Serie Sport im Blick Stoßrichtung Berlin und Tokio

Chemnitz / Wolfgang Seitz 31.01.2018

Es war ein großer Schritt – einer mitten rein in ein Bundesland, dessen Ureinwohner einen, sagen wir mal, gewöhnungsbedürftigen Dialekt pflegen. Katharina Maisch zog vor wenigen Wochen von Bempflingen nach Chemnitz, um sich im dortigen Bundesstützpunkt unter die Fittiche von Bundestrainer Sven Lang zu begeben, der die besten Kugelstoßer/innen der Republik noch besser machen will. Auch das 20-jährige Riesentalent aus dem Schwabenland, das jetzt nur ein Problem hat: „Meinen Trainer verstehe ich manchmal nicht.“ Das soll es des öfteren geben, wie jüngst die deutschen Handballer bei der EM demonstriert haben, ist in diesem Fall aber ein rein phonetisches Problem. Lang ist ein waschechter Sachse und spricht eben gerne auch so, die Schwäbin Katharina Maisch spricht indes astreines Deutsch. Der Coach müsste also mitbekommen, was sein neuer Schützling ihm mitteilen will, seinerseits muss er sich vielleicht ein bisschen anstrengen – und schon klappt es. Mit der Zeit wird sich das sicherlich geben.

Primäre Aufgabenstellung ist freilich nicht die unfallfreie Konversation, sondern vielmehr der Umgang mit der vier Kilogramm schweren Kugel. Was das anbelangt, gibt es dieser Tage gar keine Probleme. „Ich habe mich eingelebt und wurde in die Gruppe sehr gut aufgenommen“, freut sich Maisch. Die Gruppe umfasst noch Christina Schwanitz, Deutschlands Vorzeige-Kugelstoßerin, und Peter Müller, ein aufstrebendes Talent, das jüngst die 20-Meter-Marke geknackt hat. Den Dreien ist eines gemeinsam: Sie präferieren die Drehstoßtechnik, ohne die in der Weltspitze gar nichts mehr geht. Es sei denn, man heiße David Storl. Der „Angleiter“ hat an Titeln praktisch alles abgeräumt, wurde auch von Sven Lang trainiert, hat sich von ihm aber getrennt, als es bei der WM im vergangenen Jahr gar nicht klappen wollte.

Erst drehen, dann stoßen

„Es gibt in Deutschland wenig Trainer, die sich richtig mit dem Drehstoß befassen, der sich aber bei den Frauen immer mehr etabliert. Weil Sven Lang das kann, habe ich ohne zögern sein Angebot angenommen, mich der Gruppe in Chemnitz anzuschließen“, so Katharina Maisch, die freilich bisher bei Landestrainer Peter Salzer und ihrem Heimatverein TuS Metzingen auch schon aus der Drehung heraus arbeitete. „Die Vorteile der Drehstoßtechnik kommen nur bei optimalem Bewegungsablauf und extrem guter Koordinationsfähigkeit zur Geltung“, wie in einer Abhandlung über das Kugelstoßen zu lesen ist. Daran arbeitet die 20-Jährige, weiterentwickeln will sie sich, das sei im Sport sehr wichtig. In Chemnitz glaubt sie, ihre Ziele besser verwirklichen zu können. Und die sind anspruchsvoll.

Am Dienstag, 7. August, würde Katharina Maisch gerne im Berliner Olympiastadion in den Ring steigen und versuchen, sich für den Endkampf der Europameisterschaft zu qualifizieren. Freilich gilt es schon zuvor gewisse Voraussetzungen zu erfüllen, beziehungsweise per Qualifikationsweite eine Startberechtigung zu erlangen. Die liegt bei 17,50 Meter. Sven Lang traut es ihr zu, sie auch, muss jetzt nur noch die persönliche Bestweite auf den verlangten Level heben. Das ist von 17,11 Meter aus ja nicht mehr gar so viel.

Fernziel Olympia

Auf die Heim-EM arbeitet man hin, Olympia in Tokio 2020 ist das Fernziel. Bis dahin sollte es noch ein bisschen weiter gehen. „Da muss dann wohl die 20 davor stehen“, mutmaßt Katharina Maisch, die sich diesem Ziel Schritt für Schritt annähern wird. Trainingskollegin Schwanitz hat aus dem Jahr 2015 20,77 Meter als Bestweite stehen. Sie kann ihrer jungen Kollegin sicher den einen oder anderen Tipp geben. 2017 bei der WM in London ging der Titel im übrigen mit 19,94 Meter an Lijiao Gong (China). Für 19,14 gab es gar noch Bronze. Es ist aber immer gut, wenn man sich ambitionierte Ziele setzt. „Training, Essen, nach Hause ein bissschen ausruhen, noch einmal Training“, skizzierte die Bempflingerin ihren Tagesablauf. „Aber nicht jeden Tag“, fragte der unbedarfte Journalist. „Doch, klar“, kommt die Antwort. Kugelstoßen zählt zu den anspruchsvollsten Sportarten überhaupt, deshalb muss viel geübt werden, um bei den Wettkämpfen dann das Vier-Kilo-Teil so weit wie möglich von sich zu stoßen.

Sportsoldatin ist Katharina Maisch. Und was macht eine solche? „Nicht viel Soldat“, verrät sie. Seit der Grundausbildung ist sie freigestellt, kann sich auf den Sport konzentrieren. Eine Konstellation, die bei deutschen Spitzensportlern weit verbreitet ist – nicht nur in der Leichtathletik.

Vom Mehrkampf zur Kugel

Maisch startet nach wie vor für die TuS Metzingen. Dort, wo sie unter den Fittichen von Trainer Uwe Euchner ihre Karriere begann. Als für die Mehrkämpferin nach einem Ermüdungsbruch im Schienbein eine Zeitlang nur noch die Wurf-Disziplinen gingen, wurde schnell klar, dass die Kugel ihr Ding ist. Dunja Koch gab wichtige Tipps – mehr noch. „Sie war mein Vorbild. Kann man das so sagen?“ Kann man sicher. Und das „Vorbild“ freut sich über jeden Erfolg ihrer  Vereinskameradin. Zum Beispiel jüngst über Platz zwei bei den Landesmeisterschaften in Sachsen (16,50 Meter). Am Wochenende, bei den Baden-Württembergischen Meisterschaften in Sindelfingen, ging es nicht ganz so weit. Mit 16,26 Meter und Platz drei war die 20-Jährige nicht uneingeschränkt zufrieden, zumal es im Vorkampf zwei ungültige Versuche zu beklagen gab.

Überbewertet wird das aber nicht, ist eher Ansporn, noch eine Schippe draufzulegen. „In der Hallensaison Spaß haben“, umreißt Katharina Maisch, was aktuell auf dem Stundenplan steht. Dann geht es an die EM-Quali. Das ist dann kein Spaß mehr, sondern nur noch harte Arbeit.

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