Die Heimkehr auf Zeit

JOACHIM LENK 13.05.2013
Er gehört zu den Stammgästen der Marbacher Vielseitigkeit. Seit seinem 15. Lebensjahr ist der in Gomadingen aufgewachsene Dirk Schrade mit von der Partie. Am Wochenende kam er erstmals als Olympiasieger.

Wenn der Vielseitigkeitsreiter Dirk Schrade durch das Haupt- und Landgestüt läuft, winken ihm die Menschen zu. "Hallo Dirk", hört er von allen Seiten. Freundlich winkt der 34-jährige Schwabe zurück. Er genießt dieses Heimspiel. Seine Eltern, die im Gomadinger Ortsteil Offenhausen leben, seine Freunde und Bekannten wissen, dass ihr Dirk nur noch an Weihnachten und zur Marbacher Vielseitigkeit auf die Schwäbische Alb zurückkehrt. Mehr Besuche bekommt der Pferdewirtschaftsmeister, der seit vier Jahren einen Turnier- und Ausbildungsstall in Sprockhövel-Haßlinghausen bei Wuppertal in Nordrhein-Westfalen sein eigenen nennt, terminlich nicht unter.

Knapp zehn Monate ist es her, dass Schrade im Vielseitigkeits-Team die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in London gewonnen hat. Danach gab es einen tollen Empfang in Gomadingen, mit Eintrag ins Goldene Buch der Gemeinde. Von Bundespräsident Joachim Gauck erhielt er das Silberne Lorbeerblatt überreicht und wurde Sportler des Jahres in seinem Heimatlandkreis Ennepe-Ruhr-Kreis. "Jetzt kennt mich auch der Bäcker in meinem Dorf mit Namen", schmunzelt der prominente Reiter, der aktuell auf Platz zwölf der Weltrangliste steht.

Inzwischen hat sich sein Leben wieder normalisiert, die mediale Aufmerksamkeit auf ein Normalmaß eingependelt. "Direkt nach dem Olympiasieg war alles sehr extrem", erzählt Schrade, der aber nach wie vor mehr Autogramme schreiben muss als vor dem 31. Juli 2012. Sein privates Leben hat sich seither nicht viel verändert, beteuert der 34-Jährige. "Ich bin derselbe Mensch wie früher, ich denke, mein Umfeld sieht das genau so." Dass er während seiner kurzen Stippvisite in der Heimat nicht viel Zeit für Freunde und Bekannte hat, nehmen sie ihm nicht übel. Sie wissen, dass Dirk nicht zum Urlaub machen, sondern zum Arbeiten nach Marbach gekommen ist. Fünf Pferde hat er mit ins Haupt- und Landgestüt gebracht. Und die müssen bewegt werden.

King Artus ist dieses Mal nicht dabei. Das Olympiapferd hat beim Vielseitigkeitsturnier in Badminton, nach der Dressur noch Dritter, am Wassereinsprung verweigert, weshalb Schrade aufgegeben hat. Die Saison 2013 war eigentlich vielversprechend gestartet, mit einem neunten Platz beim Nationenpreisturnier im französischen Fontainebleau und einem zweiten Platz bei der Dreisterneprüfung im englischen Belton. Derzeit erholt sich das 17-jährige Pferd zu Hause.

In Marbach waren andere Pferde gefragt - es lief indes nicht so gut. Bei der Ein-Sterne-Prüfung belegte Schrade mit Cisko A den vierten, mit Wat nou O den fünften und mit Classic Affair den 34. Platz. Bei der Drei-Sterne-Prüfung mit Edino reicht es nur für den 45. Rang. "Er hatte einen blöden Steher beim dritten Hindernis", zieht Schrade Bilanz. Mit den Ergebnissen bei der Ein-Sterne-Prüfung ist er indes ganz zufrieden. Zusammenfassend war es trotzdem wieder "ein schönes Turnier", sagt er.

Dirk Schrade hat die Marbacher Vielseitigkeit in den vergangenen vier Tagen einmal mehr genossen. Es ist auch das einzige Turnier für ihn, bei dem er nicht im Lastkraftwagen, sondern im eigenen Bett bei den Eltern gleich um die Ecke schlafen kann - und ganz abgesehen von den guten Käsespätzle, Maultaschen und Brezeln vom örtlichen Bäcker, die es im "Hotel Mama" gibt.

Inzwischen ist Schrade wieder in Sprockhövel-Haßlinghausen. Aus Zeitgründen hat er sich gleich nach dem Turnier von seinen Eltern verabschiedet. An Weihnachten sieht man sich wieder. Und natürlich bei der Marbacher Vielseitigkeit im Mai 2014. Vielleicht mit einer Medaille von der Europameisterschaft im schwedischen Malmö, die dort Ende August stattfindet.

Themen in diesem Artikel
Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel