Zwei Jahre nach dem freiwilligen Rückzug des TTC Frickenhausen aus der Zweiten Tischtennis-Bundesliga wird es in der Sporthalle auf dem Berg im Erich-Scherer-Zentrum Frickenhausen künftig wieder Bundesliga-Tischtennis zu sehen geben. Wenngleich nicht im gewohnten Rahmen und unter dem selben Namen. Unvergessen sind die großen Triumphe: Der TTC Frickenhausen war Deutscher Meister 2006 und 2007, holte 2006 zudem den ETTU-Pokal. Inzwischen gibt es den ruhmreichen TTC, der finanziell in eine Schieflage geraten war, nicht mehr.

Fusionsklub will eine neue Ära einleiten

„Wir wollen eine neue Ära nach dem Profigeschäft einleiten“, sagt Erich Unger, der Präsident des aus TTC und TSV Frickenhausen fusionierten neuen Vereins „Tischtennis Frickenhausen.“

Ab Herbst spielt TT Frickenhausen in der Rollstuhl-Tischtennis-Bundesliga und hat dafür eine eigene Behindertensportabteilung gegründet. Die erste Mannschaft, die künftig für den Täles-Klub in der höchsten „Rolli“-Spielklasse an den Start geht, besteht aus dem zweimaligen Paralympics-Teilnehmer Thomas Brüchle (Weltrangliste Nummer vier in der Schadensklasse WK3) und dem Iren Colin Judge. Beide spielten in der vergangenen Saison für den SV Salamander Kornwestheim und belegten in der Bundesliga-Abschlusstabelle den vierten Platz.

Status als Hochburg für Versehrtensport wird anvisiert

Sechs weitere Rollstuhlfahrer kämpfen zudem in unteren Ligen beziehungsweise bei Para-Turnieren für TT Frickenhausen um Punkte, ebenso zwei „Fußgänger“ – Michael Roll, dem der linke Unterarm fehlt, und der geistig behinderte Sebastian Rösenberg.

„Der gesamte Verein hat die Planungen von Anfang an sehr positiv und aufgeschlossen aufgenommen, und unser Ziel ist es, eine Anlaufstelle und eine Hochburg für Spielerinnen und Spieler mit körperlichen Einschränkungen zu werden“, verrät Jürgen „Max“ Veith, auch bei TT Frickenhausen Manager, Motor und „Mädchen für alles.“

Müller brachte es ins Laufen

Die neue Entwicklung kam zustande, weil Anika Müller sich in den beiden letzten Jahren beim SV Salamander Kornwestheim um die Organisation vorwiegend des Bundesliga-Teams gekümmert hatte. Die 24-Jährige, die in Ludwigsburg ihren Master für Lehramt Sonderpädagogik „baut“, spielt seit ihrem achten Lebensjahr Tischtennis.

„Eine Freundin hat mich damals ins Training mitgenommen, ich habe später auch eine Zeitlang die TTC-Jugend trainiert und mit der Frauenmannschaft in der Oberliga gespielt“, erinnert sie sich.

Großes Zuschauerinteresse am Rollstuhltischtennis

2014 legte Anika Müller am Nürtinger Max-Planck-Gymnasium ihr Abitur ab, später wurde sie Trainerin des Landeskaders im Rollstuhl-Tischtennis. Dabei lernte sie dann Thomas Brüchle kennen, und beide wurden ein Paar. Auf ihre Initiative hin richtete TT Frickenhausen im November 2019 einen Spieltag der Rollstuhl-Bundesliga aus.

„Die Resonanz sowohl bei den Besuchern als auch in der Berichterstattung war außergewöhnlich gut“, blickt sie zurück, „im Laufe des Tages kamen fast 100 Zuschauer, sonst sind es maximal zehn.“

Rückenmarksblutung zwang Thomas Brüchle in den Rollstuhl

Für Jürgen „Max“ Veith ist das Interesse des Tischtennis-Publikums im Neuffener Täle erklärbar: „Die Paras bieten ganz besondere und sehr gute sportliche Leistungen, da kann man nur den Hut ziehen.“

Er verweist darauf, dass Thomas Brüchle, der im Alter von zehn Jahren durch eine plötzliche Rückenmarksblutung in den Rollstuhl gezwungen wurde, auch bei den Nichtbehinderten große Erfolge im Tischtennis vorweisen kann. So spielte er einige Jahre lang bei seinem Heimatverein TSG Lindau-Zech in der ersten Männermannschaft und stieg mit dem SV Deuchelried bis in die Verbandsklasse auf.

Ob Brüchle auch bei TT Frickenhausen in der Männermannschaft (derzeit Landesklasse) zum Einsatz kommen wird, steht noch nicht fest.

Immer die Schwäche ausnutzen

Schaut man beim Rollstuhltischtennis zu, fällt schnell auf, dass es etwas anders abläuft, als man es vom regulären Spielbetrieb gewohnt ist. Das bestätigt auch Thomas Brüchle. „Rollstuhltischtennis ist etwas komplett anderes. Es ist viel mehr von Taktik geprägt, weil man immer auf die Schwäche des Gegners spielt, wo er sich nicht hinbewegen kann. Bei den Nichtbehinderten geht es mehr über Schnelligkeit, und ich versuche, den Gegner auszublocken.“

Der 43-jährige Rechtshänder gewann mit dem deutschen Team bei den Paralympics sowohl in London 2012 als auch in Rio de Janeiro 2016 die Silbermedaille, wurde mit einem Sieg im Finale gegen China 2014 Mannschafts-Weltmeister (diesen Titel verteidigte Deutschland 2017) und holte insgesamt sechs Titel bei Europameisterschaften.

Seit Juni 2011 spielt Brüchle ununterbrochen fürs Nationalteam.

„Die Verlegung der Paralympics wegen der Corona-Pandemie in das kommende Jahr war die komplett richtige Entscheidung, die Gesundheit aller Spieler, Betreuer, Familien, Volunteers, Zuschauer und Einwohner steht im Vordergrund“, kommentiert der Lehrer an der Grund- und Werkrealschule Kressbronn den Aufschub.

„Zudem ist jetzt der Druck etwas weg. Durch das fehlende Training in der Halle und die Absage aller Turniere war die perfekte Vorbereitung für so ein Ereignis in weite Ferne gerückt.“ So heiße es jetzt bald: „Fokussieren auf Tokio 2021.“

Doppel-Partner aus Irland

Gleiches gilt auch für seinen Doppel-Partner Colin Judge. Seit der abgelaufenen Saison spielt Brüchle mit dem 25-jährigen Iren, der 2017 Europameister im Einzel und drei Mal irischer Meister wurde. Seine Ziele lauten klar und eindeutig „Teilnahme an Weltmeisterschaften und an Paralympischen Spielen.“

 In der Saison 2019/2020 belegten Brüchle/Judge in der Bundesliga den vierten Platz, Meister wurde zum fünften Mal in Folge Borussia Düsseldorf.

Jetzt gilt Brüchles ganze Konzentration seinem neuen Verein und der sportlichen Zukunft nach Corona: „Ich trainiere bereits seit etwa zwei Jahren regelmäßig in Frickenhausen. Die Bedingungen dort sind ideal. Beim Bundesligaspieltag im November 2019, der von TT Frickenhausen ausgerichtet wurde, konnte man schon die Begeisterung und das Engagement des Vereins deutlich erkennen. Ich freue mich sehr auf die neue Saison.“