Dettingen Vom Olympia-Hickhack zermürbt

Anja Knapp (re.) kämpfte wie eine Löwin um die Teilnahme an den Olympischen Sommerspielen in Rio de Janeiro. Letztlich aber war aller Einsatz vergeblich.
Anja Knapp (re.) kämpfte wie eine Löwin um die Teilnahme an den Olympischen Sommerspielen in Rio de Janeiro. Letztlich aber war aller Einsatz vergeblich. © Foto: Eibner
Dettingen / ALEXANDER MAREIS 21.07.2016
In gut zwei Wochen beginnen die Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro. Der Traum der Dettingerin Anja Knapp endete im letzten Moment jäh.

In gut zwei Wochen geht es unter der südamerikanischen Sonne rund, doch die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro (Brasilien) warfen schon längst ihre Schatten und Qualifikationsnormen voraus. Selbige  starteten bereits 2015. Die Deutsche Triathlon-Union (DTU) setzte für ihre Sportler der Triathlon-Nationalmannschaft eigene Kriterien und Normen fürs Großereignis an der Copacabana: 2015 musste in der Weltcupserie mindestens ein Mal ein Platz unter den Top Acht der Welt erzielt werden. Nur Anne Haug (TV Erlangen) schaffte dies mit ihrem siebten Platz in Rio de Janeiro. Zweite Anforderung: 2016 musste eine Top-Acht-Platzierung beim Weltcup-Kriterium in Abu Dhabi (Vereinigte Arabische Emirate) oder Yokohama (Japan) erreicht werden. Keine der deutschen Top-Triathletinnen konnte diese Leistung vorweisen.

Das Teilnehmer-Kontingent für Deutschland, bestimmt von der internationalen Triathlon-Union ITU, war auf Grund der erreichten Punkteliste festgelegt: Deutschland konnte für die Olympiade in Brasilien zwei Herren und drei Damen benennen. Im Klartext: Für diese fünf zur Verfügung stehenden Startplätze hatte sich aber nur Anne Haug vom fränkischen TV Erlangen sportlich qualifiziert. Die Deutsche Triathlon-Union stand nun vor dem Dilemma der eigenen Qualifikationsnormen und den zustehenden fünf Plätzen aus Sicht der ITU.

Besonders hart war dies aus Dettinger Perspektive: Die Ausnahmeathletin der SG Dettingen, Anja Knapp, war mit der Deutschen Triathlon-Union seit Herbst 2015 permanent auf Lehrgängen und Trainingslagern. Seit zwei Jahren gehört sie im Weltcupzirkus der Triathleten zu den besten Schwimmerinnen und Radfahrerinnen, belegte diese Stellung innerhalb des deutschen Teams erst recht. Lediglich im Laufen hatte Knapp verletzungs- und krankheitsbedingt Probleme und Defizite, die nicht auf „die Schnelle“ zu beheben waren. In der Vorbereitung auf das Jahr 2016 und damit auch im Olympiajahr lief alles bestens. Bis auf die Rückkehr vom Mallorca-Lehrgang im April. Ein sehr schwerer Virus- und Erkältungsinfekt zwang Anja Knapp fünf Wochen lang zur Einstellung des Trainingsbetriebes. Arztbesuche und Krankenhausaufenthalte waren an der Tagesordnung.  Doch die Ermstälerin kämpfte wie eine Löwin für ihren Olympiatraum, trainierte wie besessen. Erste „Gehversuche“ trotz großen Trainingsdefiziten wollte sie beim Triathlon-Weltcup im englischen Leeds am 12. Juni unternehmen. Im Laufabschnitt konnte Knapp mit ihren Gegnerinnen nicht mithalten und wurde nach hinten durchgereicht. Im Schwimmen und Radfahren konnte sie wider Erwarten an alte Stärken anknüpfen und war bereits wieder im internationalen Spitzenfeld als beste deutsche Teilnehmerin unterwegs.Für die DTU stand der Termin der Olympianominierung und Abgabefrist (20. Juni) der Athleten unmittelbar bevor. Längst war klar, dass wohl nur Anne Haug für die DTU bei Olympia um eine Medaille kämpfen würde. So wie beim Weltcup in Rio de Janeiro 2015 oder beim Weltcup in Hamburg, wo Anja Knapp als Helferin für Haug mustergültig und mannschaftsdienlich auftrat. Sollte die etwas schwächere Schwimmerin Haug mit Rückstand aus dem Wasser kommen, ist sie auf die Hilfe einer anderen Athletin angewiesen, die sie an die enteilte Gruppe heranführt und eine gute Platzierung dank Haugs Laufstärke ermöglicht.

