Geislingen Oberhaupt einer Familie mit drei deutschen Meistern

So sieht’s häufig aus: Elke Keller läuft vorneweg, die Konkurrentinnen hecheln hinterher.
So sieht’s häufig aus: Elke Keller läuft vorneweg, die Konkurrentinnen hecheln hinterher. © Foto: Alfred Siegesmund
Geislingen / Von Thomas Friedrich 04.09.2018
Drei von vier Mitgliedern der Familie Keller sind Deutsche Meister. Aushängeschild Elke Keller hält auch den EM-Titel.

Im Hause Keller reicht ein deutscher Meistertitel nicht, um sportlich die Hosen anzuhaben. Jürgen Keller hält den Berglauf-Titel bei den Senioren 55, Sohn Jannis ist deutscher Mannschaftsmeister mit den Zehnkämpfern der LG Filstal. Elke Keller freut sich mit den Erfolgen der Familie, ihre Vita schmücken weit mehr und größere Titel. Die 51-jährige Geislingerin ist aktuelle Deutsche Meisterin im Crosslauf und im Berglauf der AK 50, zudem im Berglauf Europa- und Vize-Weltmeisterin ihrer Altersklasse.

Bis zum Anfang des Jahrtausends brauchte Elke Keller mit Ausdauer keiner zu kommen. Als Handballerin beim TSV Kuchen hat ihr das Laufen „keinen Spaß“ gemacht, sie wollte „viel lieber was mit dem Ball machen“. An ihrer Läufer-Karriere ist Tochter Jule schuld. Die wollte vor etwa zehn Jahren beim Geislinger City-Lauf in der Dreier-Staffel mitmachen und suchte zwei Mitläufer. Sie nervte die Eltern so lange, bis die sich Laufschuhe kauften und zu trainieren begannen. Beim City-Lauf hat Elke nach 3,3 Kilometern nur den Staffelstab an Jule übergeben und ist die komplette Einzelstrecke über zehn Kilometer durchgelaufen. Warum, weiß sie selbst nicht mehr so genau. Vielleicht, spekuliert sie, ganz Schwäbin, „weil man ja Laufschuhe gekauft hatte...“.

Seitdem läuft sie und läuft und läuft. Vor einigen Jahren lasen die Kellers von einer Baden-Württtembergischen Meisterschaft im Berglauf und wollten spontan hin. Elke lief auf Anhieb aufs Podest ihrer Klasse, seitdem rennt sie fast nur noch auf und ab. Auf flache Strecken, gesteht die Geislingerin, hat sie mittlerweile „keine große Lust“ mehr, sie gehören aber notgedrungen weiter zum Trainingsprogramm, um die Ausdauer auf hohem Level zu halten.

Laufen entwickelt sich zur Sucht. Wenn die Diplom-Ingenieurin, die auf einer Zweidrittel-Stelle in einem Labor arbeitet, zwei Tage nicht auf der Piste ist, „fehlt schon etwas“. Dennoch braucht sie manchmal mentale Kraft. Wenn sie weiß, es stehen harte Trainingseinheiten bevor, „kostet es mich schon Überwindung“, gesteht Keller.

In Wettkämpfen orientiert sich Elke Keller am Gefühl, nicht an der Konkurrenz. Sie bestreitet ihre Rennen so, wie sie glaubt, „am Ende die beste Zeit zu laufen“. Selbst Männer orientieren sich an ihren Zeiten. In den Bergen fühlt sich Keller dem maskulinen Geschlecht überlegen. Viele Männer, räumt sie ein, laufen auf der Flachstrecke schneller als sie. Wenn sie diesen Herren aber am Berg begegnet, hat sie meist die Nase vorn – „und das tut mir auch gut“, sagt Keller.

Ans Aufgeben, beteuert die 51-Jährige, habe sie noch nie gedacht. Weder im Rennen noch im Training. „Klar tut’s manchmal weh“, Keller läuft aber stets bis zum Ende. Allenfalls vor Rennen überkommen sie gelegentlich Selbstzweifel. Manchmal frage sie sich, „warum hast du dich da angemeldet“? Sobald der Startschuss ertönt, sind alle Zweifel weggeblasen.

30 bis 40 Wettkämpfe bestreitet Elke Keller jährlich, das sind ungewöhnlich viele. Die hohe Zahl hat einen ganz einfachen Grund. „Mein Mann sagt immer, ich würde mich nicht gerne quälen“, sagt die Geislingerin. Sie fahre deshalb so oft zu Wettkämpfen, weil es ihr da „leichter fällt, an die Leistungsgrenze zu gehen“. Auch die nötige Wettkampfhärte hole man sich besser in Rennen als im Training.

Der Zeitpunkt, wo die Qual beginnt, hat sich bei Keller immer weiter nach hinten verschoben. Mittlerweile bestreitet sie sogar Bergmarathons, die schon mal über fünf Stunden gehen. Das Leiden beginnt erst spät. Die 51-Jährige verspürt auch „nach vier Stunden immer noch Freude am Laufen“. Nur so erreicht sie die Leistungen, die sie für ihre vielen nationalen und internationalen Erfolge braucht.

Diejenige, die Elke Kellers Triumphe erst initiiert hat, ist ausgerechnet die Einzige in der Familie, die keinen deutschen Meistertitel ihr Eigen nennt. Die jetzt 19-jährige Jule Keller betreibt Sport nur als Hobby.

Porträts über starke Frauen im Kreis Göppingen

Jubiläum Der Landkreis Göppingen feiert seinen 80. Geburtstag, zudem wird das Frauenwahlrecht 100 Jahre alt. Die GZ veröffentlicht aus diesem Anlass die Porträtreihe „Starke Frauen“, die im Landkreis oftim Verborgenen Großes leisten. Ob Pflege von Angehörigen, herausragende Leistungen als Unternehmerin, Künstlerin, Politikerin und Sportlerin oder hohes Engagement im Ehrenamt – die Serie zeigt Frauen und ihre Arbeit.

Kooperation Die Serie „Starke Frauen“ erscheint in Zusammenarbeit mit der Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises Göppingen, Lidwine Reustle, dem Kreisfrauenrat sowie unserer Partnerzeitung NWZ in Göppingen. Die Frauen-Porträts begleiten das ganze Jubiläumsjahr 2018.

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