Reutlingen Keiner sägt am Thron des SSV

Die Reutlinger Eishockeycracks der TSG Black Eagles absolvieren ihre Heimspiele in der Eishalle an der Rommelsbacher Straße. Mehr als 100 Zuschauer schauen in der fünftklassigen Landesliga Baden-Württemberg hierbei den Puckjägern eher selten zu.
Die Reutlinger Eishockeycracks der TSG Black Eagles absolvieren ihre Heimspiele in der Eishalle an der Rommelsbacher Straße. Mehr als 100 Zuschauer schauen in der fünftklassigen Landesliga Baden-Württemberg hierbei den Puckjägern eher selten zu. © Foto: Baur
Reutlingen / Von Alexander Mareis 20.12.2018

Seit Jahren schwächelt der Spitzensport in Reutlingen – zumindest, was die hierzulande ganz populären Sportarten, welche das Gros der Zuschauer anlocken, angeht.

Fußball war in Reutlingen die Nummer eins, seit man denken kann. Der SSV Reutlingen, der 1965 sogar am Aufstieg in die 1. Bundesliga vorbeischrammte, hielt sich meist auf zweiter oder vor allem dritter Ebene bundesweit auf. Seit acht Jahren gilt diese Faustregel nicht mehr, die Kreuzeichekicker dümpeln in den Niederungen der fünftklassigen Oberliga Baden-Württemberg umher, duellieren sich mit kaum bekannten Vereinen wie  FC Germania Friedrichstal, SV Spielberg oder TSV Ilshofen. Fußballfesttage wie das Derby mit Ex-Bundesligist Stuttgarter Kickers, wie am Sonntag vor 6350 Zuschauern im Degerlocher Gazi-Stadion auf der Waldau, beweisen zwar die weiterhin vorhandene Zugkraft schwäbischer Traditionsvereine, sind aber doch die Ausnahmen.

Umso verwunderlicher, dass in Reutlingen nicht klappt, was woanders längst Normalität ist – nämlich, dass andere Sportarten den ehemals übermächtigen Fußballern komplett die Vorherrschaft abringen und sie aus allen Schlagzeilen verdrängen. In Ludwigsburg (94 000 Einwohner) hätte in den 1970er und selbst in den 1980er Jahren kaum jemand daran gedacht, dass die damals noch drittklassigen Fußballer der SpVgg 07 Ludwigsburg einmal total in der Versenkung verschwinden und von den seit 2002 durchgehend erstklassigen Basketballern der MHP Riesen Ludwigsburg durchweg als sportliche Attraktion der Barockstadt abgelöst werden würden. Derzeit stehen die Gelb-Schwarzen vom Fuchshof auf Tabellenplatz 13 der Bezirksliga Enz-Murr.

Heilbronner Fußball-Elend

Nicht anders in Heilbronn mit seinen mehr als 125 000 Bewohnern, wo der Fußball massiv kränkelt, die Fusion zwischen dem in die Insolvenz gegangenen Platzhirsch VfR Heilbronn und der  Heilbronner Spielvereinigung zum FC Heilbronn 2003 nur noch eine weitere Fusion 2012 mit dem ehemals ebenfalls ruhmreichen FV Union Böckingen zum FC Union Heilbronn hervorbrachte, aber keinerlei sportlichen Erfolg. Im Gegenteil: Auch aus Frust über die verheerende Lage – zu mehr als zur Bezirksliga Unterland hat es beim neuen Gebilde nicht gereicht – gründeten ehemalige VfR-Mitglieder nun den VfR Heilbronn mit einem Zahlendreher im Klubnamen (VfR Heilbronn 96-18 statt ehemals VfR Heilbronn 1896) im Mai diesen Jahres neu und führen mit ihren Schwarz-Weißen immerhin gleich die Tabelle der Kreisliga B2 Unterland an. Gegen die drittklassigen Handballer des TSB Heilbronn-Horkheim oder die zweitklassigen Eishockeyspieler der Heilbronner Falken haben sie freilich im Ringen um die Gunst von Zuschauern, Sponsoren und Medien keine Chance.

Die Liste ließe sich durchaus noch fortführen, soll aber an dieser Stelle mit Ulm (mehr als 125 000 Einwohner, mit seiner bayerischen Schwesterstadt Neu-Ulm sogar rund 180 000) enden. Im Basketball spielt Ratiopharm Ulm in der Bundesliga und im Europapokal, füllt seine Arena laufend mit 6200 Zuschauern, während kaum vier Kilometer Lauflinie davon entfernt der viertklassige Regionalligist SSV Ulm 1846 Fußball vor aktuell 1977 Zuschauern im Schnitt im meist gähnend leeren Donaustadion antritt. Nur im DFB-Pokal rennen die Fans den 1999/2000 noch in der Bundesliga vertretenen Spatzen, die auch acht Zweitliga-Jahre auf dem Buckel haben, die Bude ein: 18 400 Schaulustige wohnten der 2:1-Sensation gegen Pokalverteidiger Eintracht Frankfurt bei, 17 000 wollten das ebenfalls ausverkaufte Zweitrundenmatch gegen Fortuna Düsseldorf (1:5), bei veränderten Kapazitätsbestimmungen in den Stehblöcken, sehen.

