Basketball Hakro Merlins halten die Klasse: ein Abend für die Geschichtsbücher

„Bis Freitag war noch nicht klar, in welcher Liga wir spielen werden. Deshalb haben wir jetzt auch keine fixen Personalien in der Schublade liegen“, sagt Merlins-Geschäftsführer Martin Romig. Sicher ist: Konrad Wysocki (Foto) beendet seine Karriere.

Klaus Helmstetter
Die Hakro Merlins Crailsheim sorgen am letzten Spieltag für den Paukenschlag. 1400 Zuschauer unterstützen das Team in Würzburg. Ein tolles Ende einer Saison mit Höhen und Tiefen.

Mit Superlativen ist es im Sport so eine Sache. Manchmal werden sie doch recht inflationär gebraucht. Doch um das zu würdigen, was die Crailsheimer Basketballer geschafft haben, darf man getrost einmal tief in die Kiste der Superlative greifen. Mit dem Sieg am letzten Spieltag der Saison gegen Oldenburg, den Zweitplatzierten nach der Haupt­runde, haben sie zum ersten Mal sportlich den Klassenerhalt in der ersten Bundesliga (BBL) geschafft und damit – mindestens – lokale Sportgeschichte geschrieben. Schlicht und einfach. Nicht mehr und nicht weniger.

„Es gibt Tage im Sport, die vergisst man in seinem ganzen Leben nicht mehr. Sonntagabend war so einer. Unglaublich und sensationell. Deswegen lieben wir diesen Sport so. Wir sind durch ein Wechselbad der Gefühle gegangen. Jetzt bin ich kaputt“, befand Geschäftsführer Martin Romig, noch intensiv unter dem Eindruck des Geschehenen stehend. „Ich war total ergriffen, konnte gar nicht viel schwätzen. Da merkt man erst, wie groß der Druck war, der auf einem gelastet hat“, führte Romig mit einem Tag Abstand weiter aus. „Ich bin stolz auf die Mannschaft und einfach nur glücklich! Und natürlich noch einmal ein Lob an alle Beteiligten, die 1400 Zuschauer und alle, die uns aus dem Umfeld tatkräftig unterstützt haben.“

„Die Mannschaft hat unmöglich Scheinendes möglich gemacht. In diesem Spiel haben wir jedes bisschen Unterstützung der Fans gebraucht. Es war eine unglaubliche Erfahrung. Unsere Jungs haben gezeigt, welchen Charakter sie haben, vor allem nach den schwierigen Zeiten dieser Saison. Ich bin froh für den Klub, die Fans und jeden, der Anteil daran hat. Letztes Jahr habe ich gesagt, wir können es nur zusammen schaffen, und das ist der Grund für diesen magischen Tag“, freute sich Tuomas Iisalo, Coach der Merlins, zu Recht.

Crailsheimer schlagen Oldenburg im letzten Saisonspiel in Würzburg völlig verdient mit 99:87 und halten die erste 1. Liga. Konkurrent Bremerhaven verliert beim MBC.

„Das Schöne ist, wenn einem nach solch einem Spiel die gesamte Last von den Schultern abfällt, man tiefe Erleichterung spürt und das Gefühl entwickelt, dass man etwas Besonderes geschafft hat. Es ist alles andere als selbstverständlich, in solch einem Herzschlagfinale zu bestehen und vielleicht das tollste Wochenende in der Geschichte der Merlins“, betonte Ingo Enskat, der sportliche Leiter. „Außerdem hat unsere U 19 noch den Klassenerhalt geschafft. Das ist das i-Tüpfelchen. Nochmals danken wollte er den vielen Zuschauern, die den Weg nach Würzburg auf sich genommen und von Anfang bis Ende eine tolle Heimspiel-Atmosphäre geschaffen haben.

Wysocki nimmt Abschied

Sichtlich gerührt ging Konrad Wysocki nach dem letzten Spiel seiner langen Karriere ans Mikrofon. Zum Saisonfinale, quasi als Heimspiel in der Fremde, gegen einen starken Gegner den Klassenerhalt unter Dach und Fach gebracht – klingt wie ein Märchen. „Zunächst möchte ich mich bei meiner Familie bedanken, die mich begleitet und unterstützt hat. Wir hatten ein schönes Heimspiel in Würzburg. Und wir sehen uns bestimmt nicht zum letzten Mal! Crailsheim ist angekommen in der ersten Liga“, sagte er und verdrückte sich eine Träne.

„Bis Freitag war noch nicht klar, in welcher Liga wir spielen werden. Deshalb haben wir jetzt auch keine fixen Personalien in der Schublade liegen“, lässt Martin Romig weiter wissen. „Dafür werden wir uns die nötige Zeit nehmen. Hilft alles nichts.“

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Die Eisbären Bremerhaven sind aus der Basketball-Bundesliga abgestiegen. Ratiopharm Ulm gewinnt zuhause knapp gegen Rasta Vechta.

