Die Göppinger Stadthalle ist am Samstag Schauplatz des Turntags des Schwäbischen Turnerbundes (STB). Als Ausrichter der Versammlung mit rund 300 Delegierten fungiert der Turngau Staufen. Dessen Präsidentin Nicole Razavi bezieht im Vorfeld des Treffens Position zu Zukunftsfragen des Vereinssports und des Turnens, die auch im Rahmen des Schwäbischen Turntags diskutiert werden sollen.

Was verbirgt sich hinter dem Schwäbischen Turntag?

Nicole Razavi: Dieser Turntag ist alle zwei Jahre die zentrale Mitgliederversammlung des Schwäbischen Turnerbundes, bei der alle Delegierten der Turngaue zusammenkommen. Neben Wahlen, die diesmal nicht anstehen, ist es bei diesen Versammlungen wichtig, zentrale Themen zu diskutieren, die unsere Vereine angehen. Mit dem Motto „Die Zukunft des Sportvereins 2030“ steht am Samstag ein ganz zentrales Thema im Mittelpunkt.

Warum findet der Turntag in Göppingen statt?

Weil wir den Finger gehoben haben. Das letzte Mal hat der Turntag Anfang der sechziger Jahre hier stattgefunden. Der STB weiß, dass wir eine gute Mannschaft haben, um diese Aufgabe zu übernehmen, und wir sind stolz, dass wir den Zuschlag erhalten haben.

Welche Aufgaben stellen sich für den Turngau im Vorfeld?

Es galt, die Stadt und OB Till zu gewinnen und die Stadthalle als Tagungsort zu prüfen und für Freitagabend ein Treffen mit dem STB-Präsidium zu organisieren. Wir unterstützen bei der Vorbereitung und auch beim Turntag selbst. Vor allem wollen wir uns natürlich an der Diskussion beteiligen, denn beim Schwerpunktthema, die Zukunft des Sportvereins 2030, erleben wir eine echte Zeitenwende.

Woran lässt sich dies festmachen?

Wir befinden uns in einem großen gesellschaftlichen Wandel und es stellt sich die Frage, wie müssen sich die Vereine aufstellen, um dafür gerüstet zu sein. Jeder Verein für sich allein wäre mit dieser Aufgabe überfordert, und der Turngau, der als größter Sportfachverband im Landkreis 82 Vereine mit rund 32 000 Mitgliedern vertritt, wäre es auch.

Deshalb also das Engagement des Schwäbischen Turnerbundes?

Der STB als größter Sportfachverband in Baden-Württemberg oder der Deutsche Turnerbund sollten sich nicht in die Arbeit vor Ort einmischen, aber Unterstützung bieten bei übergeordneten Themenstellungen. Die Zukunft der Vereine steht dabei im Mittelpunkt. Aber wir könnten auch eine Turngala von der Qualität, wie wir sie regelmäßig in Göppingen erleben, nicht alleine stemmen, auch Fortbildungen müssen im größeren Rahmen organisiert werden. Die Turngaue werden vor allem von Ehrenamtlichen getragen, wir haben auf der Geschäftsstelle eine hauptamtliche Kraft. Der Schwäbische Turnerbund ist breit mit hauptamtlichen Profis aufgestellt. Wir sehen uns als Dienstleister für die Vereine, der STB ist dies für die Turngaue und die Vereine.

Gibt es weitere Beispiele für die ­Basisarbeit des STB?

Die vorbildliche Kooperation der Voralb-Vereine TSV Heiningen, TSV Bad Boll, GSV Dürnau und TSV Eschenbach mit ihren Kurs­angeboten wurde vom STB nicht nur ausgezeichnet, sondern als erfolgreiches Modellprojekt auch in andere Vereine hineingetragen. Die Gym-Welt-Idee kam vor Jahren vom Deutschen und Schwäbischen Turnerbund und mittlerweile sind über die Hälfte unserer Vereine hier registriert.

Kann sich im Gegenzug der Turngau beim Turnerbund einbringen?

Wir sind im STB gut vernetzt. Sybille Hiller und Iris Kümmerle gehören dem STB-Präsidium an. Jörg Allmendinger ist Leiter des Fachgebietes Mehrkämpfe. Dieter Dangel ist Leiter Fachgebiet Musik- und Spielmannswesen. Ich bin wie alle Turngau-Präsidenten Mitglied des Hauptausschusses, der in seinen Sitzungen Entscheidungen trifft und Themen abstimmt. Ein Projekt wie der Verein 2030 funktioniert ja nicht, wenn die Vereine signalisieren, das interessiert uns nicht. Das geht nur gemeinsam. Aber gerade mit diesem Thema haben wir ins Schwarze getroffen, wie die Resonanz zeigt.

