Heidenheim / Patrick Vetter Tobias Bühner war über zwanzig Jahre Zehnkämpfer. Stabhochsprung war immer seine beste Disziplin. Er erzählt, wie man sich vier Meter über dem Boden fühlt.

Mit 14 Jahren nahm Tobias Bühner erstmals einen Stab in die Hand und versuchte über die meterhohe Latte der Stabhochsprunganlage zu kommen. Zu der Zeit spezialisierte sich der Leichtathlet auf den Zehnkampf und wechselte aus Herbrechtingen zum Heidenheimer Sportbund. Dort hatte er bessere Trainer und der Stabhochsprung entwickelte sich schnell zu seiner Paradedisziplin. Nicht nur weil er die meisten Punkte damit holte, sondern auch, weil es die emotionalste Sportart war.

„Wenn man die Latte überwunden hat und aus mehreren Metern Höhe auf die Matte fällt, fühlt sich das ein bisschen wie fliegen an“, schwärmt Bühner über eine der wenigen Sportarten, bei denen die Sportler sich ungesichert über vier Meter, im Profibereich sogar noch höher, in der Luft bewegen. „Wenn man die Latte überwunden hat, kann man es auch richtig genießen. Wenn man den Sprung nicht schafft, ärgert man sich dafür umso mehr“, beschreibt Bühner den Flug.

Bevor sich ein Athlet aber das erste Mal tatsächlich über vier Meter in die Luft schraubt und erfolgreich die Latte überquert, trainiert er jahrelang. Zuerst wird mit Sprüngen in die Weitsprunggrube nur geübt am Stab zu hängen. Es müssen Sicherheitsreaktionen des Körpers abgebaut werden und das Einbiegen und Einstechen des Stabs trainiert werden.

Youtube

Gute Athletik ist wichtig

Die wichtigste Grundvoraussetung ist eine gute Athletik: „Ein guter Stabhochspringer sprintet die 100 Meter auch in unter elf Sekunden und springt sieben Meter weit“, sagt Bühner. Nur wer viel Energie aus Anlauf und Absprung mitbringt, kann auch die harten Stäbe, mit denen gute Ergebnisse gesprungen werden können, einbiegen. Die meisten Leichtathleten kommen mit zirka 15 Jahren über den Mehrkampf zum Zehnkampf. Bei den Frauen sei das anders: Viele Frauen haben vorher geturnt.

„Turnübungen gehören zum Training beim Stabhochspringen. Die Kippbewegung, wie bei einer Kippe am Reck, wird ja auch am Stab gemacht“, erklärt Bühner, der jahrelang der erfolgreichste Stabhochspringer beim HSB war: „Das Turnerische unterscheidet die Disziplin von anderen in der Leichtathletik.“

Selbst der athletischste Turner und Sprinter ist noch nicht unbedingt ein guter Stabhochspringer: Um die Technik zu erlernen, sei der richtige Trainer sehr wichtig: „Beim Stabhochsprung geht mit Halbwissen gar nichts. Man braucht viele Tricks, um die Technik zu vermitteln“, sagt Bühner.

Außerdem gehört eine Portion Mut dazu: „Man bekommt jedes mal wieder Muffensausen. Die Höhe ist dabei nicht das Problem. Unfälle passieren nicht mehr, wenn man die Latte mal überwunden hat“, stellt Bühner klar. Im Training nimmt der 36-Jährige deshalb auch zwei Schritte weniger Anlauf als an Wettkämpfen. „Es kam oft vor, dass ich im letzten Moment einfach durchgelaufen bin“, erinnert er sich.

Die Stäbe können auch brechen

Einmal abgesprungen muss man die Bewegung voll durchziehen. Auch nach einem halbherzigen Absprung biegt sich der Stab nämlich durch, kann den Sportler aber einfach wieder nach hinten auf die Bahn schleudern. Auch Landungen im Absprungkasten, in dem der Stab eingestochen wird, oder neben der Matte kommen vor. Selbst wenn der Athlet alles richtig macht, bleibt das Risiko, dass der Stab einfach bricht. Da er zu seinen aktiven Zeiten beim HSB mit Stäben sprang, die vorher oft lange Zeit niemand benutzt hatte, kam das bei Bühner öfter vor: „Das ist mir vier- oder fünfmal passiert. Die Stäbe brechen nicht einfach, sie splittern. Und das manchmal auch gleich an zwei Stellen.“

Blaue Augen, Schnittwunden, ein abgebrochener Zahn und ein Jochbeinbruch – das ist seine Bilanz aus 20 Jahren in seiner Disziplin. „Das gehört einfach dazu. Mich hat das nicht abgeschreckt“, resümiert er.

Er war nie der beste Techniker. Was andere durch die richtige Haltung schafften, machte er mit Kraft und seiner Größe wieder wett. Seine Bestleistung von 4,50 Metern reichte immerhin für einen dritten Platz im Stabhochsprung bei den baden-württembergischen Meisterschaften. 2018 sprang der studierte Sportwissenschaftler nur einmal in einem Wettkampf, verletzte sich an der Achillesferse und macht seitdem vorerst keinen Zehnkampf mehr. Mit dem HSB in der Karl-Rau-Halle trainieren zurzeit nur zwei andere aktive Zehnkämpfer aus Aalen. Sie gehören zur LG Brenztal, der auch die HSB-Leichtathletikabteilung angehört.

Seiner zweiten sportlichen Leidenschaft konnte Bühner trotzdem weiter nachgehen: Als Anschieber fuhr er mit dem deutschen Team Seniorenbobrennen. Einmal holte er mit seiner Mannschaft sogar den 18. Platz bei einer Europameisterschaft.

Wer sprang wann mit welchen Stäben?

Die ersten Hochsprungstäbe bestanden aus Holz. Bevor es regelwidrig wurde, kletterten die Athleten mehr, als dass sie sprangen. Um 1900 kamen biegsamere Bambusstäbe auf (Weltrekord mit Bambusstab: 4,77 Meter). Diese wurden später von Aluminiumstangen abgelöst. Es wurde eine ganz andere Technik als heute benutzt, da sich die Stangen nicht so stark biegen liesen.

Heute bestehen die Stäbe aus Glasfaser oder aus Kohlefaser. Die Kohlefaserstäbe brechen nicht so schnell, wie Glasfaserstäbe und sind auch deutlich leichter. Die Stäbe haben eine harte und eine weiche Seite. Beim Sprung biegt sich der Stab zu der weichen Seite.

Mit jedem Stab darf bei Wettbewerben gesprungen werden. Größe und Härte hängen von Gewicht und Größe des Springers ab. Der momentane Weltrekord liegt bei 6,16 Metern (Renaud Lavillenie). Den Kreisrekord von 5 Metern stellte 1986 Ralf Sapper auf.