Fußball Ausprobieren und Vorreiter sein

Gaildorf / Luca Stettner 19.01.2019

Warum klemmt es in der Defensive? Wie kann unser Stürmer besser in Szene gesetzt werden? Und in welchen Mannschaftsteilen ist unser Gegner anfällig? Um auf all diese und viele weitere Fragen eine Antwort zu finden, sind Videoanalysen im modernen Fußball unerlässlich. Ein Spezialist auf diesem jungen Gebiet ist Sebastian Hägele. Der 28-Jährige ist Spielanalyst beim U-17-Team des VfB Stuttgart. Aufgewachsen ist er im Gaildorfer Teilort Münster. Er hat sein Hobby zum Beruf gemacht. Am vergangenen Wochenende war er als Teil des VfB-Trainerteams beim 30. Jugend-Eurocup in der Gaildorfer Sporthalle.

Von einer Rückkehr würde Hägele nicht sprechen. „So richtig verlassen habe ich Gaildorf nie“, erzählt er. Geboren ist er in Schwäbisch Hall, sein Elternhaus steht in Münster am Kocher. Tief verwurzelt ist er mit dem TSV Gaildorf – Hägele spielt von Kindesbeinen an Fußball beim TSV. Noch heute kickt er bei den aktiven Teams mit, wenn er am Wochenende mal in Gaildorf ist.

Vom Praktikum zum Job

2009 legt Sebastian Hägele am Gaildorfer Schenk-von-Limpurg-­Gymnasium sein Abitur ab. Der junge Mann leistet im Anschluss Zivildienst im Graf-Pückler-­Heim. 2010 beginnt er in Stuttgart ein Studium der Sportwissenschaften. Er pendelt zwischen Gaildorf und der Landeshauptstadt. Im Rahmen des Studiums absolviert er ein Praktikum bei der TSG Hoffenheim – es beginnt im April 2013, er zieht für diese Zeit nach Hoffenheim. „Ich habe mich zufällig beworben und bin dann in den Bereich Spielanalyse gerutscht“, blickt er zurück. „Es war ein relativ neues Gebiet – auch in Hoffenheim. Ich hatte freie Hand während des Praktikums, mich neu auszuprobieren.“

Nach dem Praktikum bleibt er der TSG als Werkstudent erhalten. Für seine Abschlussarbeit an der Uni stellt er eine Studie mit den Jugendspielern der Hoffenheimer an. Thema: die Entwicklung der Präzision bei Flanken, Eckbällen und Freistößen aus dem Halbfeld unter interner und externer Aufmerksamkeitsfokussierung. Nach dem Studienabschluss erhält er als Videoanalyst eine hauptberufliche Festanstellung bei der TSG.

Zum 1. Juli vergangenen Jahres wechselt der Videoanalyst zur U 17 des VfB Stuttgart – in gleicher Position. Das hat auch persönliche Gründe: Hägeles Freundin stammt ebenfalls aus Gaildorf, wohnt und arbeitet aber in Stuttgart. „So war es immer mal eine Überlegung, dort gemeinsam zu wohnen“, erklärt er. Wie der Kontakt zum VfB zustande kam? „Über verschiedene Turniere und Spiele kennt man die Kollegen aus Stuttgart und führt Gespräche. So hat es sich dann ergeben, dass es irgendwann konkreter wurde.“ Seit Juli wohnt Sebastian Hägele mit seiner Freundin in Stuttgart.

Beim VfB hat Hägele ein breites Aufgabenfeld. Er analysiert die Spielweise der kommenden Gegner und betrachtet die eigenen Spiele im Nachgang. Hinzu kommen vielfältige Statistiken. Er zeichnet alle Trainingseinheiten und Spiele des Teams auf. Der ehemalige Gaildorfer bereitet die Videosequenzen für die Analysen vor und spricht mit U-17-Trainer Murat Isik über seine Erkenntnisse.

„Wir sind im ständigen Austausch. Der Trainer entscheidet dann, was der Mannschaft gezeigt wird“, erklärt Hägele den weiteren Ablauf. Was die U-17-Spieler der Schwaben dann in den Teamsitzungen sehen, sei von Woche zu Woche verschieden. „Mal zeigt man etwas vom eigenen Training, mal vom eigenen Spiel und mal vom Gegner. Das ist völlig variabel“, so Hägele. Vor manchen Spielen gibt’s für die Nachwuchsspieler gar keine Videositzung.

Nur im Büro sitzt Hägele aber nicht: Er ist bei allen Trainingseinheiten der Stuttgarter U 17 auf dem Platz präsent. Pro Woche trainiert das Team dreimal vormittags und viermal abends. Seine Arbeit als Spielanalyst versteht er innovativ: „Wir orientieren uns auch am Weltstand: Was gibt es für neue Trends im Fußball? Alles entwickelt sich weiter, wir müssen schauen, dass wir uns mitentwickeln.“ Auch für Torwart-Coach Dennis Rudel stellt Hägele Videosequenzen bereit. Dabei werden nicht die gegnerischen, sondern die eigenen Keeper ins Bild gesetzt. Hauptinhalte: Spieleröffnung, Stellungsspiel und Wahrnehmung.

