Den Augenblick des letzten Ballkontakts hatte Marlene Zapf nicht sofort parat. Gemeinsame Recherchen ergaben, dass es am  Donnerstag, 12. März, gewesen sein muss. Zwei Tage später wäre für die TusSies die Reise zu den Bad Wildungen Vipers angestanden – ehe das Corona-Virus  nicht nur die Sportwelt komplett auf links drehte. Alles vorbei auf einen Schlag. Die Bundesliga im Frauenhandball wurde zunächst unter- kurz darauf komplett abgebrochen. Das Leben der Vollblut-Handballerin ist ein anderes – vor allem ohne Handball eben.

Schuldienst bringt Normalität

„Es geht mir gut“, vermeldete Marlene Zapf frohgelaunt per Telefon. Seit kurzem geht es der Grundschullehrerin sogar noch besser, weil sie in der Metzinger Sieben-Keltern-Schule wieder ihre Viertklässler um sich  hat. „Damit ist zumindest wieder ein Stück Normalität eingekehrt“, so die Rechtsaußen, die bei geteilter Klasse nun zwei Mal am Tag den gleichen Unterricht abhält. Macht nichts. Sie hat ja Zeit, weil es in Sachen Handball eh nichts zu tun gibt. „Ich hätte nicht arbeiten müssen, bin freiwillig im Dienst, weil ich als Asthmatikerin zur Risikogruppe zähle. Gleichzeitig bin ich ja aber auch Leistungssportlerin und deshalb ist mein Körper gut aufgestellt“, stellt die 30-Jährige klar.

Mehr Zweisamkeit

Stichwort Körper. Der muss natürlich auch ohne Handball fit gehalten werden. „Es ist ein bisschen so wie die trainingsfreie Zeit in der Sommerpause, wenn man läuferisch und athletisch auch in Eigenregie arbeitet. Weil es nun aber schon so lange dauert, wird man erfinderisch. So habe ich von zu Hause eine Langhantel samt Gewichten mitgebracht“, sagt Marlene Zapf, die mit Freund Christoph zudem Metzingens Umgebung viel besser kennengelernt hat. Bisher war kaum Zeit für Spaziergänge oder Wanderungen – plötzlich fast zu viel. Wobei die Zweisamkeit einer der wenigen positiven Aspekte ist. Gemeinsames Abendessen kannten sie bis dato nicht. „Ich hatte je immer Training“, so die Nationalspielerin, die sich in dieser Eigenschaft quasi auf dem Sofa für die EM Ende des Jahres qualifiziert hat. „Richtig freuen kann man sich darüber nicht, zumal es ja noch gar nicht klar ist, ob es überhaupt eine Europameisterschaft gibt.“ Marlene Zapf weiß, dass es allen Kolleginnen im Nationalteam so geht.

Mitspielerinnen nicht mehr gesehen seit dem 12. März

Jene von der TuS Metzingen hat die Spielführerin seit exakt jenem 12. März nicht mehr gesehen. Nicht nur wegen des Kontaktverbots, es ist schlicht und ergreifend niemand da. Fast alle sind zu Hause bei den Familien. Und wann kommen sie wieder? Man spekuliert auf einen Trainingsbeginn Anfang Juli. Unklar ist, in welchem Umfang es dann an die Arbeit geht. Normales Training in der Halle, oder zunächst nur im Freien. Was kann man im Handball überhaupt ohne Körperkontakt trainieren? Man weiß es nicht so recht.

Alltag soll so bald wie möglich einkehren

„Ich hoffe nur, dass der Alltag so bald wie möglich wieder  einkehrt“, sagt Marlene Zapf. Sie hofft es, mag aber nicht so recht daran glauben, dass ab September wieder ganz normal Handball gespielt werden kann. Vielleicht ohne Zuschauer. „Wahrscheinlich werden wir keine andere Wahl haben“, vermutet die TuS-Kapitänin, die das aber so wenig will wie alle anderen. „Die Voraussetzungen müssen da sein, man kann nichts erzwingen“, sagt jene, die mit der Sonderrolle der Fußballer nichts anfangen kann. Als Blaupause für den restlichen Sport taugt es eh nicht, weil man ja nicht flächendeckend alle testen kann, die den Spielbetrieb wieder aufnehmen wollen.

Final Four kam spät auf den Schirm

Zeitlich verliere man etwas das Gefühl für den Alltag, gibt Marlene Zapf zu, die lange nicht daran gedacht hat, dass exakt an diesem Wochenende das Final Four um den DHB-Pokal in der Porsche-Arena steigen sollte. Mit der TuS Metzingen, der man bessere Chancen denn je auf einen Cup-Sieg eingeräumt hätte.
„Wir wurden diese Saison von Spiel zu Spiel immer besser, haben uns in der Liga einen richtigen Namen gemacht. Höhepunkt war der Sieg gegen Dortmund. Bietigheim wäre bestimmt mit großem Respekt zum letzten Saisonspiel nach Tübingen gereist. Vielleicht hätten wir mit dem Pokalsieg eine Wahnsinns-Saison krönen können.“ Ein bisschen träumen gönnt sich Marlene Zapf. Klar ist, dass dem Spiel vergangene Woche gegen Bietigheim  entscheidende Bedeutung im Kampf um die Meisterschaft zugekommen wäre. „Wir können es nicht aus eigener Kraft schaffen, werden aber das Zünglein an der Waage sein“, hatte Manager Ferenc Rott damals gesagt. Er hat sich auf eine proppevolle Paul-Horn-Arena gefreut. Am Ende eines begeisternden Spiels hätte entweder Bietigheim die Meisterschaft gefeiert – oder Dortmund sich über Metzinger Schützenhilfe gefreut. Jetzt gibt es keinen Meister und auch ein weiterer Programmpunkt musste entfallen: Die Verabschiedung der Spielerinnen, die die TuS verlassen. „Jetzt kommen sie wahrscheinlich nur noch zurück, um ihre Wohnungen auszuräumen. Das tut schon weh. Das Team hat natürlich trotzdem etwas geplant, das kann eine richtige Verabschiedung vor Publikum aber nicht einmal annähernd ersetzen“, weiß Marlene Zapf.

Verlegung des Final4 wäre komisch

Das Final Four ist also nicht, weshalb sich für „Marli“ und Christoph ein Heimatbesuch in der Pfalz anbietet. Auch schön, aber kein Ersatz. Wobei ja noch nicht klar ist, wie mit der Pokalendrunde verfahren wird. Eine Verlegung ans Jahresende steht noch im Raum. „Das wäre schon komisch, man würde es dann ja nicht mehr mit der Saison 2019/20 verbinden.“ Die Spielführerin der TuS Metzingen mag sich vor allem nicht vorstellen, dass dann plötzlich Delaila Amega womöglich im Dortmunder Trikot gegen die TusSies spielt. Man kann und will sich in Zeiten von Corona nicht alles vorstellen. Der Sport wird in den nächsten Monaten aber garantiert noch einiges Gewöhnungsbedürftiges im Angebot haben.