Ein 24-Jähriger setzt die Tradition der Fliegergruppe Gingen fort. Martin Sebald ist der siebte Pilot des Vereins, der sich mit einem deutschen Meistertitel schmücken darf. Er ist 2018 der beste Junior im Streckensegelflug, mit 1898,8 Kilometern aus den drei benötigten Wertungsflügen krönte er sich zum nationalen Champion.

Sebald steht in seiner eigenen Tradition. Großvater Albert war bereits Segelflieger, den richtigen Kick für diesen Sport bekam er von Vater Jörg Sebald, 1990 bereits Deutscher Meister. Als kleiner Junge hat Martin Sebald die Urkunden seines Vaters „im Büro hängen sehen“ und sich gedacht, „das kann ich auch.“ Spätestens am 28. August hat er das Versprechen erfüllt und ist aus dem Schatten seines Vaters herausgetreten, der ihm das Segelfliegen beigebracht hat und dessen Flugzeug der Junior fliegt. Ein eigenes kann sich der Industriemechaniker nicht leisten. An jenem Tag legte Martin Sebald seinen dritten Wertungsflug hin, mit dem er die Führung übernahm.

Auch wenn der Meister erst Anfang November gekürt wird, war Sebald klar, dass ihn keiner mehr verdrängt. Zwei bis drei Monate vor und nach der Sonnwende sind lange Flüge möglich, weil die Sonne nur in dieser Phase die Kraft hat, die Luft ausreichend zu erwärmen. „Nach Ende August konnte da nichts mehr kommen“, sagt Sebald, der nur noch auf die endgültige Bestätigung seines Triumphes warten musste.

Der Sieg geriet zwischendurch in arge Gefahr. Bei Sebalds zweitem Wertungsflug fiel der GPS-Flugrekorder aus und er musste auf das Zweitsystem zurückgreifen. Dafür war der Flug jedoch nicht angemeldet, und so verlor Sebald 30 Prozent der Punkte. Damit musste er bei seinem dritten Wertungsflug 60 Kilometer weiter fliegen  als die Konkurrenz, um in Führung zu gehen. „Jeder Flug über 600 Kilometer ist schon gut“, sagt der 24-Jährige. Er musste aber 660 Kilometer fliegen – und schaffte es.

Für seine drei Flüge in die Wertung brauchte Sebald nur fünf Anläufe. Der Industriemechaniker  kommt im Jahr nur auf 60 bis 70 Flugstunden, zwei Versuche endeten in der Nähe des Atomkraftwerks Gundremmingen. Er musste dort notlanden, weil er nicht hoch genug kam, um den gesperrten Luftraum über dem AKW überfliegen zu können. Einmal schaffte es Sebald gerade noch auf den fünf Kilometer entfernten Flugplatz Gundelfingen, der zweite Trip endete auf einem Acker neben dem AKW.

Außenlandungen gehören zur Vita eines jeden Segelfliegers. Irgendwas kann immer schiefgehen, auch wenn der Flug noch so gut vorbereitet ist. Schon der geringste Fehler kann den Trip vorzeitig beenden. Sebald macht wenige davon, auf jeden Fall weniger als die Konkurrenz. Disziplin, mentale Fitness, logisches Denken und Gefühl für die Thermik nennt Sebald als Grundvoraussetzungen für Spitzen-Piloten. „Wer nur seinen Steuerknüppel beherrscht, aber die Thermik nicht spürt, kommt nicht weit“, sagt er. Ein bisschen Mathematik und Physik sollte ein Segelflieger ebenfalls beherrschen, und Verständnis für Technik mitbringen. Um etwa Luftlöcher abzudichten. „Da wo Luft reinkommt, muss sie auch wieder raus – und das bremst“, erklärt Sebald.

Der 24-Jährige vereint alle diese Eigenschaften auf sich, er will im kommenden Jahr, seinem letzten als Junior, den nationalen Meistertitel verteidigen. Und er schielt nach dem deutschen Rekord. Der steht bei 780 Kilometer an einem Tag. Um ihn zu brechen, muss alles passen, auch die Wettervorhersage. Die Thermik muss so gut sein wie prognostiziert. Sebald hat schon das Gegenteil erlebt, er stand am Start „und da war null Thermik“.

Dass die Fliegergruppe Gingen schon sieben Deutsche Meister stellt, ist kein Zufall. Es hat neben der Qualität der Piloten auch mit einem Standortvorteil zu tun. Vom Flugplatz Oppingen geht es direkt über die Schwäbische Alb, die preist Sebald für „mit die beste Thermik in ganz Deutschland“. Der Geislinger, seit elf Jahren aktiver Segelflieger, setzt beim erhofften Rekordflug auf genau jene Winde. Die sollen ihn auf mehr als 780 Kilometer tragen.

Die zwei Klassen von Segelflugzeugen


Zur Clubklasse gehören alle Segelflieger mit einem Index unter 106. Dieser Index setzt sich aus einer Reihe von Faktoren zusammen, dazu zählen Gleitfähigkeit und Sinkgeschwindigkeit. Zur Clubklasse zählen meist schon etwas angejahrte Flugzeuge.

Die Standardklasse besteht aus leistungsfähigeren Segelflugzeugen meist jüngeren Ursprungs. Sie sind leichter zu fliegen, weil sie wegen ihrer besseren Gleitfähigkeit dem Piloten mehr Zeit lassen, die Thermik komplett auszunutzen.

Der Geldbeutel spielt bei der Wahl eines Segelfliegers ebenfalls eine Rolle. Konkurrenzfähige Segelflugzeuge der Clubklasse sind ab etwa 10 000 Euro zu haben, bei der Standardklasse liegt der Einstiegspreis bei etwa 40 000 Euro.