Seit „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn die Turnbewegung 1807 in Deutschland ins Leben rief, ist viel Zeit vergangen. In den letzten Jahren hatte die Traditionssportart im Zeitalter von E-Sport und Funsport  um ihre Beliebtheit zu kämpfen. In weltweiten Erhebungen schafft es das Turnen nicht in die Top 10 der beliebtesten Sportarten. Und auch im Turngau Achalm fielen in den letzten Jahren Mitgliederrückgänge auf.

Wieder mehr Mitglieder

Die beim Gauturntag 2018 vorgestellten Statistiken besagen immerhin, dass es seit 2014 wieder leicht aufwärts geht und 2017 mit 43 492 Vereinsmitgliedern ein besserer Wert als 2012 (42 936) und 2014 (42 368) erzielt wurde.

Im Landkreis Reutlingen spielt im Turnen weniger die Musik in der Kreisstadt im Schatten der Achalm, sondern im Ermstal und auf der Albhochfläche, wenn es um hochklassigen Turnsport geht. Die TuS Metzingen, der TSV Urach und der SV Hülben machen hier konstant von sich reden.

Den TSV Urach zeichnet aus, dass dort sowohl Frauen wie Männer im Geräteturnen an den Start gehen. Während sich die Turner in der Bezirksliga in den sechs Geräten Boden, Pauschenpferd, Ringe, Sprung, Barren und Reck messen, sind die Damen in der Vorsaison noch in der Verbandsliga angesiedelt gewesen.

Personell arg gebeutelt

„Wir sind in die Landesliga abgestiegen, weil uns wegen Verletzungen, Auslandsaufenthalten und Karriereenden die Leute ausgegangen sind. Die Kadersollstärke von acht Turnerinnen haben wir nicht mehr aufbringen können, am Ende standen nur noch zwei zur Verfügung“, berichten Marie Rein (19) und Sarah Wurster (22), beide als Nachwuchstrainerinnen mit C-Lizenz beim TSV Urach leidenschaftlich engagiert. Während Rein zudem weiterhin für die Uracher Frauen turnt, hat Wurster ihre Aktivenkarriere beendet und konzentriert sich nur noch darauf, dem Turnnachwuchs die Grundbegriffe ihrer Sportart nahezubringen.

Großes Talent

Und hierbei tut sich Erfreuliches. Der TSV Urach hat beispielsweise die neunjährige, aus Dettingen stammende Lene Bauer hervorgebracht. Die Blondine, die nach den Sommerferien die vierte Klasse der Dettinger Schillerschule besuchen wird, gilt als Ausnahmetalent.

Lenes Aufwand ist beachtlich. „Sie hat bis zu sechs Mal drei Stunden Training pro Woche, also 18 Stunden“, verrät Mutter Kerstin Bauer.

Mit vier Jahren war Lene Bauer aus eigenem Antrieb zum TSV Urach gekommen und wurde dort in einer gemischten Gruppe mit Älteren integriert. „In dieser Gruppe waren fünf Mädchen, die alle Talent zeigten. Es hat sich nicht sofort herauskristallisiert, dass Lene einen anderen Weg als der Rest einschlagen würde“, erinnert sich Trainerin Marie Rein.

Am Kunst-Turn-Forum

Zwar ließen Erfolge für Lene Bauer nicht lange auf sich warten und Podestplätze bei regionalen Veranstaltungen wurden zur Selbstverständlichkeit, doch erst als die junge Dettingerin dann Ghazal Seilsepour, Trainerin der Uracher Frauenmannschaft auffiel, nahmen die Dinge ihren Lauf. Die 23-Jährige mit Wurzeln im Iran ist gleichzeitig Trainerin am Kunst-Turn-Forum Stuttgart und absolviert das Trainer-Diplom-Studium (DTS) an der Trainerakademie Köln des Deutschen Olympischen Sportbundes.

Als Lene Bauer 2018 in das im Schatten der Mercedes-Benz-Arena in Bad Cannstatt angesiedelte Kunst-Turn-Forum Stuttgart zum Probetraining eingeladen wurde, hatte sie sich gegen eine regelrechte Meute an talentierten Kindern aus der Großregion Stuttgart/Esslingen zu behaupten und wusste mit starken Darbietungen zu überzeugen.

„Ganz so locker wie zuvor in Bad Urach geht es dort nicht mehr zu. Wer leistungsmäßig nicht mithalten kann, wird aussortiert“, gibt Mutter Kerstin Bauer zu verstehen.

Großer Aufwand

Für sie und ihren Mann Thomas begann nun eine intensive Zeit, denn die rund 45 Kilometer nach Stuttgart bei mittlerweile fast täglichem Training stellten sie vor eine große logistische Herausforderung. „Würde mein Mann nicht in Esslingen arbeiten, hätten wir den Schritt nicht vollzogen“, gibt Kerstin Bauer zu. Fahrgemeinschaften mit der gleichaltrigen Antonia Rerich von der Turnschule Neckar-Gym Nürtingen erleichtern Hin- und Rückfahrt ein wenig.

Lene Bauers Alltag gleicht inzwischen dem eines Vollprofis. Nach der Schule werden Mittagessen und Hausaufgaben zügig abgewickelt, damit sie pünktlich in Stuttgart sein kann. „Lene macht das gerne, ohne Zwang“, betont ihre Mutter. „Sie besitzt eine hohe Auffassungsgabe und ist voller Ehrgeiz“, lobt die Uracher Trainerin Marie Rein das große  Talent, das sich mittlerweile im siebenköpfigen württembergischen Schulungskader festgeturnt hat und somit zu den Besten im „Ländle“ zählt.

Seitz als Vorbild

An Vorbildern mangelt es Lene Bauer in Stuttgart nicht: Deutschlands Vorzeige-Turnerin Elisabeth Seitz (25), vielfache Deutsche Meisterin, zweifache Olympiateilnehmerin und WM-Dritte 2018 am Stufenbarren, trainiert in derselben Halle, man begegnet sich oft.

Ob der Weg der neunjährigen Dettingerin auch in solche Sphären führen wird, ist noch offen. Beim TSV Urach ist man jetzt schon mächtig stolz auf seinen Turnfloh und erhofft sich einen moralischen Schub für alle Teams.

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