Böhmenkirch Lena Urbaniak lässt sich nicht unterkriegen

Wegen Problemen mit der Wirbelsäule musste Lena Urbaniak die ­Saison abbrechen.
Wegen Problemen mit der Wirbelsäule musste Lena Urbaniak die ­Saison abbrechen. © Foto: Schwanbenpress
Böhmenkirch / Jochen Weis 06.07.2018
Ein Problem an einem Wirbel hat Kugelstoßerin Lena Urbaniak schachmatt gesetzt. Doch die 26-Jährige lässt sich nicht unterkriegen.

Vor knapp drei Wochen kam für alle Fans von Lena Urbaniak der Schock: „Hartnäckige Schmerzen in der Hüfte und im Rücken machen das Training unmöglich, sodass ich die Saison 2018 abbrechen muss“, schrieb die Kugelstoßerin der LG Filstal  auf ihrer Facebook-Seite (wir berichteten). Ausgerechnet jetzt, ausgerechnet so kurz vor der Leichtathletik-EM in Berlin (7. bis 12. August in Berlin), die auch für die Olympia-Teilnehmerin von 2016 das Saisonhighlight hätte werden sollen.

Die Entscheidung habe schon an ihr genagt, erzählt die 25-Jährige mit Blick auf die vergangenen Wochen, „für jemanden, der normalerweise Non-Stop-Sport lebt, ist das eine schwierige Situation, die man erst mal verarbeiten muss. Aber andererseits ist Gesundheit das wertvollste Gut eines Menschen. Und ich möchte mich auch die nächsten 60 Jahre normal bewegen können.“

Worte, die zeigen, dass die Situation mehr als ernst war. Die Probleme begannen bereits im März, beim Trainingslager auf Zypern, der Vorbereitung auf die Freiluftsaison. Schon da zwickte der Rücken, „nach einer intensiven Physio-Behandlung lief aber alles wieder super“, erzählt die Böhmenkircherin. Entsprechend zufrieden war sie mit ihrem Saisoneinstand beim Werfertag in Bad Boll am 1. Mai, wo sie mit ihrer Weite von 16,97 Meter schon mal an der Norm für Berlin kratzte (17,50 Meter). Ob das folgende Trainingslager in Latsch in Südtirol dann dieser berüchtigte Tropfen zu viel war, darüber kann Urbaniak nur spekulieren. „Dort habe ich viel gestoßen, viel Technik trainiert. Das bedeutet eine immer wiederkehrende Drehbewegung und damit eine entsprechend Belastung für die Wirbelsäule.“ Beim Sportfest in Bönnigheim an Christi Himmelfahrt, bei dem Urbaniak auf keinen gültigen Versuch kam, waren jedenfalls die scheinbar überstandenen Probleme zurück, „da hatte ich dann Beschwerden mit der Hüfte bekommen“.

Diesmal half aber selbst die beste pysiotherapeutische Behandlung nichts mehr. Nach den Wettkämpfen in Frankenberg (16,64 Meter) und Halle (16,74 Meter) waren die Schmerzen zwischenzeitlich so stark geworden, „dass ich die Reißleine ziehen musste“. Das war nach dem European Athletic Festival im polnischen Bydgoszcz (16,05 Meter). „Diesen Wettkampf hätte ich sein lassen sollen, ich habe die Nacht davor und die Nacht danach nicht geschlafen“, erzählt Urbaniak, „meine Ärzte und Physo-Therapeuten haben da klipp und klar von nicht mehr vertretbaren gesundheitlichen Risiken gesprochen.“

Wie sich herausstellte, war die Ursache der ständigen Schmerzen ein Gleitwirbel im Lendenwirbel-Bereich. Der Fachbegriff: Spondylolisthesis. Hierbei behält der Wirbel nicht mehr seine fixe Position in der Wirbelsäule, sondern verschiebt sich ständig und drückt auf Nerv oder Bandscheibe. Im Nachhinein lasse sich nicht mehr sagen, ob die Störung durch eine Überbeanspruchung verursacht wurde, wie sie bei Hochleistungssportlern immer wieder vorkommt, oder durch eine Fehlbildung. „Auf jeden Fall wurde mir attestiert, dass ich ein vorbildliches Rumpftraining gemacht habe. Ohne das hätte ich diese Beschwerden noch viel früher gehabt.“

Was auch immer der Auslöser war: Fakt ist, dass sie im Moment an Leistungssport nicht zu denken braucht. „Ich kann noch nicht sagen, wie lange die Behandlung dauern wird. Ich setze mich da auch nicht unter Druck“, erzählt sie. Was die Geschichte so unwägbar macht: „Im Moment bekomme ich eine Behandlung mit Spritzen. Ich muss erst die Entzündung an der betroffenen Stelle rausbekommen, erst dann kann ich mit der physiotherapeutischen Behandlung beginnen.“

Das bedeutet aber nun keinesfalls, dass Urbaniak nur noch auf der faulen Haut liegt. Klar bleibe ein bisschen mehr Zeit übrig, um auch mal mit der Familie und Freunden was zu unternehmen – rare Momente im Leben eines Spitzensportlers. „Aber es ist nicht so, dass ich plötzlich nicht mehr weiß, was ich anstellen soll. Ich bin jeden Tag am Olympia-Stützpunkt in Stuttgart und mache Sport – nun halt Aufbautraining.“

Ob sie die verpasste EM beschäftigt? „Nein“, betont Urbaniak, „das ist nur ein Hätte-Wäre-Wenn. Das wäre genauso sinnlos wie der Versuch, alles von sich fernzuhalten und sich von seinem Sport abzuschotten.“

Weshalb sie sich auch die Freude an den Wettkämpfen, an der besonderen Stimmung nicht vermiesen lässt. „Ich werde mit meiner Schwester und einer Freundin am 20. Juli zum Kugelstoß-Event auf den Nürnberger Hauptmarkt fahren, vielleicht auch – wenn es klappt – zur EM nach Berlin.“ Dass sie dann in die ungewohnte Rolle der Zuschauerin schlüpfen muss, ist für Urbaniak kein Problem. „Man muss die Realität so akzeptieren, wie sie ist, und stets das Beste aus der eigenen Situation machen.“ Und da ist ein bisschen Spaß nicht die ­falscheste Medizin.

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