Metzingen Kapitänin geht von Bord

Wolfgang Seitz
Wolfgang Seitz © Foto: Kiehl
Metzingen / Wolfgang Seitz 31.01.2018

Alljährlich ist es die spannendste Zeit abseits der Hallen, wenn im Handball die Vertragsverhandlungen laufen, Transfers verkündet werden, die zur neuen Saison anstehen. Überraschungen sind dabei, jene, die gestern vom Frauen-Bundesligisten TuS Metzingen kam, hat aber ein Alleinstellungsmerkmal. Anna Loerper wechselt zur SG BBM Bietigheim – sofort. Das musste des öfteren gelesen werden, um die ganze Tragweite zu begreifen. Da verlieren die TusSies also ihre Spielmacherin und Kapitänin an den Klassenkonkurrenten. TuS-Manager Ferenc Rott zog eine Vertragsoption, teilte Loerper mit, dass er zur kommenden Saison nicht mehr auf ihre Dienste baut. Auf die Dienste einer Spielerin, die als Leitfigur auf dem Feld gebraucht wird, in schwierigen Situationen die Zügel in die Hand nimmt – und der genau das in dieser Saison nicht gelungen ist, wie man zum Beispiel bei den Niederlagen gegen Göppingen und in Bensheim erkennen konnte. Mag sein, dass sie in einer Formkrise ist oder den Zenit überschritten hat. In Bietigheim scheint man das anders zu sehen. Der Deutsche Meister hat nach dem Kreuzbandriss von Kim Naidzinavicius gerade auf der Mittelposition ein Problem. Deshalb bat Anna Loerper um die sofortige Freigabe. Sie wurde ihr zunächst verweigert. Was aber hätte man davon, eine Spielerin zur Erfüllung ihres Vertrages zu zwingen, die gerne ein weiteres Jahr geblieben wäre und die nun die Möglichkeit hat, zu einem anderen Topklub zu wechseln? Überrascht wurde man freilich. Pläne für den Sommer existieren bei der TuS Metzingen, die aber nicht einfach um ein halbes Jahr vordatiert werden können. Mit der hochtalentierten Delaila Amega hat man die Spielmacherin der Zukunft, Shenia Minevskaja zeigte nach ihrer Rückkehr zur TuS ihre besten Spiele, wenn sie die Spielsteuerung übernahm. Das Problem liegt viel eher in der Quantität des Kaders für den Rest der Spielzeit. Dorina Korsos und Kelly Vollebregt fehlen langzeitverletzt, derzeit kann auch Monika Kobylinska nicht mittun. Sicherlich ist es richtig, wenn Ferenc Rott nun keinen Schnellschuss tätigt, der angesichts einer Ablösesumme aus Bieteigheim möglich wäre, passieren darf personell aber nichts mehr. Müßig ist es, darüber zu diskutieren, ob Anna Loerper ihr Team im Stich lässt. Natürlich tut sie das, wenn man den ganzen Sachverhalt berücksichtigt, kann man es aber auch zähneknirschend nachvollziehen. Es hat einen gewissen Charme, dass am kommenden Mittwoch die TuS in Bietigheim gastiert. Für beide Seiten wird es nicht einfach, sich mit der Situation zu arrangieren.

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