Serie Auf die Rollen, fertig, los: Tina Lischka beim RSV Nattheim

Nattheim / Tina Lischka 22.05.2017
Sportarten selbst ausprobiert: Bei den Rollkunstläuferinnen des RSV Nattheim hat Tina Lischka ihren Gleichgewichtssinn auf Rollen getestet.

Ziehen Sie sich warm an“, warnt Danjela Folberth vom RSV Nattheim, bevor das Training beginnt. Schnell wird klar, dass sie damit nicht nur die eisigen Temperaturen in der Rollsporthalle meint. Auf dem Weg in die Umkleide springen Mädchen in grazilen Drehungen und einer enormen Geschwindigkeit vorbei. Faszination. Bewunderung. Die Nervosität steigt.

Ein sportlicher Zwiebellook soll Wärme, aber auch Selbstbewusstsein verschaffen. Gänsehaut macht sich bemerkbar. Kälte oder Anspannung? Egal! Beim Umziehen fallen die bunten und glitzernden Kostüme auf. Sie hängen an den Plätzen der Mädchen. Auf dem Boden überall geöffnete Koffer, in denen das wichtigste Utensil der Sportlerinnen liegt: der Rollschuh.

Einmal durchatmen – und los geht's. Vor der Tür wartet Trainerin Barbara Geiger. Sie ist zuständig für Kinder ab drei Jahren und für Anfänger. Keine Profi-Trainerin – beruhigend. Also her mit der Ausrüstung: Kür-Rollschuhe. „Die haben Bremsen“, sagt Geiger. Fraglich, wie man mit den komischen Knubbeln stoppen soll.

Bis zu 600 Euro kosten die Rollschuhe für Profis. Sie werden speziell an das Gewicht der Läuferin angepasst und müssen fest geschnürt werden. Das übernimmt Geiger. Somit bleibt noch Zeit, die Läuferinnen auf der Bahn zu bewundern. Und sich weiter verrückt zu machen.

Nur Mut, so schwer wird's schon nicht sein. Hoch von der Bank und Beine langsam durchstrecken. An Geigers Hand geht's wacklig auf die Bahn. Oh je, das wird nichts. So fühlen sich wohl rohe Eier unter den Füßen an. Eigentlich passend für die erste Übung: den Eierlauf. „Damit beginnen die ganz Kleinen“, so Geiger. Auch die Dreijährigen werden gestützt. Der Eierlauf dient dazu, Schwung zu holen und in Bewegung zu bleiben. Beine auf und wieder zusammen, in schönen eierförmigen Bewegungen. Und siehe da: Das Tempo wird immer schneller. Ob das so toll ist? Das Gefühl für die acht Rollen unter den eigenen Füßen kommt langsam, erst nach und nach.

Die Hand der Trainerin gibt Sicherheit. Spätestens ab Runde drei ist der Dreh gefunden. Stolz. Und schon springt wieder eine Läuferin mit perfekt gestreckten Beinen vorbei. Aber immerhin: Der Anfang ist gemacht. Nächste Übung: der Storch. Haltung, Arme strecken und ein Bein angezogen in die Höhe ziehen. „Sich wie ein Storch im Salat fühlen“ bekommt eine ganz neue Bedeutung. Aber es klappt. „Dann können wir ja gleich die nächste Übung machen – die Hocke“, sagt Geiger. Klingt leicht. Klingt aber nur so. Die steifen Rollschuhe sind ganz schön einengend, das Gleichgewicht zu halten fällt in der Hocke sehr schwer. „Sie tragen wohl öfter High-Heels, oder?“, ruft die Trainerin der Fortgeschrittenen, Manuela Hinderberger, durch die Halle. Hocke missglückt. „Deshalb sind Ihre Bänder verkürzt, Sie kommen nicht ganz runter.“ Erwischt. Die Vorliebe für hochhackige Schuhe wird bei dieser Übung zum Verhängnis. Egal, der Spaß bleibt. Und die trainierenden Mädchen mit ihren perfekten Pirouetten motivieren. Also: weitermachen!

Geiger zeigt, was zu tun ist, fährt auf einem Bein, klemmt das andere dahinter. Nachmachen. Funktioniert recht gut, festgeklammert an der Halt gebenden Hand. Bei jedem Wackler abgefangen werden, bewahrt vor der unschönen Begegnung mit dem harten Boden – ein gutes und vor allem sicheres Gefühl.

Bitte keine Standwaage!

Dann die Standwaage – musste ja kommen. Gefühlte fünf Kilo hängen an den Füßen. Einen in die Luft heben und dabei auch noch das Gleichgewicht halten – unmöglich, kaum vorstellbar. „Zu den Kleinen sage ich immer, dass sie ihr Bein ganz langsam immer weiter nach oben ziehen sollen. Versuchen Sie es“, ermutigt Geiger. Schon hebt sich das Bein. Tatsache, es klappt. Begeisterung.

Zwei wichtige Übungseinheiten fehlen trotzdem noch, um eine eigene kleine Kür aufführen zu können. Eine Drehung um die eigene Achse – mit Hilfestellung versteht sich – und das Übersetzen im Kreis. Im Prinzip dasselbe wie der Eierlauf. Nur eben schwerer. Die Geschwindigkeit steigt, es wird schnell – zu schnell. Der linke Fuß bleibt auf dem aufgezeichneten Kreis am Boden, das rechte Bein übersetzt. Faszinierend, das Gefühl zu bekommen. Schneller. Immer schneller. Gleichgewicht? Weg! Straucheln, der Boden kommt näher – da ist Geigers Hand, rettet vor dem Sturz. Das war knapp.

Showtime!

Jetzt noch einmal die Abfolge besprechen, Musik, Showtime! Die Kür beginnt mit der Drehung, Übersetzen und endet mit Figuren. Barbara Geigers Hand immer fest umschlossen – dann ist es eben eine Paarkür. Was soll's – einfach munter weiterrollen.

Inzwischen sind nur noch die Hände kalt. Bei dem ganzen Spaß ist die Anstrengung kaum zu spüren. Hinsitzen, ausruhen, das Training der Profis beobachten. Begriffe wie Rittberger und Doppel-Toeloop fallen. Zu passender Musik gibt es Teile einer echten Kür. Da ist sie wieder – die Gänsehaut. Wunschdenken und Tagträume schießen durch den Kopf – so gut will ich auch sein. „Das erfordert viel Training und Disziplin“, sagt Hinderberger. Drei bis vier Mal pro Woche wird trainiert. Zweieinhalb Stunden stehen die 59 Mädchen und ein Junge vom RSV Nattheim dann auf ihren Rollschuhen und üben für Aufführungen und anstehende Meisterschaften – wie die deutsche Meisterschaft im September, die in Nattheim ausgetragen wird.

Zurück in der Umkleidekabine, umziehen, Feierabend. Der Blick schweift nochmal durch den Raum. Rollkunstlaufen ist die perfekte Sportart für Frauen: teure Schuhe an den Füßen und alle zwei Jahre ein neues auffällig glitzerndes Kostüm, Bewegung zu schöner Musik – doch was so fließend und grazil aussieht, ist harte Arbeit.

Wieder in den eigenen Schuhen, ohne die benötigte sichernde Hand, auf festem Boden stehen und die Gewissheit im Kopf: Schön war's, aber es wird beim Gastspiel bleiben.