Alles wie immer – nur anders. So ist eine der Serien untertitelt, die Laufbegeisterten in den schweren Zeiten von Corona das Leben leichter machen. „Lauf weiter 2020“ hat alles, was eine Serie braucht, nur eben keine Wettkämpfe. Die Technik macht es möglich. Bernd Weis, Triathlet und Duathlet der SG Dettingen, ist voll bei der Sache. Er rennt, was er eigentlich immer tut – und er hat Gleichgesinnte, die sich mit ihm um Bestzeiten streiten.

Legendärer Ruf

Bernd Weis ist Ermstäler. Er hat das Privileg, in einer der schönsten Gegenden der Welt zu leben. Das malerische Ermstal hat nicht zuletzt durch den Marathon gleichen Vornamens in den vergangenen Jahren in Sportkreisen einen legendären Ruf erlangt. Von Anfang an ist Bernd Weis, wann immer es geht, dabei. Wenn er schon laufend auf der Originalstrecke trainiert, war es für ihn immer eine Selbstverständlichkeit, diesem einzigartigen Rennen vor der Haustür aktiv beizuwohnen. Für 2020 ist der Ermstal-Marathon, der auf den 12. Juli terminiert war, aus bekannten Gründen abgesagt (an anderer Stelle mehr dazu). Weis rennt trotzdem, und das nicht nur einfach so vor sich hin. „Ein Laufveranstalter aus Neuss hat die Serie Lauf weiter 2020 ins Leben gerufen, um die Leute zu motivieren. So hat man zumindest das Gefühl, nicht ganz umsonst trainiert zu haben. Es hilft, ein Stück Normalität beizubehalten.“, sagt der Dettinger. Und seither hat er jeden Sonntag feste Termine.

GPS-Daten sind wichtig

Gestartet wird im allgemeinen um 10 Uhr, was im indirekten Duell aber nicht wirklich eine Rolle spielt. Wichtig ist, dass die Rennen mittels GPS-Daten dokumentiert werden. Die Daten werden eingeschickt, es gibt Ergebnislisten, auch unterteilt in Altersklassen. 1200 Konkurrenten hatte Bernd Weis deutschlandweit Anfang April. Auch bei einem Osterlauf war er dabei. Die Distanzen variieren. Fünf Kilometer sind der Standard, an Ostern waren es 7,5. Der hat eine nähere Erläuterung verdient. Bernd Weis hat sich selbstverständlich eine Strecke im Ermstal ausgesucht, zwischen Dettingen und Bad Urach. Doch damit nicht genug, acht Kilometer Ein- und Auslaufen kamen hinzu. Der Kinderlauf, bei dem er seine Tochter rund ums Anwesen begleitete, fiel deshalb nicht weiter ins Gewicht. Es war eine ausgewachsene Trainingseinheit mit integriertem Zeitlauf.

Altersklasse gut im Griff

Dass Bernd Weis sich immer weit vorne einordnet in den Rankings, versteht sich von selbst. Seine Altersklasse hat er ziemlich gut im Griff. „Es ist ja wie beim Einzelzeitfahren auf dem Rad oder wie beim Skilanglauf. Man läuft für sich, dann wird die Rangliste erstellt“, erklärt Weis das Prozedere. Wer noch mit dabei war, ist dann aus den Ergebnislisten ersichtlich. Da hat er im übrigen zuletzt auch Pamela Veith aufgestöbert, die Ultra-Spezialistin aus Dettingen, die sich ebenfalls nicht lumpen lässt und schon virtuelle Erfolge landen konnte.

Die angesprochenen Distanzen sind freilich nicht das Ende der Fahnenstange. Zehner geht auch, halber und ganzer Marathon ebenso. Was Bernd Weis flugs auf eine Idee brachte, die er derzeit im Ermstal freilich nicht exklusiv hat. „Man könnte doch auf der Originalstrecke des Ermstal-Marathons zumindest den Zehn-Kilometer-Lauf virtuell eins zu eins machen. Losgerannt wird in Bad Urach, Ziel ist in Metzingen auf dem Kelternplatz. Klar ist, dass man das nicht auf einen Termin fixieren kann. Man müsste eine Frist von beispielsweise sechs Wochen setzen“, hat sich der Dettinger so gedacht. Das würde die Sache entzerren, jeder schickt seine dokumentierte Zeit ein – und man könnte den Zehner problemlos werten. Beim Gerlinger Solitude-Lauf hat man es genau so gemacht. Der Veranstalter würde sogar einen Teil der Medaillen loswerden, die er bereits in Auftrag gegeben hat.

Ein Zehner im Herbst?

Der wurde schon verschiedentlich auf die Idee aufmerksam gemacht, will aber (noch) nicht auf den App-Zug aufspringen, wie eine Nachfrage bei Michael Koch ergab. Der Abteilungsleiter der TuS Metzingen Leichtathletik hat etwas ganz anderes im Sinn. „Wenn es irgendwie geht, würden wir im Herbst eventuell einen Zehner veranstalten“, hält er die Formulierung so vage, wie es in den augenblicklich unsicheren Zeiten angebracht ist. Es soll sich aber etwas tun in Sachen Sport, den man von den Lockerungen nicht ausnehmen kann – und dann stünde man parat. Bernd Weis wäre nach Lage der Dinge dabei, seine Mädels sicher auch. Ehefrau Laura hat eine Gruppe um sich geschart, deren Mitglieder ihn ehrfürchtig als „unser Coach“ bezeichnet. Der hat zuletzt zumindest leichte Motivationsdefizite ausgemacht, diese Nachricht wird nun garantiert wieder flinke Beine machen.

Der „Cinco de Mayo“

Unterdessen machte sich Bernd Weis, Produkt-Ingenieur Entwicklung bei der Firma Elring, auf den Weg nach Florida.  Virtuell versteht sich. Der „Cinco de Mayo“ ist ein Traditionslauf, der ebenfalls ins Netz „gespiegelt“ wurde. Für den Dettinger ist es Ehrensache, dort dabei zu sein. Auch in „normalen“ Zeiten ist er immer wieder in den Staaten, nimmt an diversen Sportveranstaltungen teil. Ehefrau Laura ist Amerikanerin, ihre Eltern leben in Florida. „Es geht ihnen gut, wir würden sie aber gerne bald wieder besuchen. Natürlich macht sich meine Frau Sorgen“, so Weis, der in den Faschingsferien noch spontan mit der Familie über den großen Teich geflogen war. „Wir kamen gerade noch rechtzeitig zurück“, erinnert er sich.

Eigentlich  Wahnsinn. Es ist noch gar nicht so lange her, da war alles noch ganz selbstverständlich. Jetzt gar nichts mehr. Nur Bewegung an der frischen Luft wurde noch niemand verboten. Der richtige Wettkampf fehlt den Sportlern, Bernd Weis hat seinen Ersatz gefunden. Irgendwann wird es wieder anders sein. Vielleicht schon im Herbst.