Porträt Wenn’s Bärle mit den Tatzen wirbelt

Der Außendrehhüftwurf – auf japanisch soto-maki-komi – ist eine Spezialität von Carmen Weiß. Hier befördert sie ihren Albershäuser Trainer Jürgen Lindner auf die Matte.
Der Außendrehhüftwurf – auf japanisch soto-maki-komi – ist eine Spezialität von Carmen Weiß. Hier befördert sie ihren Albershäuser Trainer Jürgen Lindner auf die Matte. © Foto: Giacinto Carlucci
Kreis Göppingen / Wolfgang Karczewski 08.11.2018

Gerhard Seele, der ehemalige Trainer von Ausnahme-Judoka Carmen Weiß, hat seinem Schützling einst den Spitznamen „Bärle“ verpasst. „Ich war sein Bär. Er hat immer gesagt, dass ich wie ein Bär kämpfe, weil ich so lange mit meinen Gegnern rumgemacht, mit ihnen gespielt habe und dann erst draufgehauen habe“, sagt sie lachend. Seele war es auch, der Carmen Weiß die ersten Schritte auf der Judo-Matte beibrachte. Zu ihm hatte die talentierte Kämpferin ein besonderes Verhältnis. Ihre Silbermedaille bei der Ü 30-Weltmeisterschaft Ende 2016 im US-amerikanischen Fort Lauderdale – es war ihr erster großer Erfolg auf internationaler Ebene – widmete die ­Ebersbacherin ihrem 2011 verstorbenen langjährigen Mentor und Trainer.

Ihr Großvater Heinz Weiß war es, der seine Enkelin mit zehn Jahren erstmals zum Judo schickte. „In der Schule hätte ich Blockflöte spielen können, aber das wollte ich nicht“, erklärt Carmen Weiß. Der Rest der Familie sei musikalisch, ihr Cousin André Weiß beispielsweise ist Jazzpianist. Nur Carmen Weiß zog es zum Sport, wo sie rasch Karriere machte. In der Judo-Abteilung der Turnerschaft Göppingen stellte sich schnell heraus, dass andere Gleichaltrige der talentierten Sportlerin nicht das Wasser reichen konnten. Schnell trainierte Carmen Weiß mit Judoka, die mindestens vier Jahre älter waren als sie. „So hatte ich gleichwertige Gegner, das hat mich weitergebracht“, erzählt sie.

Mit der Frauenmannschaft des Klubs kämpfte sie sich von der Landesliga über die Württemberg­liga bis in die zweite Liga hoch. Doch 2008 hatte die damals 30-Jährige, die im Schwergewicht, der Klasse über 78 Kilogramm, an den Start ging, genug vom Leistungssport. „Ich war am oberen Limit. Mein Trainer Gerhard Seele hat damals sein Amt niedergelegt und ich habe ein Haus gebaut“, erklärt die Ebersbacherin.

Sieben Jahre später juckte es der gelernten Elektrikerin, die heute Projektleiterin im technischen Facility-Management in Stuttgart ist, wieder in den Fingern. Immer wieder hatte Jürgen Lindner, dessen Kind bei Carmen Weiß trainierte, versucht, die Ebersbacherin zu einem Comeback zu bewegen. Und gleich stellten sich die ersten Erfolge ein. Bei einem Turnier wurde Bundesligist KSV Esslingen auf die 1,76 Meter große und 115 Kilogramm schwere Athletin aufmerksam. Fortan kämpfte sie dort gegen internationale Spitzensportler. Heute, mit 40 Jahren, ist sie die mit Abstand älteste Kämpferin der Liga. „Normalerweise ist man als Judoka mit Anfang 30 fertig“, lacht sie. Aber Carmen Weiß biss sich durch und konnte mit den Großen der Welt, die vom Alter her ihre Kinder sein könnten, mithalten.

Weil die Frauen in Albershausen, Esslingen und Leonberg, wo sie insgesamt sechs Mal pro Woche Übungseinheiten absolviert, ihr sportlich nicht das Wasser reichen können, trainiert sie zu 80 bis 90 Prozent mit Männern.

Ihre größten Erfolge feierte die Ausnahme-Athletin bei den Veteranen in der Ü 30-Klasse. Nach ihrer Silbermedaille bei der WM 2016 stieg sie bei der Veteranen-Europameisterschaft 2017 in Zagreb auf das oberste Treppchen. Wenig später holte sie Bronze bei der Ü 30-WM im italienischen Olbia. Diese Erfolge verschafften der Judoka, die jetzt für den TSGV Albershausen startet und von Heimtrainer Jürgen Lindner bei jedem Großereignis begleitet wird, so große Popularität, dass sie bei der Sportlerwahl im Kreis zur Sportlerin des Jahres 2017 gewählt wurde. Schon im Jahr zuvor war sie bei der Wahl auf Platz drei gelandet.

„Das war natürlich eine große Überraschung und hat mich sehr gefreut“, strahlt sie. Nach dem zweiten Platz bei der Ü 30-EM in Glasgow folgte der große Rückschlag: Beim Bundesligawettkampf gegen den VfL Sindelfingen am 30. Juni dieses Jahres verletzte sie sich ohne Einwirkung ihrer Gegnerin schwer: Wadenbein gebrochen, Syndesmoseband und Halteband vom Knie gerissen, ein größeres Knorpelstück ausgerissen und Stücke von der Kniescheibe rausgebrochen. „Schon im Fallen habe ich gemerkt, dass mehr kaputt ist. Es hat mehrfach geknackt und mein Bein hatte sich verdreht“, schildert sie die Szene. Mindestens bis Januar muss Carmen Weiß pausieren, dann will „Bärli“ wieder angreifen und mit ihren Tatzen die Gegnerinnen das Fürchten lehren. Denn ein großes Ziel hat die 40-Jährige noch: den Gewinn des WM-Titels.

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