Die fünftklassigen Reutlinger SSV-Fußballer haben nach zehn Oberliga-Heimspielen der laufenden Runde zwar „nur“ 1155 Besucher im Schnitt, sind und bleiben aber trotz aller Dürrezeiten das gefühlte Aushängeschild der knapp 116 000 Achalmstädter.

Niemand sägt am Thron

Weder Basketball noch Handball oder Eishockey können an der Echaz König Fußball vom Thron stoßen. Die langen Kerle der Regionalliga-Basketballer der TSG Volksbank Reutlingen gehen meist vor gut 200 Zuschauern in der Fünftklassigkeit auf Korbjagd. Die Reutlingen Eagles, die American Footballer des SSV Reutlingen, konnten immerhin im Aufstiegsheimspiel zur Oberliga gegen die Ostalb Highlanders bis zu 700 Zuschauer zählen, die während der Partie an den Nebenplatz der Kreuzeiche pilgerten.

Zwischen 50 und 250 Zuschauer wurden in der Statistik der Landesliga-Handballer der TSG Reutlingen bei deren jüngsten Heimauftritten erfasst. Kein Vergleich natürlich mit den nebenan heimischen Handballern des VfL Pfullingen, die in der 3. Liga Süd in der Regel 500 bis 600 als Unterstützer in der Kurt-App-Halle hinter sich wissen.

Nur 50 Interessierte schauen sich üblicherweise die Darbietungen der Reutlingen Woodpeckers in der Baseball-Bezirksliga an.

Geradezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit tauchen die Wasserballer der SSG Reutlingen/Tübingen in der Verbandsliga ab. Am Beckenrand im Freibad Markwasen stehen oft nur 15 bis 20 Neugierige, wenn die SSG-Spieler versuchen, den Ball im gegnerischen Kasten unterzubringen.

Anders – auch bedingt durch große sportliche Erfolge – die Tennisherren des TV Reutlingen. Im Sommer waren mitunter über den Tag verteilt fast 1000 Menschen an der Rudolf-Harbig-Straße bei Bundesliga-Heimevents anzutreffen. Freilich meist ein Kommen und Gehen. Und nicht selten fanden zeitgleich auf den weiteren Plätzen der weitläufigen Anlage noch Matches der niederklassigeren Herren II oder der Damen des TVR statt.

Die Emotionen und Stimmung von Tennisspielen allerdings mit denen vom Fußball, Handball, Eishockey oder Basketball vergleichen zu wollen, wäre grotesk. Beim „weißen Sport“ ist weitgehend Ruhe angesagt, weil sich die Racketschwinger bei ihren Aufschlägen und folgenden Aktionen gerne konzentrieren, ohne durch Zwischenlaute gestört zu werden.

Eishockey kommt nicht in Gänge

Bleiben noch die Eishockeycracks der TSG Black Eagles Reutlingen (siehe auch nebenstehend) übrig. Sie schienen vor Jahren auf einem besseren Weg zu sein, nachdem Freikarten und Werbeaktionen mitunter mehrere hundert Zuschauer in die Eishalle an der Rommelsbacher Straße spülten und ein einziges Mal auch schon an der Tausender-Marke gekratzt wurde. Inzwischen aber kann kein Aufwärtstrend mehr registriert werden. „Es sind meist an die 100 Leute, die bei uns in der Landesliga Baden-Württemberg an der Bande stehen“, vermeldet Eishallen-Betreiber Tilo Fritz, der seit Jahrzehnten auch bei den TSG-„Adlern“ mitspielt oder mittrainiert.

Facebook-Interessierte, Klicks im Liveticker: SSV-Fußballer überall vorne

Die Zahlen der Besucher vor Ort haben schon ein Gewicht, doch  wäre es fast naiv, Bedeutung und Popularität der Reutlinger Sportarten und -Klubs ausschließlich an Zuschauerzahlen festzumachen. Interesse an einer Sportart oder einem Verein äußert sich nicht nur durch Spielbesuche in Hallen oder Stadien. Bis gestern waren beispielsweise auf Facebook 12 262 Interessierte beim SSV Reutlingen Fußball notiert. Zum Vergleich: Selbst die Pfullinger Drittliga-Handballer kommen „nur“ auf 2660. 71 558 sogenannte Klicks verzeichnete der Internet-Liveticker am Sonntag beim Oberligakick Stuttgarter Kickers gegen SSV Reutlingen Fußball – solche Werte erreicht kein zweiter Reutlinger Verein auch nur im Ansatz. Und trotz aller SSV-Krisen ist es bis heute Fakt, dass die bundesweite Bekanntheit des Städtenamens Reutlingen in Sportlerkreisen primär auf die SSV-Fußballer zurückzuführen ist. Ganz egal, wo oder wie sie gerade kicken. Bei allem Respekt für den Tennisverein und dessen Höhenflüge bis in die deutsche Eliteliga: Den Rang als Platzhirsch in Reutlingen kann dem SSV Reutlingen Fußball derzeit niemand streitig machen.

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