Turnen Ein Turner muss sich auch mal quälen können

Bolheim / Tina Lischka 12.01.2018
Benjamin Wiedmann tritt mit dem SV Bolheim in der nächsten Saison in der Oberliga an. Warum er seinen Sport liebt und worauf es dabei ankommt, weiß der 27-jährige genau.

Die Bandagen sind befestigt, die Hände mit Magnesia bedeckt – es kann also losgehen. Rauf auf den Stufenbarren, Kräfte sammeln und schwingen. Ein Umschwung, dann zwei, drei, vier – so geht es weiter, bis Benjamin Wiedmann runter auf die Matte springt. Der 27-Jährige ist Oberliga-Turner bei den Bolheimer Herren und voll und ganz in seinem Element: „Die Kraft geht nicht so schnell aus“, erklärt er, „aber irgendwann wird einem schwindlig.“

Nichts Neues für Wiedmann, der schon früh mit dem Sport begonnen hat. Der Schnaitheimer war bereits im Mutter-Kind-Turnen bei der TSG und fand schnell Gefallen daran. In Schnaitheim hatte man damals auch sein Talent fürs Turnen erkannt und ihn nach Wetzgau ins Leistungszentrum geschickt, wo er eine Zeit lang blieb.

Vier bis fünf Mal pro Woche Training und jeweils eine Stunde Fahrt waren aber irgendwann zu viel für den damals 18-Jährigen. „Es war zwar mal geplant, nach Wetzgau zu ziehen, aber das wollte ich dann doch nicht“, erinnert sich Wiedmann. Die Schule und auch seine Freunde waren dem jungen Turner wichtiger.

Der Aufstieg in die Oberliga

So ergab es sich, dass er nach Bolheim wechselte. Damals turnten die Männer noch in der Landesliga. Mittlerweile hat Wiedmann mit seinem Team den Aufstieg in die Oberliga geschafft, sieht diesen Schritt aber eher kritisch. „Wir haben keine Chance“, sagt er in Hinblick auf die anstehenden Wettkämpfe. Die anderen Mannschaften seien schlichtweg besser und die personelle Lage in Bolheim eher kritisch. So hat Aushängeschild Marcel Niess seine Karriere vor kurzem beendet und Johannes Kastler ist immer noch verletzt.

„Im Turnen ist es leider nicht so wie im Fußball, wo ein Schwächerer auch mal einen Stärkeren schlagen kann“, weiß Wiedmann, der neuerdings nicht nur selbst trainiert, sondern auch Trainer der Aktiven und der zweiten Mannschaft ist. Er und Dennis Bausch teilen sich diese Aufgabe, trainieren parallel aber auch selbst mit.

Neuzugänge gibt es bei den Bolheimern nicht, dafür konnten zwei Turner aus der Zweiten hochgezogen werden. „Wir brauchen Leute“, sagt der junge Trainer, der trotz allem das Ziel hat, sein bestes in der Oberliga zu geben und sich darauf freut, sich mit anderen Mannschaften messen zu können. „Schauen wir mal, was dabei rauskommt.“

Mehr Stress ist da programmiert. Für die Wettkämpfe muss Wiedmann mit seinen Kameraden jetzt unter anderem bis nach Österreich fahren. Hinzu kommt, dass er neben dem Turnen auch Skiausfahrten mit der TSG Schnaitheim macht. „Beides findet im Winter statt und überschneidet sich jedes Jahr“, sagt der 27-Jährige. Auch beruflich ist er fest eingespannt. Im Moment absolviert der angehende Sport- und Physiklehrer nämlich sein Referendariat am Werkgymnasium.

Ein straffer Zeitplan – trotzdem hat Wiedmann Spaß am Turnen. Vor allem die Vielseitigkeit des Sports hat es dem Schnaitheimer angetan. Immerhin müssen männliche Turner sechs Geräte bei Wettkämpfen turnen. „Barren und Ringe mache ich am liebsten – weil ich das am besten kann“, sagt er und lacht.

Es gibt natürlich auch Übungsteile, die ihm nicht so liegen und jede Menge Geduld erfordern, beispielsweise die Kreisflanke am Seitpferd. „Für manche Teile braucht man schon mal ein Jahr, bis man sie beherrscht“, weiß der Turner, „da kommt man an seine Grenzen.“ Deshalb seien beim Turnen vor allem Disziplin und Durchhaltevermögen ausschlaggebend. „Man muss sich auch mal selbst quälen können“, sagt er. Talent sei dabei zwar von Vorteil, aber nicht das Hauptkriterium. „Der eiserne Wille ist entscheidend.“

Kraft ist das A und O

Im Training, das in Bolheim zweimal pro Woche stattfindet, steht deshalb vor allem Kraftausdauer im Mittelpunkt. Bei einer Übung an den Ringen, die zwischen 30 Sekunden und einer Minute dauern kann, sei die Kraft das A und O. „Krafttraining ist aber auch das Schlimmste – das ist manchmal einfach zu anstrengend“, so Wiedmann. Trotzdem ist es wichtig, um Verletzungen vorzubeugen. Was das betrifft, hatte er in seiner Turner-Karriere bisher Glück: „Ernsthafte Verletzungen hatte ich bisher nicht.“ Auch sonst achtet er auf seinen Körper, macht in der Freizeit zusätzlich Sport und: „Süßigkeiten esse ich gar nicht.“

Bereits Anfragen von Drittligisten

Er ist erfolgreich, hatte sogar schon Anfragen von einem Drittligisten, diese aber dennoch abgelehnt. „Da hat man keine Zeit mehr für etwas anderes“, weiß Wiedmann. Außerdem sei es für einen Turner beinahe unmöglich, allein vom Sport zu leben. „Das können nur Superstars wie Hambüchen“, sagt der 27-Jährige.

Für Wiedmann sind aber gerade diese Superstars der Grund dafür, dass sich das Bild von männlichen Turnern geändert hat. Während er früher in der Schule ab und an negativ auf seinen Sport angesprochen wurde, sei jetzt eine Art Trendsport daraus geworden. Auf Partys muss er da schon mal eine Turnübung aufführen: „Das macht schon viel Spaß“, sagt Wiedmann.

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