Schon am Montag haben die Sai­son­abschlussgespräche begonnen, die Coach Tuomas Iisalo (hat noch Vertrag) üblicherweise mit jedem Spieler führt. Bekanntlich beendet Konrad Wysocki seine Laufbahn. Ben Madgen zieht es zurück ins heimische Australien. Ein Wiedersehen mit Hollis Thompson im Merlins-Trikot ist unwahrscheinlich. Ähnliches gilt wohl auch für Robert Arnold, der zuletzt auch angeschlagen war und sein Leistungsvermögen nicht entsprechend abrufen konnte. Mit seinem lädierten Knie hatte Joe Lawson immer wieder Probleme. Einen Vertrag hat noch Nachwuchsmann Joschka Ferner. Michael Cuffee und Sherman Gay sind nicht mehr die Jüngsten. „Es wird eine Zäsur geben im Team. Davon ist auszugehen“, so Romig.

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Bremerhaven als schlechter Verlierer

Als schlechter Verlierer hat sich Absteiger Bremerhaven erwiesen. Die Eisbären warfen den Oldenburgern unter anderem vor, im Spiel gegen Crailsheim den BBL-MVP „Will Cummings geschont und stattdessen auf Jugendspieler wie Hujic oder auch den Sohn des Trainers Drijencic gesetzt zu haben“. Die Oldenburger „lieferten mit einer überraschend hohen 87:99-Niederlage eine blamable sowie wettbewerbsverzerrende Vorstellung ab und gaben somit ein klares Statement gegen den Nachbarn aus dem Norden ab“, war in der Pressemitteilung der Eisbären zu lesen.

„Diese Vorwürfe weisen die EWE Baskets Oldenburg auf das Schärfste zurück“, reagierte der Tabellenzweite in einer Mitteilung. „Die Bremerhavener tun gut daran, den Finger nicht auf andere zu richten. Den Abstieg aus der BBL haben sie sich selber zuzuschreiben. Sie hatten es selbst in der Hand, beim MBC den sportlichen Klassenerhalt zu regeln, damit ihr Einspruch gegen den Lizenzentzug überhaupt noch einen Sinn ergeben hätte. Solche Statements sind eines Erstligisten unwürdig und zudem in der Sache bodenlos und unverschämt“, wird Hermann Schüller, geschäftsführender Gesellschafter der Baskets, zitiert.

„Mitnichten haben wir – wie von den Eisbären unterstellt – auch nur ansatzweise ein Interesse daran gehabt, dass Bremerhaven absteigt. Ganz im Gegenteil: Jeder, der etwas von Profi-Sport versteht, weiß, wie wichtig Derbys für Fans und Clubs sind. (...) Wir hatten drei Spiele innerhalb von fünf Tagen zu bestreiten mit zwei langen Auswärtsfahrten. Dass dann im letzten Viertel gegen einen Gegner, der ums Überleben kämpfte, die Kraft gefehlt hat, will man uns vorwerfen? Das ist einfach absurd.“ jom

Blick zurück im Zeitraffer

Zum Start der Runde mussten die Hakro Merlins nach Bremerhaven. Eine undankbare Aufgabe, gleich gegen einen vermeintlichen Konkurrenten im Kampf um den Klassenerhalt ranzumüssen, und verloren mit 80:93. Stark präsentierten sich die Crailsheimer in den folgenden Heimspielen. Gegen Gießen (90:92) lag noch die Überraschung in der Luft, gegen Jena wurde sie dann (101:78) perfekt gemacht. Im Aufsteigerduell gegen Vechta präsentierten sich zwei Mannschaften auf Augenhöhe. Dennoch handelten sich die Zauberer hier ebenso eine knappe Niederlage (68:70) ein wie wenig später in Bonn (87:89). Tiefpunkt war sicher die deutliche Heimniederlage im Weihnachtsspiel gegen den MBC (70:89). Abgerechnet wird aber immer noch, auch wenn es nach Phrasenschwein klingt, nach Punkten – und da sah die Bilanz zum Jahreswechsel mager aus: Ganze zwei standen zu Buche.

„Zwischen den Jahren“ machten die Hakro Merlins Crailsheim dann Boden gut, gewannen in Frankfurt (91:77) und daheim gegen Braunschweig (99:94). Der Anschluss an die Konkurrenz war geschafft. Gegen Bayreuth (97:90) und beim MBC (87:82) gewann man. Das Heimspiel gegen Bonn ging hauchdünn verloren (87:88). Mit Erfolgen gegen Bremerhaven (86:80) und per Turner-Buzzerbeater in Gießen (115:114) stiegen die Aktien des Aufsteigers wieder an. Daheim gegen Ulm und in Vechta schlugen sich die Hakro Merlins gut, handelten sich dennoch knappe Niederlagen ein. Im Saisonfinale schien alles vom Heimspiel gegen Göttingen abzuhängen. Das ging deutlich verloren (63:88). Die Chancen auf der Zielgeraden nahe dem Nullpunkt. Sportlich mit dem Rücken zur Wand, folgten zwei Krimis. In Jena (91:88) und in Würzburg gegen Oldenburg (99:87) schafften die Hakro Merlins die Sensation.