Beim Jugend-Eurocup in der Gaildorfer Sporthalle, dem größten internationalen U-17-Hallenfußballturnier Europas, hatte Hägele am vergangenen Wochenende wenig Grund zur Freude über die Stuttgarter Leistung: Der VfB überstand die Gruppenphase mit nur fünf Punkten aus fünf Spielen nicht. Nach einer Niederlage im Neunmeterschießen um Platz 9 belegten die Stuttgarter den zehnten Rang.

Rückkehr zu den Wurzeln

Für Hägele war es trotzdem etwas Besonderes, als Trainer beim Jugend-Eurocup dabei zu sein, wie er sagt: „Ich bin mit dem Jugend-Eurocup aufgewachsen und war jedes Jahr als Zuschauer hier.“ Als Jugendspieler des TSV Gaildorf hat er selbst dreimal am Turnier teilgenommen – zweimal als B-Jugendlicher, einmal als Gastspieler aus der C-Jugend. Sein Eindruck vom Event? „Das Turnier war wie immer top organisiert. Alle geben Vollgas und sind mit Herzblut dabei.“ Torwart-Coach Dennis Rudel schlägt vor, beim Jugend-Eurocup auf Kunstrasen zu spielen. Hägele kann ihn verstehen: „Wir waren kein einziges Mal vor dem Turnier in der Halle, da merkt man schon, dass es die Jungs schwer haben. Sie sind sehr mit den Rahmenbedingungen beschäftigt, der Ball springt anders. Vor allem wenn das Tempo hoch ist, werden auf dem Hallenboden technische Mängel aufgedeckt. Aber daran muss man sich auch gewöhnen.“ Hägele sieht im Hallenfußball ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal des Gaildorfer Turniers.

„Wir haben die Vorbereitung erst in der Woche des Turniers wieder aufgenommen. Erst mal standen athletische Tests auf dem Programm. Auf dem Platz standen wir vor dem Turnier lediglich zwei Mal“, erzählt Hägele. Trainiert hat das Team in diesen Einheiten auf Kunstrasen. Und welche taktischen Vorgaben gab’s vor dem Turnier? „Wir haben die Spielform vier Feldspieler plus Torwart eingeübt und grob angeschnitten, wie unser Spiel aussehen soll. Aber nicht zu extrem.“ Der Grund: „Es ist einfach nicht vorhersehbar in der Halle. Es gibt viele Eins-gegen-eins-Situationen, in denen sich die Jungs durchsetzen müssen. Wir wollen nicht nach Schablone alles vorschreiben, die Jungs sollen frei spielen.“

Aktuell steht die U-17-Mannschaft des VfB in der B-Junioren-Bundesliga Süd/Südwest auf dem vierten Platz, dreizehn Punkte hinter Tabellenführer FC Bayern München. „Die Tabellensituation haben wir im Moment ausgeblendet. Es geht jetzt einfach darum, dass sich jeder einzelne Spieler weiterentwickelt, um die Jungs bestmöglich auf die A-Jugend vorzubereiten“, so Hägele über die Rückrunde. Und welche Ziele hat er persönlich? „Ich sehe meine Zukunft beim VfB. Weil der Bereich Spielanalyse noch relativ jung ist, kann man dort immer wieder neue Sachen ausprobieren. Natürlich will man da immer auf dem neusten Stand oder auch mal Vorreiter sein. Der Trend geht dahin, dass du als Spielanalyst ein weiterer Co-Trainer bist, mit der Spezialisierung im Bereich Analyse.“

So spielten sie

Xxxliga
Mannschaft 1 – Mannschaft 2

x:x

Torfolge xxx

Der VfB-Betreuerstab beim Jugend-Eurocup in der Gaildorfer Sporthalle

Das Trainerteam der U 17 des VfB Stuttgart hatte beim Gaildorfer Jugend-Eurocup am vergangenen Wochenende wenig Grund zur Freude. Der VfB kam mit Spielanalyst Sebastian Hägele, Co-Trainer Tobias Rath­geb, Cheftrainer Murat Isik und Torwart-Coach Dennis Rudel (von links) nach Gaildorf. Außerdem war Mannschaftsbetreuerin Katrin Petruck dabei. In der Gruppenphase holten die Schwaben nur fünf Punkte aus fünf Spielen – zu wenig, um die K.-o.-Phase zu erreichen. Am Ende belegten sie Rang 10. Die Chance zur Wiedergutmachung besteht für den Bundesliga-­Nachwuchs umgehend: Das U-17-Team nimmt am heute beginnenden Westerwälder Keramik-Cup in Montabaur teil.

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