Heidenheim / Patrick Vetter  Uhr
Das Geschäft mit den Quoten kennen viele nur aus Geschichten von Spielsüchtigen. Ein Heidenheimer Wettbürobetreiber erzählt aus seinem Alltag.

Gelächter, Freunde, Fußball im Fernsehen und ein paar Bier: So gesellig geht es abends in einer Bar in Herbrechtingen zu. Der einzige Unterschied zu jeder anderen Bar ist, dass im Nebenraum, wo kein Alkohol ausgeschenkt werden darf, auf Spiele und Sportevents gewettet werden kann. Fußballfans unterhalten sich bei einem Getränk und setzen kleine Beträge auf Spiele, die sie sich sowieso gemeinsam angesehen hätten. Sportwetten gehören zur Fankultur beinahe jedes Profisports dazu.

Die Schattenseite des Wettgeschäfts sitzt aber mit im Raum. Durch Sportwetten verlieren Menschen ihr Erspartes, ihre Lebensgrundlage und manchmal auch Freunde und Familie. Ein Gast zückt ein Bündel mit 50-Euro-Scheinen und setzt auf ein Basketballspiel zweier Teams, die er gar nicht kennt.

Mit solchen Situationen beginnen die Probleme. „Wenn jemand viel Geld verliert, kann es passieren, dass er meinen Angestellten Probleme macht“, sagt Thomas Lindt (Name von der Redaktion geändert), ein Betreiber eines anderen Sportwettbüros in Heidenheim. In der Stadt gibt es laut Stadtverwaltung sieben solcher Büros. Öfter müsse ein Hausverbot erteilt oder die Polizei gerufen werden, erzählt Lindt aus dem Alltag.

Oft gibt es sprachliche Hürden

Nicht nur mit verärgerten Kunden müssen die Angestellten umgehen. Sie sollen auch erkennen, falls jemand ein Suchtproblem hat. Dafür bekommen sie Schulungen, doch das helfe manchmal auch nicht. „Oft sprechen Gast und Bedienung kaum dieselbe Sprache. Wie soll da über ein Suchtproblem geredet werden?“, fragt Lindt. Ein Problem mit Wettspielen habe jeder, der in seinen Laden komme und sich sicher sei zu gewinnen. „Wer glaubt, dass er Geld machen kann, wird leicht süchtig“, ist seine Einschätzung.

Problemspieler werden angesprochen

Mit Kunden, die auffällig wetten, muss er eine Checkliste durchgehen. Darin soll zum Beispiel festgehalten werden, wie lange und wie oft die Spieler setzten, ob sie sich schon einmal vorgenommen haben aufzuhören oder ob sie sich über Gewinne überhaupt noch freuen können. Schneiden die Problemspieler schlecht ab, können sie sich freiwillig selbst für alle Wettbüros sperren lassen.

Anonym können maximal 2000 Euro gesetzt werden. Das schütze vor Spielsucht und Geldwäsche. Für höhere Summen müssen sich die Kunden registrieren. Für Lindt ist die Regelung nicht streng genug. „Jeder sollte registriert sein. Dann kann genau verfolgt werden, wer wie viel spielt“, erklärt er.

Spielen, bis der Lohn weg ist

Eines haben viele seiner Kunden gemeinsam: Es sind Männer mit oft geringem Einkommen. Den meisten Umsatz macht Lindt circa vom 26. eines Monats bis zum 10. des nächsten. Am Ende des Monats bekommen die Männer ihren Lohn. Zwei Wochen später werde das Geld wieder knapp. „90 Prozent haben einen Migrationshintergrund. Das Alter spielt aber keine Rolle. Ich habe Gäste von 18 bis 70“, fasst der Wettbürobetreiber seine Kundschaft zusammen: „Viele spielen nur, weil es für sie einfach zum Tagesablauf gehört.“

Kreisräte fordern von Suchtberater Peter Barth, über die Auffälligkeiten im Landkreis aufzuklären. Das Ziel: Dort eingreifen, wo es brennt.

Auch wenn er weiß, dass viele ihren Lohn bei ihm lassen, ein schlechtes Gewissen plagt Lindt nicht, denn er weiß: „Wenn ich es nicht machen würde, würde ein anderer Sportwetten anbieten.“ Oder es werde online gewettet, ohne das Haus zu verlassen. Außerdem könne er so sicher sein, dass der Jugendschutz eingehalten werde.

Jeder, der zu jung wirkt, muss beim Betreten des Wettbüros seinen Ausweis zeigen. Ob der Jugendschutz in den Wettannahmestellen umgesetzt wird, wird regelmäßig überprüft. Stichprobenartig kommen Leute von den Behörden, der Polizei oder vom Wettanbieter selbst und prüfen das Alter der Gäste. Teilweise werden von den Kontrolleuren selbst Minderjährige in ein Wettlokal gesendet, um zu versuchen, Wettscheine zu lösen oder Alkohol zu bestellen.

Selbsthilfegruppe für Süchtige

Trotz der Kontrollen passiere es immer wieder, dass auch unter 18-Jährige eine Wettsucht entwickeln, sagt Margrit Fuchs. Sie leitet die Heidenheimer Selbsthilfegruppe „Game Over“ für Spiel- und Wettsüchtige. Nicht nur einmal kamen auch Jugendliche zu ihr. Viele von ihnen sind verzweifelt und wünschen sich eine Heilung nach dem ersten Treffen, so funktioniere das aber nicht. Eine Spielsucht sei kompliziert. „Geheilt werden nur wenige“, erzählt sie von der Aussichtlosigkeit einer Wettsucht.

Sie selbst spielte an Automaten. „Ich bin aber seit 13 Jahren trocken“, sagt Fuchs. Süchtige lassen sich laut der Expertin erst helfen, wenn der Suchtdruck zu hoch wird oder Freunde und Familie sich einmischen. Wer ein Problem mit pathologischem Spielen hat, kann jeden Montag um 19 Uhr die Gruppe „Game Over“ in der Clichystraße 3 besuchen.

Wo darf gespielt werden?

Klare Regeln gibt es vor allem für Spielhallen mit Spielautomaten. Diese müssen zueinander mindestens einen Abstand von 500 Metern einhalten und den gleichen Abstand zu Schulen oder Einrichtungen für Jugendliche wahren. Außerdem dürfen nicht zwei Spielhallen in einem Gebäudekomplex betrieben werden.

Schwammiger ist die Regelung im Landesglücksspielgesetz für Wettbüros. Die Wettvermittlungsstelle darf lediglich nicht mit einer Spielhalle in einem Gebäude sein und es dürfen dort keine alkoholischen Getränke ausgeschenkt werden. In Baden-Württemberg darf es höchstens 600 Wettvermittlungsstellen geben, die auf verschiedene Wettanbieter gleichmäßig aufgeteilt werden. Die einzelnen Anbieter sollen laut dem Landesglücksspielgesetz gewährleisten, dass ihre Wettbüros gleichmäßig in Baden-Württemberg verteilt sind.