Reutlingen Herr Bündchen wirft die Pässe

Reutlingen / Wolfgang Seitz 01.02.2019

Der Super Bowl ist das weltweit größte Einzelsportereignis, sorgt in Amerika alljährlich für die höchsten Einschaltquoten. 30 Sekunden Werbung kosten stramme fünf Millionen Dollar. Das billigste Ticket ging für 3900 Euro raus – ursprünglich. Auf dem Schwarzmarkt sind die Preise längst in den Mond geschossen. Das Mercedes-Benz Stadium in Atlanta wird ausverkauft sein. Amerika ist verrückt, der Tag des Super Bowls ist ein Nationalfeiertag – zwar inoffiziell, dafür umso intensiver.

Tickets vorab sichern

Und die Begeisterung ist über den großen Teich geschwappt – bis nach Reutlingen. Zum dritten Mal laden die Eagles, die Football-Sparte des SSV Reutlingen, zum Public Viewing ins Kino Cineplex. Dort wird in zwei Sälen der Super Bowl übertragen. Und weil es keinen Eintritt kostet, ist der Zuspruch enorm.

Daher empfiehlt es sich, die Tickets im Vorverkauf direkt zu ziehen, „first come - first serve“, wie es Marc Zieske einwandfrei amerikanisch rüberbringt. Wobei nur die Sache mit dem Vorverkauf Quatsch ist – weil es ja nichts kostet.

Eagles werben für sich

Bis zu 700 Football-Begeisterte werden erwartet. Das ist ganz im Sinne der Eagles, die damit auch auf sich aufmerksam machen wollen, obwohl das eigentlich gar nicht mehr nötig ist. Die Abteilung wächst rasant, ist mittlerweile die zweitgrößte im SSV Reutlingen. Seit man sich für den Spielbetrieb angemeldet hat, ist die Mannschaft fast jedes Jahr aufgestiegen, mittlerweile in der Oberliga angekommen.

Gerade läuft die Vorbereitung auf die im April beginnende Saison, und wer dieser Tage abends an der Kreuzeiche vorbeischaut, wird sich wundern. 30 bis 40 Mann arbeiten auf dem neuen, schmucken Kunstrasen knallhart, um eventuell den nächsten Coup folgen zu lassen. „Wir wollen uns in der oberen Hälfte etablieren. Zunächst einmal“, sagt Kai Singer, der zusammen mit Marc Zieske die Eagles medientechnisch nach vorne bringt. Überhaupt wollen die Eagles den Football bekannter machen, der in Deutschland noch am Rande steht.

Dass beide auch spielen, versteht sich von selbst. Zieske ist Wide Receiver, Passempfänger, und deshalb prädestiniert, der Held zu werden, indem er den Ball in die Endzone transportiert. Singer ist Free Safety, eine Art Libero, der die gegnerische Offensive daran hindert, zum Zug zu kommen. Beide sind also gleichermaßen für den Erfolg des Teams verantwortlich, und genau das zeichnet den American Football aus. Kai Singer ist seit der Gründung ein Eagle. „Das ist der erste Verein, bei dem es anders ist. Es ist nicht nur das Teamgefühl, sondern man versteht sich einfach mit jedem gut, es gibt keine Gruppenbildung. American Football  ist für mich die beste Kombination aus Athletik und taktischem Verständnis.“ Und Singer muss es wissen. Schließlich hat er schon sehr viel ausprobiert. Zehn Jahre Fußball, sieben Jahre Tennis und dann noch begleitend Leichtathletik. Erstaunlich, was in ein 24-jähriges Leben alles hineingepackt werden kann.

Die Faszination Football lässt sich am besten beim Super Bowl vermitteln. Marc Zieske hat es genau dabei gepackt. 2014 sah er live, wie die Seattle Seahawks die Denver Broncos mit 43:8 mal so richtig aus der Arena pusteten. Danach gab es kein Halten mehr. Beim Super Bowl werden viele infiziert, auch solche, die zuvor nicht so sehr viel mit Football am Hut hatten.

