Tauziehen Kicker in der Provinz, Tauzieher in der Welt

Jens Niederberger beim Training. Der Steinenkircher zieht kommende Woche bei der Weltmeisterschaft in Südafrika.
Jens Niederberger beim Training. Der Steinenkircher zieht kommende Woche bei der Weltmeisterschaft in Südafrika. © Foto: Thomas Madel
Steinenkirch / Von Thomas Friedrich 15.09.2018

Bislang war alles ganz einfach für Jens Niederberger. Der Steinenkircher kombinierte weitgehend problemlos seine beiden Lieblingssportarten. Samstags spielte er Fußball bei den Junioren der TG Böhmenkirch, einen Tag später stand Tauziehen in Affalterried auf dem Programm. Künftig könnten sich beide Termine überschneiden. Die Böhmenkircher Männer spielen sonntags

Seine Qualität am Seil ist höher als die am Ball, sie hat den 17-Jährigen in die deutsche Nationalmannschaft gebracht. Morgen Vormittag fliegt er mit dem Team zur U 19-Weltmeisterschaft nach Kapstadt in Südafrika. Es ist Niederbergers zweiter internationaler Termin, vor zwei Jahren zog er schon bei der WM in London. Damals ging Deutschland leer aus, diesmal hofft der Steinenkircher auf Edelmetall. Die Schweiz starte als Favorit, dahinter hält er alles für möglich.

Tauziehen ist in Steinenkirch so etwas wie Volkssport, vor allem bei den Niederbergers. Jens’ Cousine Julia gewann in London mit dem deutschen Team Bronze. Cousin Markus ist sein Zugpferd seit Kindertagen. Als kleiner Junge, erinnert sich Vater Bernd Niederberger, habe Jens „einen Kälberstrick genommen“ und gemeinsam mit Markus „gegen die Oma“ gezogen. Wie’s ausging? „Manchmal hat die Oma nachgegeben“, sagt Jens Niederberger, der heute seine Siege gegen die Großmutter einzuordnen weiß.

Erst als 14-Jähriger hat Jens aktiv mit Tauziehen begonnen. Er zieht bei Landesligist TZC Eiche Affalterried, dem Sammelbecken aller Steinenkircher und Aalener Tauzieher. Das Ticket für Kapstadt sicherte er sich beim Sichtungsturnier in Goldscheuer in der Nähe von Kehl. Dorthin lädt Bundestrainer Markus Resch alle U 19-Tauzieher und sucht sich die Besten aus. Jens Niederberger stand auf der Liste mit zehn Namen, die zur WM fliegen.

Jeweils acht Zieher dürfen ans Seil und in dieser Klasse zusammen nicht mehr als 560 Kilo auf die Waage bringen. Das macht im Schnitt 70 Kilo. Niederberger wog bis vorige Woche 65 und sollte dennoch abnehmen, damit einige schwere Jungs noch mit ans Seil können. Der 17-Jährige will bis zum ersten WM-Auftritt am Mittwoch unter 60 Kilo kommen. Wenig essen, schon gar keine Kohlenhydrate, und täglich acht Liter Wasser trinken – damit, erklärt Niederberger. verliere man „sieben bis acht Kilo pro Woche“.

Die Muskelmasse darf bleiben, obwohl es beim Tauziehen nicht so sehr auf Kraft ankommt. In diesem Sport entscheidet Technik „und manchmal auch der Kopf“, sagt Niederberger. Tauziehen ist Willenssache. Man muss weiterkämpfen, auch wenn man schon drei von vier Metern verloren hat. Der Steinenkircher hat schon Situationen erlebt, „da flog einer vom Seil, weil er nicht mehr konnte“.

Es kommt auch auf Harmonie an, darauf, dass alle acht Zieher in jeder Situation dasselbe tun. Schert auch nur einer aus, kann der Zug schon verloren sein.

Niederberger trainiert viermal die Woche. Zweimal Tauziehen in Affalterried, zweimal Fußball in Böhmenkirch. Welche der beiden Sportarten ihm wichtiger ist, will er nicht verraten, sein Fußballtrainer könnte es ja lesen. Bislang ließen sich Terminüberschneidungen weitgehend vermeiden. Die Landesligaturniere beginnen im Mai und enden im September, dazwischen liegt die Sommerpause der Fußballer.

Künftig wird das Timing komplizierter für den 17-Jährigen, zumal seit er Anfang September eine Lehre als Elektroniker begonnen hat. Die WM in Kapstadt könnte seine letzte sein. Bei U 23-Weltmeisterschaften, der nächsten Altersstufe, rekrutiert der Bundestrainer seine WM-Teilnehmer ausschließlich aus Bundesligavereinen. Der nächstgelegene befindet sich in Zell im Allgäu. Zum Fußball-Training nach Böhmenkirch kann Niederberger dagegen mit dem Rad fahren.

Was Tauziehen ausmacht

Tauziehen ist kein komplizierter Sport. Es treten zwei Mannschaften gegeneinander an. Jede besteht aus acht Ziehern,  die versuchen, ihre Kontrahenten vier Meter zu sich herzuziehen. Gelingt das, ist der Zug gewonnen. Ein Wettkampf besteht aus maximal drei Zügen.

Entscheidend sind weniger Kraft als vielmehr Technik und Mentalität. Eine Mannschaft muss harmonieren, und sie braucht den Willen, nach einem verlorenen Zug zurückzukommen statt zu resignieren.

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