Welche Aspekte stehen im Fokus?

Im Mittelpunkt steht die Frage, wie müssen sich die Vereine heute aufstellen, damit es sie in 20, 30 und mehr Jahren noch gibt? Wie müssen die Angebote verändert werden, um die Menschen abzuholen? Dazu müssen wir uns mit gesellschaftlichen Veränderungen beschäftigen: Gesundheitsbewusstsein und Spaß an Bewegung, demografischer Wandel, Individualisierung und auch die Digitalisierung spielen eine wichtige Rolle. Wir müssen neue, vielleicht auch verrückte Ideen entwickeln, wie wir Menschen zusammen bringen. WhatsApp, Mitmach-Cloud und vieles mehr. Ich bin überzeugt, dass die Vereine auch künftig die besten Orte für Begegnung in jedem Alter bleiben.

Blicken wir auf den Turngau, lassen sich denn noch Menschen finden, die Aufgaben im Verein übernehmen?

Grundsätzlich kann man auch Turngaue und Vereine nicht loslösen von der gesamtgesellschaftlichen Veränderung. Es wird immer schwerer, Menschen zu finden, die sich langfristig an Aufgaben binden. Wie andere Institutionen stehen wir in Konkurrenz zu höheren Anforderungen in Beruf und Familie. Dazu kommen ständig steigende Ansprüche ans Ehrenamt wie zuletzt die Auflagen zur Datenschutz- Grundverordnung. Das macht die Suche nicht leichter.

Was bedeutet dies?

Wir müssen den Einsatz im Ehrenamt wertschätzen, denn was wären beispielsweise die Gemeinden ohne ihre Vereine von Turnen und Sport bis zur Musik. Und wir müssen das Ehrenamt auch entlasten. Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass jemand über 20 Jahre ein Amt übernimmt. Deshalb müssen wir nach vorne denken: Die Arbeitswelt wird revolutioniert, immer mehr Berufe nutzen das Home-Office, vielleicht ergeben sich hier auch neue Möglichkeiten für die Vereine, die zudem immer wieder ihre Angebote anpassen und neue Organisationsformen schaffen müssen.

Lässt sich dies konkretisieren?

Die Zusammenarbeit der Voralbvereine ist ein gutes Beispiel und das neue Sportzentrum des TSV Süßen ist für mich ein genialer Weg für neue Angebotsformen, sowohl für den Leistungs- wie auch für den Breitensport. Auch die Tobe-Tage des Turngaus sind eine tolle Idee und der richtige Weg, um Eltern und Kinder zu erreichen und ihnen zu zeigen, was unsere Vereine können. Künftig müssen der Spaßfaktor und die Phantasie eine noch größere Rolle spielen.

Passt dazu die Infrastruktur?

Natürlich ist der Bedarf groß. Aber wir haben eine gute Situation in den öffentlichen Haushalten. Die Bereitschaft und das Geld zur Unterstützung des Sports ist da. Das Image der Vereine in der Gesellschaft ist sehr positiv besetzt.

Werden die Vereine den gesellschaftlichen Wandel bewältigen?

Ja, aber dafür müssen wir uns alle mehr anstrengen, aber auch aufpassen, dass wir niemand überfordern. Es gilt, die Balance zu halten und vielleicht auch mal ein Angebot weniger zu machen, dafür auf Qualität zu setzen. Wir müssen uns, auch in Anbetracht der Konkurrenz, um das Kinderturnen in der Breite kümmern. Deshalb benötigen wir auch gute Botschafter in den Vereinen, die Werbung für unsere Veranstaltung wie die Gaukindertreffen machen.

Bleibt die Vision Verein 2030. Inwiefern hilft das Arbeitsbuch des STB den Vereinen bei der Umsetzung?

Auf eine gute Analyse der aktuellen Veränderungen folgen Hinweise, was zu tun ist, und es werden breite Handlungs- und Entwicklungsfelder aufgezeigt. Wir wollen Vereine und Menschen gewinnen, die neugierig und innovationsbereit sind und sich engagieren wollen.

Zur Person: Nicole Razavi

Seit 2007 fungiert Nicole Razavi als Präsidentin des Turngaus Staufen, im März erst wurde die staatlich geprüfte Skilehrerin im Amt bestätigt. Seit April 2006 gehört die 53-jährige Salacherin dem baden-württembergischen Landtag als Vertreterin des Wahlkreises Geislingen an, die ehemalige Gymnasiallehrerin ist parlamentarische Geschäftsführerin und stellvertretende Vorsitzende der CDU-Landtagsfraktion und zudem Kreistagsmitglied.

Schwäbischer Turntag findet in Göppingen statt