Anja Knapp, bei einem Schnuppertriathlon im Dettinger Freibad 1997 entdeckt, schien zu diesem Zeitpunkt noch voll auf Kurs Olympische Spiele in Rio zu sein. Schon am nächsten Tag packte der Bundestrainer mit seinen nominierten Athleten die Koffer, um gleich in das vorbereitende Höhentrainingslager nach St. Moritz (Schweiz) abzureisen. Seither und schon seit über vier Wochen ist auch Anja Knapp bei dieser Trainingsvorbereitung im Engadiner Trainingszentrum in St. Moritz dabei.

Doch mit der offiziellen DTU-Nominierung (links nebenstehend, siehe die in diesen Text integrierte Pressemitteilung) schlagen die Wellen hoch. Die Reaktion aus dem Athletenlager war heftig: Wegen ihrer Nichtberücksichtigung für Rio de Janeiro zieht Rebecca Robisch aus Erlangen vor Gericht. Das Landgericht Frankfurt hat der einstweiligen Verfügung stattgegeben. Einen Start in Brasilien konnte Rebecca Robisch damit aber nicht erstreiten. Laut Gerichtsbeschluss und Intervention der Deutschen Institution für Schiedsgerichtsbarkeit werden nun fünf Athletinnen (zusätzlich Robisch und Phillipin) vorgeschlagen. Damit geht der Handlungsbedarf wiederum an die DTU und den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), die die Triathlon-Nominierung neu regeln mussten. Der neue Entscheid wurde auf den 18. Juli vertagt. Inzwischen versuchten die deutsche wie auch die internationale Triathlon-Union alles wieder rückgängig zu machen und neu auf den Prüfstand zu stellen. Bis Dienstag, 19. Juli, um 24 Uhr waren Änderungen zu beschließen und offiziell abzugesegnen. Am gestrigen 20. Juli wurde nun die letzte und endgültige Entscheidung der verantwortlichen Gremien nach tagelangem und nervigem Hin und Her  durch den DOSB gefällt – die Entscheidung:

Es fahren nur Anne Haug (TV Erlangen) und die zweimalige Juniorenweltmeisterin Laura Lindemann (Potsdam) zu den Olympischen Spielen nach Rio. Nicht dabei sind nunmehr das Männerteam  Justus und Buchholz sowie aus der Damenmannschaft Rebecca Robisch, Hanna Phillipin und Anja Knapp.

  Deutschland als erfolgreiche Triathlon-Nation ist somit durch keinen einzigen männlichen Teilnehmer in Brasilien vertreten. Anne Haug bedauert, in Anja Knapp ihre treueste und beständigste Helferin aus zahllosen Weltcupwettbewerben in Rio de Janeiro nicht an ihrer Seite zu wissen. Rebecca Robisch und Hanna Phillipin ärgern sich gleichwohl gewältig über die Nichtnominierung zu den Olympischen Sommerspielen am Zuckerhut.

„Schade für Anja Knapp und die SG Dettingen, dass unsere jahrzehntelange Zusammenarbeit vom damaligen Schnupperkurs der Zehnjährigen im Dettinger Ferienprogramm bis hin zum greifbar nahen Großereignis Olympia in Rio als absoluter Höhepunkt einer Sportlerkarriere in den letzten Sekunden der Nominierungsfrist auf solch eine Weise enttäuschend endete“, ist Erich Jud, langjähriger Trainer und Funktionär bei der SG Dettingen, niedergeschlagen.

Großes Hickhack: Offizielle DTU-Nominierung für Olympia in Pressemitteilung vom 19. Juni:

Noch am 19. Juni ließ die Deutsche Triathlon-Union (DTU) folgenden Wortlaut publizieren, in welchem Haug, Lindemann, Knapp, Justus und Buchholz für Rio de Janeiro nominiert waren:

„Diese Auswahl an Athleten hat teamtaktische und verbandspolitische Gründe. Bis auf Haug müssen die Athleten aber noch auf ein positives Votum des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) hoffen, der die endgültige Nominierung erst am 12. Juli bekanntgeben wird. Bei den Frauen geht es bei der Auswahl der Athletinnen darum, der bekannt schwachen Schwimmerin Anne Haug den Weg zu einer möglichen Medaille zu erleichtern. Für uns ist wichtig, dass Anne Haug bei den Olympischen Spielen in der Spitzengruppe vom Rad steigen kann. Somit ist es elementar, dass sie bei Verpassen der ersten Schwimmgruppe von ihren Teamkolleginnen unterstützt werden kann. Mit Anja Knapp und Laura Lindemann haben wir daher die stärksten Schwimmerinnen für Rio de Janeiro vorgeschlagen, um teamtaktisch variabel zu bleiben. Bei den Herren sind die beiden Athleten vorgeschlagen worden, die die Quotenplätze für Rio erkämpft hatten, auch wenn die Medaillenchancen DTU- intern eher mäßig eingeschätzt werden.“

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