingen-Schwenningen, Ravensburg, Balingen, Senden, Reutlingen, Stuttgart und Neu-Ulm standen Talente aus der Achalmstadt auf dem rutschigen Untergrund.

Konkurrenzfähig

Die Bilanz konnte sich sehen lassen. Die 15-jährige Laura Beck wurde bei einem hochkarätigen regionalen Wettbewerb in Ravensburg Dritte und ergatterte außerdem Rang vier bei den baden-württembergischen Meisterschaften in Stuttgart.  Damit zeigte sie in einer hohen Kategorie absolute Konkurrenzfähigkeit.

In niedrigeren Kategorien durfte die TSG Reutlingen sogar erste und zweite Plätze bejubeln.

Die letzten drei Wochenenden der Eissaison sahen dann ein Highlight nach dem anderen. Zunächst die Vereinsmeisterschaft am 18. März, gefolgt vom Schaulaufen am 25. März und dann mit dem Achalm-Pokal am 31. März zum Saisonabschluss auch den eigentlichen Höhepunkt.

„Dass sich hinten hinaus die Toptermine dermaßen anhäufen, ist erklärbar. Es hat sich eingespielt, die Vereinsmeisterschaften Mitte März zu veranstalten, weil dann nach vielen Wochen Training und Wettkämpfen einfach eine höhere Leistung zu erwarten ist als zu Saisonbeginn. Ähnlich verhält es sich mit Schaulaufen und Achalm-Pokal“, verrät Birgit Moczygemba.

Speziell der Achalm-Pokal wartete dann mit einem Paukenschlag auf. Bei ihm kommt die Grand-Slam-Wertung, bei der die Reutlinger Ergebnisse zu jenen von verknüpften, vorherigen Turnieren in Neu-Ulm, Balingen und Senden addiert werden, zum Tragen.

„Wir gingen als Mannschaftsdritter in den Heimwettkampf und beendeten selbigen als Seriengesamtsieger. Dieser Sprung von drei auf eins war eine dicke Überraschung“, freute sich Birgit Moczygemba.

TSG-Küken Tessa Krajinovic, erst fünf Jahre alt und in der gerade beendeten Saison frisch in den Eiskunstlauf eingestiegen, trug mit Platz eins bei ihrem erst zweiten Wettbewerb in der Kategorie Eismäuse maßgeblich zum Teamtriumph bei. Ferner gab es für die Achalmstädter zum Ausklang an der Rommelsbacher Straße in Einzelwertungen auch noch drei zweite Plätze und ein Mal Rang drei zu feiern.

Für die 130 im Eiskunstlauf registrierten TSG-Mitglieder, die von sieben Trainern und acht Übungsleitern betreut werden, sieht die Spartenleiterin für die Zukunft gute Perspektiven. „Wir wissen natürlich, dass wir mit den aktuellen Eiszeiten an Grenzen stoßen und mit vielen anderen Vereinen nicht wirklich konkurrieren können. Während woanders täglich trainiert werden kann, stehen uns nur zwei Mal pro Woche je drei bzw. zwei Stunden Vereinstraining in Reutlingen zur Verfügung. Und die Musikläufer haben zusätzlich am Sonntagmorgen die Möglichkeit, in eineinhalb Stunden ihre Küren einzustudieren. Jeder Wettkämpfer kommt somit auf nicht mehr als zwei Stunden reguläres Wochentraining, wobei viele natürlich auch noch individuell an sich feilen und im öffentlichen Publikumslauf üben“, bedauert Moczygemba.

Hoffnung auf zweite Eishalle

Einen großen Hoffnungsschimmer teilt sie sich mit Thomas Schwanzer, dem Abteilungsleiter und Spartenleiter Eishockey. Die Vision von einer zweiten, kleineren Eishalle lebt in Reutlingen mehr denn je auf. Im anstehenden Sommer soll es konkrete Neuigkeiten dazu geben.

Die Pläne sind bereits ins Rathaus vorgedrungen und natürlich wünschen sich alle Reutlinger Eissportler, dass sich vielleicht in den nächsten Jahren etwas tut und tatsächlich nur wenige Meter neben der bestehenden, vor 40 Jahren von Tilo Fritz’ Vater Karl gegründeten Eishalle eine zweite eine mehr als willkommene Alternative anbietet.

Es wäre ein Quantensprung für den Reutlinger Eissport, der 2018 sein 30-jähriges Jubiläum feierte.

„Auch wir beim Eishockey haben Zulauf von Jugendlichen, woran der sensationelle Silbermedaillengewinn der deutschen Nationalmannschaft bei den Olympischen Winterspielen 2018 im südkoreanischen Pyeongchang sicherlich Anteil hatte“, meint Schwanzer.

Aktionen mit Kindergärten und beim Weihnachtsmarkt spülten ebenso neue Interessenten zu den Eishockeycracks. Im Nachwuchs müht sich die TSG Reutlingen an der Seite des EC Eisbären Balingen als Spielgemeinschaft in diversen Altersstufen auf höchster baden-württembergischer Ebene nach Leibeskräften, muss gegen die überlegene Konkurrenz aus Mannheim, Schwenningen, Bietigheim oder Heilbronn (alles Profi-Eishockeystandorte) in der Regel aber turmhohe Niederlagen einstecken.

„Die anderen Vereine trainieren vier Mal die Woche und haben zehn Monate Eis zur Verfügung, bei uns sind es sechs Monate in Reutlingen und zeitgleich fünf Monate in Balingen bei zwei Übungseinheiten pro Woche. Damit kann man nicht wirklich konkurrenzfähig sein“, macht Schwanzer klar.

Immerhin: Bei der U13 verfügen die Reutlinger/Balinger über drei baden-württembergische Auswahlspieler, bei der U15 über deren zwei.

 Eine insgesamt sicherlich unbefriedigende Saison lieferten die Aktiven der TSG Black Eagles Reutlingen in der Eishockey-Landesliga Baden-Württemberg ab. Die Truppe von Trainer Roberto Cazacu, von 1989 bis 2005 A-Nationalspieler Rumäniens und in seinem Heimatland 13-maliger Landesmeister mit Steaua Bukarest sowie später Erstligaspieler in Spanien, hatte sich fraglos mehr als den letzten Platz erhofft.

„Ich will eigentlich jedes Spiel gewinnen. Allein deswegen bin ich schon enttäuscht. Ich gebe mir selbst einen Großteil der Schuld am mäßigen Saisonverlauf, möglicherweise habe ich die Mannschaft taktisch nicht immer optimal eingestellt oder nicht ausreichend motivieren können“, geht der 45-Jährige hart mit sich ins Gericht.

Fakt ist freilich auch, dass dem Coach aus unterschiedlichen Gründen selten ausreichend Personal zur Verfügung stand und er daher selbst sieben Landesliga-Spiele bestreiten musste. „Ich wiege inzwischen 113 Kilogramm. Eigentlich keine Verfassung für Punktspielbetrieb“, meint Cazacu, der hofft, dass 2019/20 wieder mehr Aufwind für seine „schwarzen Adler“ zu bieten hat.

„Ich hoffe auf unseren Nachwuchs. Mit Enrico Fritz und  Arnold-Jozsef Koncsag stehen uns zwei Spieler mit viel Zukunftspotenzial zur Verfügung. Das dürfte auch den Abgang von Lukas Borchert nach Stuttgart verkraften lassen“, glaubt der Coach, der 2019/20 in sein drittes Jahr als Reutlinger Cheftrainer gehen wird.