„Damit kann man den Leuten den Sport näherbringen“, sagt Zieske, und deshalb hofft man am 3. Februar auf ein volles Kino. Das mit dem Datum ist allerdings so eine Sache. Los geht es im Cineplex am 3. Februar um 22.30 Uhr. Kick-Off, also Anspiel, ist dann um 0.30 Uhr am nächsten Tag. Das Ende wird gegen 5 Uhr erwartet. Dazwischen gibt es nicht nur American Football sondern auch etliche Werbepausen und eine Halbzeitshow. Das sei nicht ganz so schlimm, meint Singer, die Werbungen sind nämlich etwas ganz besonderes. Bei diesen Preisen, siehe oben, muss es natürlich auch knallen. Die SSV-Eagles haben jedoch, sollte die Werbung doch nicht so fesseln, ein Rahmenprogramm organisiert, unter anderem mit einem Gewinnspiel und einer Wurfwand. Zudem kann man sich mit NFL-Artikeln eindecken.

Auch das, was in Amerika fast genauso wichtig ist wie das Spiel, kommt nicht zu kurz. Ein Caterer offeriert Hamburger und Pizza, verdursten wird auch niemand. Softdrinks werden gereicht, wobei, wenn es richtig amerikanisch wird, eine bestimmte braune Brause kübelweise über den Tresen gehen müsste. Bier wird es auch geben – richtiges Bier, also keines aus dem Mutterland des Footballs. Alles hat seine Grenzen.

Wäre noch die Frage zu klären, wem im Finale die Sympathien gelten. Es spielen die New England Patriots gegen die Los Angeles Rams. Beide Gesprächspartner tendieren eher zu den Rams, was bei Singer etwas überrascht, ist der doch Fan der New Orleans Saints. Die unterlagen den Rams im Halbfinale, unter anderen wegen einer eklatanten Fehlentscheidung der Referees. Trotzdem seien die Rams ein sympathisches Team, mit einem jungen Headcoach und dem wieselflinken Aaron Donald auf dem Feld, der als Defensive Tackle dem gegnerischen Quarterback das Leben schwer macht.

Dort spielt bei den Patriots Superstar Tom Brady. Wer mit dem Namen nichts anfangen kann, kennt vielleicht seine Gattin. Liiert ist Herr Brady mit Supermodel Gisele Bündchen. Aber wer ist nun in Amerika bekannter? Für die Football-Enthusiasten aus Reutlingen keine Frage. Die Gesprächsrunde war sich dann zumindest schnell einig, wer besser aussieht. Am 4. Februar sind aber alle Augen auf Brady gerichtet, den fünfmaligen Super Bowl-Gewinner. Und auf alle anderen natürlich, die bei diesem Wahnsinns-Ereignis dabei sein dürfen. Zum Beispiel auf Aaron Donald, der dafür Sorge tragen will, dass Gisele Bündchens Mann nicht zum sechsten Mal gewinnt. Das hoffen ja auch unsere zwei Reutlinger.

Tryout am Tag vor dem Super Bowl

Die Eagles laden zum offenen Probetraining ein. Willkommen ist jeder, der älter als 10 Jahre ist. Das Tryout findet am Samstag, 2. Februar, ab 13 Uhr in der Dietweg-Halle in Reutlingen statt, das Ende ist für 16 Uhr vorgesehen. Die Halle wird um 12.30 geöffnet. Neben der aktiven Mannschaft bieten die U15-Flaggies für alle, von 10 bis 14 Jahren, eine kontaktlose Alternative zum Tackle Football. Ideal, um schon früh ein Teil der Eagles zu werden.
Im U19-Team sind jene von 15 bis 18 Jahre willkommen. Im vergangenen Jahr wurde das Team neu gestartet, will in der kommenden Saison bereits am Spielbetrieb teilnehmen. Den Teilnehmern am Tryout werden alle Basics des American Footballs beigebracht, der Spaß wird dabei nicht zu kurz kommen.
Mitbringen muss man etwas zu trinken und Sportklamotten für die Halle.

Die Eagles des SSV Reutlingen im Steckbrief

Im Sommer 2012 wurde Reutlingens erster American Football-Verein aus der Taufe gehoben, seit 2014 sind sie eine Abteilung im SSV Reutlingen – die sich nach wie vor eines enormen Wachstums erfreut.
Die erste Mannschaft ist in die Oberliga, die vierthöchste in Deutschland, aufgestiegen. Seit der Aufnahme des Spielbetriebs 2016 ging es fast jährlich eine Stufe nach oben. Der Nachwuchs tummelt sich im U19-Team und die U15 vergnügt sich mit Flag-Football. Dort wird noch nicht getackelt, vielmehr der Gegner gestoppt, indem man ihm eine Flag (Markierung) aus dem Gürtel zieht. wose

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