Kampfsport Im Zweifel ist Abhauen immer noch die bessere Option

Ruckzuck hat der Angreifer den Fuß seines Opfers am Hals, so stellen sich ATK-Sportler Selbstverteidigung vor.
Ruckzuck hat der Angreifer den Fuß seines Opfers am Hals, so stellen sich ATK-Sportler Selbstverteidigung vor. © Foto: Thomas Madel
Amstetten / Von Thomas Friedrich 16.06.2018

Der kräftige Angreifer legt beide Hände um den Hals seines Opfers und will zudrücken. Das schmächtige blonde Mädchen zieht dessen Arme weg, weil sie dabei den richtigen Punkt drückt. Plötzlich fährt ihr gestrecktes rechtes Bein hoch und liegt am Hals des Angreifers. Einmal richtig zutreten und er ist kampfunfähig.

So weit kommt es nicht. Der Angreifer heißt Dietmar Klotz und ist der Mann, der in der Amstetter Aurainhalle gemeinsam mit seinem Schwager Klaus Vesper Trainingsstunden im Anti-Terror-Kampf (ATK) anbietet. Das blonde Opfer ist Anna, eine seiner Schülerinnen. Ein Dutzend Kampfsportbegeisterte zwischen 16 und 53 Jahren üben jeden Donnerstagabend ATK. Denen geht’s nicht darum, Anschläge zu verhindern, sondern ganz einfach um Selbstverteidigung. Den Kontrahenten zu verletzen ist ein absolutes No-Go in der Szene.

Symbol ist die Handkralle

ATK-Sportler ziehen aus sämtlichen asiatischen Kampfsportarten Elemente heraus. Ihr Symbol ist die Handkralle, die auf dem Rücken jedes der schwarzen Kampfanzüge prangt.

Viele Techniken sind höchstgefährlich und erfordern viel Übung. Da die Amstetter Gruppe noch wenig Erfahrung aufweist, beschränkt sich Klotz auf einfache Handgriffe. Die sind effektiv genug. Mit ATK-Kenntnis, sagt Klotz, könne sogar „ein 50-Kilo-Mädchen einen 150-Kilo-Muskelprotz auf die Bretter legen.“ Dabei geht es ausschließlich darum, ihn kampfunfähig zu machen. Wer diese Sportart betreiben will, muss erst den Notwehrparagrafen auswendig lernen.

Der SV Amstetten behält sich daher vor, Bewerber abzulehnen. Bislang mussten Klotz und Vesper von diesem Recht noch keinen Gebrauch machen, ihre Gruppe besteht aus friedfertigen Bürgern. „Ein komisches Gefühl“ beschleicht Klotz vor allem bei jungen Männern, die womöglich nur ihre Aggressionen ausleben wollen. Solche Typen will er in seiner Gruppe nicht haben. Er hat ja „nicht vor, die zu trainieren, vor denen wir uns schützen wollen.“

Die Kapazität der Gruppe ist noch nicht ausgeschöpft, bis zu 25 Sportler glauben die beiden Trainer unterrichten zu können. Neulinge müssen keine Voraussetzungen erfüllen, sie können so lange mittrainieren wie sie können. „Wenn einer nach den Liegestützen schon genug hat, hört er eben auf“, sagt Klotz verständnisvoll.

Wer die meisten Übungen absolviert, sollte sich im Alltag gegen Angriffe verteidigen können. Die ATK-Kämpfer legen darauf aber keinen Wert. Sie betreiben ihr Hobby „unheimlich gern auf der Matte“, im wahren Leben „wollen wir das nie erleben“, sagt Klotz. Zumal auch eine ATK-Ausbildung noch keinen James Bond ausmacht. „Wenn einer mit dem Messer kommt ist es immer besser, abzuhauen“, sagt Vesper. Sich gegen bewaffnete Gegner auf seine Griffe zu verlassen, empfiehlt sich allenfalls für Großmeister.

„Einen Kampf zu vermeiden hat immer Priorität vor dem Gewinnen“, erklärt Vesper eine der Regeln, mit der auch ATK-Kämpfer besser durchs Leben kömmen. Die Gruppe hat derzeit besonderen Zulauf von Frauen, die sich wehrhaft machen wollen.

Ronja spürt auch schon die Hände des Angreifers an ihrem Hals. Sie schlägt ihn mit beiden Fäusten in die Seite (Schockschlag), greift mit der rechten Hand über zum rechten Handgelenk des Angreifers und dreht ihn zu Boden. Das fällt dem zierlichen Mädchen sichtlich schwer. Ob sie die Übung nicht mit Anna machen könne, fragt sie ihren Trainer. Bis sie einen 150-Kilo-Koloss auf die Bretter befördern kann, braucht Ronja noch einige Übungsstunden.

Eine Sportart mit Tradition

Anti-Terror-Kampf als Sportart gibt’s schon seit 1963. Der ehemalige Soldat Horst Weiland hat sie ins Leben gerufen, als Selbstverteidigung für den normalen Bürger. Weiland versuchte, die asiatischen Kampfsportarten mit den europaischen zu vermischen. Im Vordergrund steht die Doktrin, den Gegner kampfunfähig zu machen ohne ihn zu verletzen.

Die ATK-Sportler sind unter dem Dach der BAE (Budo-Akademie Europa) mit Sitz in Wilhelmshaven organisiert.Die Kampfanzüge der Anti-Terror-Kämpfer sind schwarz. Es ist die einzige Kampfsportart, in der es keine Wettkämpfe gibt. So muss sich niemand etwas beweisen und damit einem Kontrahenten vielleicht im Übereifer doch wehtun.

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