Aalen/Ellwangen / Sandra Gallbronner  Uhr
Der Luftsportring Aalen fliegt bereits in der 13.Saison in der Segelflug-Bundesliga. Um ordentlich zu punkten, verbringen die Flieger beinahe jedes Wochenende in der Luft.

Felsen, Höhlen, Wasserfälle, Wälder – die Schwäbische Alb bietet Wanderfreunden und Naturliebhabern zahlreiche Ausflugsmöglichkeiten und Erlebnisse. Auch Wolfgang Gmeiner hält sich dort gerne auf, allerdings nicht am Boden. Der Heidenheimer bevorzugt vielmehr den Blick aus der Vogelperspektive. Denn Gmeiner ist leidenschaftlicher Segelflieger. Die Schwäbische Alb bietet ihm neben der schönen Aussicht noch einen weiteren Vorteil: „Die Region hat eine super Thermik“, sagt der 56-Jährige. Ebenso genießt er die Perspektive über dem Schwarzwald, der Fränkischen Alb oder dem Bayerischen Wald. „Ich hatte immer den Traum vom Fliegen“, erzählt Gmeiner, der es gerade wegen seines Beruf als Förster faszinierend findet, die Wälder von oben zu betrachten.

LSR Aalen: Deutscher Meister und Weltmeister 2017

Gmeiner erkundet die Landschaften bereits seitdem er 14 ist aus der Luft. Er suchte einen sportlichen Anreiz, den er im Segelfliegen rasch gefunden hatte. 42 Jahre sind in der Zwischenzeit vergangen und Gmeiner scheint auf seinem sportlichen Höhepunkt angekommen zu sein. Seit 2008 fliegt er in der Bundesliga-Mannschaft des Luftsportrings Aalen (LSR), wurde mit ihr 2017 Deutscher Meister, im selben Jahr sogar noch Weltmeister. In der darauffolgenden Saison erreichte der 56-Jährige in der ersten Runde eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 182 Kilometern pro Stunde, stellte damit einen deutschen Rekord auf. Am Ende der Flugsaison flog der LSR ganz knapp – mit zwei Punkten Abstand zur LSG Bayreuth – am Meistertitel vorbei.

Neues Jahr, neuer Versuch: Vor vier Wochen begann die Bundesliga-Saison 2019, wie in jedem Jahr am dritten Aprilwochenende. Zum Auftakt konnte Gmeiner allerdings nicht in die Luft gehen. Er war gesundheitlich angeschlagen. Zur zweiten Runde, eine Woche später, spielte dann das Wetter nicht mit. Doch auch bei schlechten Bedingungen gilt die Devise: Um keine Punkte liegen zu lassen, sollten mindestens drei Segelflieger an den Start gehen. „Wenn die drei dann jeweils 120 Kilometer schaffen, ist das eine gute Leistung“, sagt Gmeiner. Zum Vergleich: Im Schnitt sind die Piloten in dem vorgegebenen Zeitfenster von zweieinhalb Stunden mit einer Geschwindigkeit von 110 bis 120 Stundenkilometern unterwegs, legen somit durchschnittlich rund 300 Kilometer zurück.

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Im Zick-Zack an den Wolken vorbei

Nur bei Regen habe man wirklich schlechte Karten, so Gmeiner: „Der geht gar nicht.“ Deshalb fiel der Samstag des zweiten diesjährigen Bundesliga-Wochenendes als Flugtag gleich mal ins Wasser. Trotz Schauer und tiefer Wolken am Tag darauf wagten es Gmeiner und fünf weitere Piloten dann aber doch zu fliegen. „Wir mussten im Zick-Zack an den Wolken vorbei“, beschreibt Gmeiner den Flug. Letztlich habe aber die Kombination aus kalter Luft und genügend Sonnenflecken für eine gute Thermik gesorgt, sodass Gemeiner in den erforderlichen zweieinhalb Flugstunden 282 Kilometer zurücklegen konnte. Am Ende des Tages genügte ein Blick in die Tabelle, um alle Strapazen zu vergessen: Rundensieger hieß es für die Aalener Sportpiloten, die mit diesem Ergebnis auf Platz 1 der Bundesliga-Tabelle rutschten.

Diesen musste sie eine Woche später allerdings schon wieder abgeben, an einen alten Bekannten, die LSG Bayreuth, die die Aalener auf den zweiten Platz verbannte. Wohlgemerkt: Beide Teams waren punktgleich, jedoch konnte die Mannschaft aus Bayern mehr Geschwindigkeitspunkte aufweisen. Trotz schlechter Wetterbedingungen und eines 9. und eines 14. Platzes in Runde drei und vier hält sich der LSR Aalen wacker auf Rang zwei.

Das letzte Wort ist allerdings noch lange nicht gesprochen. Immerhin stehen noch fünfzehn Runden aus. Gmeiners Ziel für die laufende Bundesliga-Saison: Unter die ersten fünf kommen: „Unser Vorteil ist, dass wir viele gute Streckenflieger im Verein haben.“ So fliegen beim LSR Aalen etwa 20 Piloten bundesligaorientiert, schätzt der Förster.

Zunächst Strecken mittels Fotos dokumentiert

Doch wie wird überhaupt überprüft, wie schnell und weit die Piloten geflogen sind? Die Streckensegelflüge werden über einen GPS-Datenlogger dokumentiert. Nach der Landung lesen die Piloten ihre Daten aus und laden sie auf der Webseite des OLC (Online-Contest) hoch. So kann jeder nahezu live mitverfolgen, wo die Piloten geflogen sind, wie viele Punkte erzielt wurden und wie die Vereine in der Tabelle platziert sind. So einfach war das nicht immer. Bis Anfang der 2000er haben die Segelflieger bei Wettbewerben nur die Wendepunkte der vorab festgelegten Route dokumentiert. Allerdings nicht elektronisch. Stattdessen mussten die Sportler zur Kamera greifen und Fotos von markanten Punkten, etwa einem Kirchturm, einem Autobahnkreuz oder einem Bahnhof, machen. Der genaue Streckenverlauf blieb hingegen im Verborgenen.

