Starke Frauen Jungs zu ärgern macht richtig Spaß

Melanie Schulz vom AC Helfenstein am Steuer ihres Citroën, daneben Beifahrerin Josy Beinke.
Melanie Schulz vom AC Helfenstein am Steuer ihres Citroën, daneben Beifahrerin Josy Beinke. © Foto: Marko Unger
Drackenstein / Von Claudia Burst 06.06.2018

Im vergangenen Jahr verpasste Melanie Schulz mit Beifahrerin Josy Beinke mit Rang vier das Treppchen bei der Deutschen Rallyemeisterschaft nur knapp, in diesem Jahr hat sie das Podest fest im Visier.

„Es ist schwierig, sich in diesem Männersport als Frau zu behaupten. Weil Männer einfach stärker sind“, erklärt die Drackensteinerin. Einen Frauenbonus erhält sie nicht. Sie muss, gemeinsam mit ihrer Beifahrerin genau dieselben Herausforderungen meistern wie ihre männlichen Gegner. „Es gibt zu wenig Frauen, die diesen Sport betreiben, deshalb bleibt diesen nichts anderes übrig, als die Männer-Rallyes mitzufahren“, erklärt Schulz.

Um bei den insgesamt stundenlangen Fahrten, die in separate Abschnitte unterteilt sind, die entsprechende Kraft in Armen, Schultern und Nacken aufzubieten und die ganze Zeit über konzentriert zu bleiben, verbringt die Kauffrau für Bürokommunikation bei der Geislinger WMF drei bis viermal pro Woche ihren Feierabend im Fitness-Center. „Die Autorennen selber kann man nicht trainieren – die Veranstaltungen sind gleichzeitig auch Training“, verdeutlicht Melanie Schulz die Schwierigkeit.

Rallye fahren, das bedeutet Strecken von A nach B zu fahren, die für diese Veranstaltung entsprechend gesichert sind. Man muss so schnell wie möglich über Schotterstrecken, Feldwege, durch Dörfer oder einen Wald rasen. Regen, Sonne, Pfützen und manchmal sogar Schnee und Glatteis müssen richtig eingeschätzt werden. Und man muss in jedem Fall vorsichtig genug fahren, um Schotter oder anderen Hindernissen auszuweichen oder sich aus Kurven nicht herauszukatapultieren.

Melanie Schulz liebt diese Herausforderung, die Geschwindigkeit jagt ihr das Adrenalin durch die Adern. „Ich mag’s, das Auto im Grenzbereich zu bewegen – und auch, die Jungs zu ärgern“, bekennt sie. Ob die sich tatsächlich ärgern, weil eine Frau besser ist als sie, weiß sie nicht. Aber dass sie sich im Lauf der letzten Jahren den Respekt ihrer Gegner erarbeitet hat, das spürt sie jedes Mal, wenn irgendwo in Deutschland ein Rennen fährt.

Der Spaß an schnellen Autos kommt nicht von ungefähr: ihr Bruder Steffen Schulz fuhr schon erfolgreich auf der Rundstrecke – bis hin zum DTM-Testfahrer, ihr Vater Franz Schulz war selber Rallyefahrer und ist heute Vorsitzender des Automobilclubs AC Helfenstein. Melanie ist dort ebenfalls im Vorstand aktiv. „Ich glaube, schon mein Kinderwagen fuhr so schnell“, scherzt die Rallyefahrerin über die Anfänge ihrer Karriere.

Unfall mit Überschlag

Als Siebenjährige setzte sie sich in das Kart, beim ersten Mal noch ängstlich, aber danach wollte sie schon daraus nicht mehr aussteigen. Auf die Kart-Karriere folgte der Autoslalom mit 16, die erste Rallye mit 20. „Irgendwann in diesen ersten Jahren hatte ich auch einen Unfall, bei dem ich mich überschlagen habe“, erzählt sie. Das führt sie auf die mangelnde Erfahrung zurück, weil Trainingsfahrten auf öffentlichen Straßen in diesen Geschwindigkeiten ja nicht möglich sind.