„Der Online-Contest hat den Segelflug revolutioniert. Es gab große Leistungssprünge“, so Gmeiner. Während die Sportler früher wochenlang hätten warten müssen, bis sie im Fliegerblättle die Ergebnisse der einzelnen Runden und Piloten einsehen konnten, haben sie heute die Leistung der Mitstreiter immer im Blick. Ein weiterer Vorteil des Online-Contests: Die Sportflieger können auf der Homepage jederzeit das optimale Wetterfenster im Blick behalten.

Segelfliegen: ein Ausdauersport

Was müssen die Bundesliga-Flieger noch im Blick behalten? Bedarf es außer des technischen Know-hows und der Wartung des Segelflugzeugs überhaupt einer Vorbereitung? Auf jeden Fall. „Segelfliegen ist ein Ausdauersport. Der Kreislauf muss fit sein“, so Gmeiner, der sich mit Laufen, Schwimmen und Radfahren fit hält. Denn der Körper muss so einiges mitmachen, wie der Heidenheimer beschreibt: „Im Frühjahr ist es kalt, im Sommer heiß. Dann hat man mal Stress und der Puls schnellt hoch.“ Dabei ermüde der Körper schnell, da man lange im Flugzeug sitzt.

Dennoch, oder gerade deswegen: Für die Segelflieger gibt es keinen schöneren Sport. „Fliegen macht süchtig“, so Gmeiner, der von der abwechslungsreichen Landschaft schwärmt. „Fliegen ist, wie den Reset-Knopf zu drücken. Man ist dabei in seiner eigenen Welt und kann vom Alltag abschalten.“ Einen weiteren Vorteil sehe er darin, dass es – anders als in vielen anderen Sportarten – nach oben keine Altersbeschränkung gebe: „Man kann das als Älterer immer noch machen.“

Demzufolge könnte Gmeiners Teamkollege Thomas Mannal aus Zang noch viele Flugjahre vor sich haben. Der 26-Jährige hat 2012 seinen Flugschein gemacht. Als 2014 die U-25-Segelflug-Bundesliga gegründet wurde, war Mannal mit dem Luftsportring mit von der Partie und landete unter 50 teilnehmenden Mannschaften prompt auf Rang zwei. Gleich am ersten Wochenende legte der Sportler mit gut 135 Durchschnittsstundenkilometern sogar eine Rundenbestleistung hin.

Mit Störchen und Steinadlern fliegen

Gemeinsam mit den Vögeln den gleichen Aufwind zu nutzen, das sind immer wieder prägende Erlebnisse für den jungen Ingenieur: „Ich habe bei Hockenheim schon mit 20 bis 30 Störchen den gleichen Aufwind genutzt.“ Auch einen Steinadler habe er bereits beobachten können.

Zeit zum Beobachten bleibt den Flugsportlern genug. Knapp 100 Stunden verbringt Mannal jährlich in seinem Segelflieger. Dabei kann er sein Hobby auch ganz praktisch nutzen: So habe er schon einmal einen Rundflug über Prag, Dresden und die Ostsee gemacht. „Ich habe dort drei Freunde besucht“, erzählt der 26-Jährige. Bei solchen Ausflügen sitzen die Sportler einige Stunden im Flieger. Wem das auf die Blase drückt, der muss zur Flasche greifen. Wolfgang Gmeiner sieht das aber gelassen und hebt lieber die Vorteile eines langen Streckenflugs hervor: „Beim Kuchenessen die Wolken anschauen, was gibt es Schöneres.“

Ein Video aus einem Segelflugzeug über dem Kreis Heidenheim gibt es unter hz.de/videos

Wie funktioniert die Segelflug-Bundesliga?

30 Vereine gehören der Segelflug-Bundesliga an. Die Saison ist in 19 Runden, sprich in 19 Wochenenden, an denen gewertet wird, aufgeteilt. An diesen beiden Tagen dürfen die Piloten beliebige Strecken innerhalb Deutschlands zurücklegen. Allerdings werden nur Flüge mit einem Zeitfenster von mindestens zweieinhalb Stunden und 40 Stundenkilometern im Schnitt berücksichtigt.

Die Bundesliga-Saison beginnt am dritten Aprilwochenende und endet am letzten Wochenende im August. Für jeden Verein dürfen beliebig viele Sportler antreten. Gewertet werden allerdings nur die schnellsten drei Flüge pro Runde. Ihre erreichten Einzelgeschwindigkeiten werden aufsummiert. Dabei werden die Durchschnittsgeschwindigkeiten zuvor mit einem Index für jedes Flugzeug verrechnet, um die Leistungsunterschiede der unterschiedlichen Flugzeuge auszugleichen.

Der Rundensieger erhält zwei Punkte je teilnehmendem Verein an der Runde, maximal jedoch 20 Punkte. Die anderen Vereine erhalten absteigend jeweils einen Punkt weniger.

Die letzten sieben Vereine der Segelflug-Bundesliga steigen am Ende der Saison in die zweite Bundesliga ab, in der ebenfalls 30 Vereine gewertet werden. Nachfolgend gibt es die Qualifikations- sowie Landesliga.