Passiert ist ihr und ihrer Beifahrerin damals nichts. „Mein Citroën sieht, abgesehen von der Sponsorenwerbung, von außen zwar aus wie ein Straßenfahrzeug und er hat auch die Straßenzulassung – aber von innen erinnert nichts an eine komfortable Limousine“, beschreibt sie. Aus Sicherheitsgründen ähnelt der Innenraum mit den vielen Überrollbügeln stark an einen Käfig. Sowohl sie als auch ihre Co-Pilotin sitzen – eingepackt im Rennanzug und mit Helm – in speziellen Rennsitzen, festgehalten von speziellen Gurten. Sonst gibt es nur noch das Lenkrad, Handbremse, Schalthebel, Pedale. Das war’s. Mit seinen 240 PS und 1,6-Liter-Turbo-Motor ist das Fahrzeug auch nicht zu überhören.

Ohne Beifahrer funktioniert Rallyefahren nicht, erläutert Melanie Schulz. Die Chemie zwischen Fahrer und Beifahrer müsse unbedingt stimmen. Erst freitagmorgens erfahren die Rallyefahrer ihren Streckenverlauf. Den dürfen sie dann im Lauf des Tages zweimal abfahren, bevor es Freitagabend und Samstag tagsüber in die Vollen geht. „Während des Abfahrens im Vorfeld diktiere ich Josy die gesamte Streckenanleitung auf ein leeres Blatt, das dann „Gebetsbuch“ heißt“, erzählt sie.

Beim zweiten Abfahren navigiert Josy ihre Fahrerin mit den entsprechenden Kürzeln, die in etwa bedeuten: „Nach 100 Metern links, es folgt eine Kuppe, dann Straßenverlauf rechts…“. Tatsächlich klingt es aber so: „100 links 1 minus Blind sofort über Kuppe rechts fünf geht …“ – und es ist Melanies Aufgabe, dieses Kauderwelsch während des Fahrens so zu übersetzen, dass sie genau weiß, welche Strecke vor ihr und ihrer Partnerin liegt.

Im Straßenverkehr nie zu schnell

„Rallyefahren wäre nicht möglich ohne den Einsatz meiner Familie und Freunde und ohne meine langjährigen Sponsoren wie AVIA Deutschland, Grüner Systemtechnik oder das Respofit“, betont die Drackensteinerin.

Im Alltag fährt Melanie Schulz einen gewöhnlichen Opel Adam. „Ich fahr auch dann zügig“, sagt sie, schränkt aber ein: „Aber ich halte die Geschwindigkeitsbegrenzungen ein – ohne Führerschein dürfte ich auch keine Rennen mehr fahren. Das riskiere ich nicht.“

Porträts über starke Frauen im Landkreis Göppingen

Jubiläum Der Landkreis Göppingen feiert seinen 80. Geburtstag, zudem wird das  Frauenwahlrecht 100 Jahre alt. Die GZ veröffentlicht aus diesem Anlass die  Porträtreihe „ Starke  Frauen“, die im Landkreis als „Heldinnen des Alltags“ oft im Verborgenen Großartiges leisten. Ob die Pflege von Angehörigen, herausragende Leistungen als Unternehmerin, Künstlerin, Politikerin und Sportlerin oder unermüdliches Engagement im Ehrenamt – die Serie soll  Frauen und ihre Arbeit zeigen.

Bisher wurden im Rahmen dieser Serie Ilse Birzele, Barbara Küpper, Susanne Weißkopf, Caroline Märklin, Lena Urbaniak, Claudia A. Schlürmann, Angeline Fischer, Margret Hofheinz-Döring, Marga Lorch, ­Renate ­Mutschler, Birgit Göser, ­Gabriele  von  Trauchburg, Claudia Leber, Helene Mühlhäuser, Emilie Eisele, Pia Schäfer-Mayer, Margret Keller-Rehm und Marianne Rasch vorgestellt.

Kooperation Die Serie „Starke Frauen“ erscheint in Zusammenarbeit mit der Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises Göppingen, Lidwine Reustle, dem Kreisfrauenrat sowie unserer Partnerzeitung NWZ in Göppingen. Die  Frauen-Porträts begleiten das ganze Jubiläumsjahr 2018.