Merlins-Flügelspieler Joe Lawson steigt zum Dreier hoch, drückt ab, trifft, dreht sich um, klopft sich mit der Faust mehrfach heftig auf die Brust, lässt einen Schrei los. An der Seitenlinie läuft Coach Tuomas Iisalo auf und ab, gestikuliert heftig, klatscht immer wieder aufmunternd in die Hände. Die Auswechselspieler springen auf. Es steht 61:60 für den Gastgeber in der Würzburger s.Oliver-Arena. Vor gut 3000 Zuschauern, darunter eine große, lautstark vernehmbare Fanfraktion der Hakro Merlins, bitten die Schiedsrichter zur letzten Viertelpause. Ein offenes Spiel.

In der Folge geht Frank Turner für die Gäste aus Crailsheim an die Freiwurflinie – und trifft. Ausgleich, Führung. Würzburg hält durch Gabriel Olaseni und Skyler Bowlin (3) dagegen. Michael Cuffee trifft für Crailsheim. 7.30 Minuten vor Ende steht es 67:65 für die Hausherren. Eine ganz enge Kiste. Nach wie vor.

Doch dann nimmt das Unheil für die Gäste seinen Lauf. 14 Punkte erzielen die Würzburger in den folgenden drei Minuten, Crailsheim keinen einzigen. Die Entscheidung an diesem Abend. „In dieser Phase haben wir völlig den Faden verloren, keine Rebounds mehr geholt, uns zu viele Ballverluste eingehandelt“, befindet Ingo Enskat. „Aber“, so der sportliche Leiter weiter, „insgesamt gesehen muss ich der Mannschaft ein ganz dickes Kompliment aussprechen. Sie hat bis zum Schluss tollen Kampfgeist an den Tag gelegt. Es hat top gepasst. Aber wir dürfen nicht in einem so kurzen Zeitraum so viele Fehler machen, wenn man am Ende auch den Lohn einfahren will.“

Ohne Neumann und Arnold

Nolens volens verändert Coach Tuomas Iisalo sein Starterpersonal. Philipp Neumann fehlt grippekrank. Ben Madgen steht nach Verletzung wieder zur Verfügung, will auch unbedingt spielen. Reggie Arnold muss zusehen, sodass Michael Cuffee und Konrad Wysocki zusammen mit Joe Lawson, Ben Madgen und Frank Turner die Partie für die Gäste eröffnen.

Und das Heimpublikum staunt nicht schlecht, wie forsch, selbstbewusst und mutig sich das Schlusslicht der Tabelle in Szene zu setzen weiß. „Unsere Startformation hatte oft Probleme, ins Spiel zu finden. Heute nicht. Die Jungs haben sich als richtige Einheit präsentiert. Wir wollten unsere Stärken nutzen. Das hat gepasst.“ Angeführt von einem Konrad Wysocki in prächtiger Spiellaune, der gleich einmal drei Dreier auflegt, erspielen sich die Hakro Merlins mit 20:13 ihre deutlichste Führung in der Partie, ehe Jordan Hulls seinerseits mit zwei Treffern von jenseits der ominösen Linie den Hausherren zum Viertelende einen knappen Vorsprung von 21:20 ermöglicht.

Auch im zweiten Spielabschnitt agieren beide Mannschaften auf Augenhöhe. Ben Madgen, Frank Turner und Joschka Ferner verwandeln für Crailsheim ihre Dreier. Cameron Wells hat in dieser Phase auf Würzburger Seite das Momentum für sich (elf Punkte). „Kompliment an Crailsheim. Sie waren sehr gut eingestellt, haben mit extrem viel Energie gespielt und nie aufgegeben. Wir konnten uns immer wieder absetzen, hatten aber trotzdem nie das Gefühl, dass das Ding in trockenen Tüchern ist. Die Erfahrung zeigt, dass man bei Crailsheim geduldig sein muss. Sie haben viel Talent und viel Firepower in der Mannschaft. Man muss sie irgendwie zermürben und sich den Sieg hart erarbeiten. Das haben wir heute getan“, befindet ein sichtlich erleichterter Coach Denis Wucherer für die Gastgeber im Nachgang.

Merlins halten die Partie bis zur Halbzeit völlig offen

Zu Beginn des dritten Viertels haben die Gäste zunächst Probleme, ihren Rhythmus zu finden, Unkonzentriertheiten schleichen sich ein, als etwa Frank Turner bei einem Einwurf nicht schnell genug einen freien Mitspieler findet, um den Ball ins Spiel zu bringen. Tuomas Iisalo sucht sein Heil in einer schnellen Auszeit. Doch auch dann, wie auch später in der Schlussphase der Begegnung, gibt es kein Aufgeben. Die Crailsheimer Korbjäger kämpfen unverdrossen weiter und arbeiten sich im dritten Viertel nach 52:44 auch wieder peu à peu auf 61:60 heran. Maßgeblich tragen vier Dreier von Konrad Wysocki, Joschka Ferner, Michael Cuffee und Joe Lawson dazu bei. Bemerkenswert auch, dass die Gäste nach dem Würzburger Lauf im finalen Abschnitt die Flinte nichts ins Korn werfen und zum Teil mit einer Ganzfeldpresse weiter energisch fighten, den Rückstand auch weiter verkürzen. Letztlich läuft ihnen dann aber die Zeit davon, um dem Spiel noch die Wende zu verleihen.

Komplimente vom Coach

Entsprechend „sehr zufrieden“, zeigt sich unter dem Strich auch Tuomas Iisalo. „Wir haben 40 Minuten lang gekämpft und alles gegeben. Das hat heute leider nicht gereicht, aber das ist manchmal so. Wir haben uns mit unserer Leistung eine Siegchance erarbeitet, hatten aber zu viele Ballverluste und haben zu viele Offensiv-Rebounds abgegeben. Das konnte Würzburg zu 27 Punkten aus dem Fastbreak und aus zweiten Chancen nutzen. Wir hatten nur fünf. Es ist schwer, so eine Differenz auszugleichen.“

Die Hakro Merlins zeigen im Vergleich zum Hinspiel gegen Würzburg oder auch zuletzt gegen Frankfurt ein komplett anderes Gesicht und verzeichnen eine erhebliche Leistungssteigerung. In der Partie gegen den Play-off-Anwärter präsentieren sie sich auf Augenhöhe. Nun gilt es, diese engagierte Leitung auch gegen andere Gegner wieder abzurufen. Am Mittwoch bietet sich gegen Bayreuth in der Arena Hohenlohe die nächste Gelegenheit dazu!

Aus einer sehr homogenen und kämpferisch auftretenden Crailsheimer Mannschaft ragen Konrad Wysocki (20 Punkte, vier von vier Dreiern) und Frank Turner (zwölf Punkte, sechs Assists) heraus, während bei den Gastgebern Xavier Cooks (20 Punkte), Gabriel Olaseni (16, elf Rebounds) und die Dreier-Spezialisten Jordan Hulls (13, drei Dreier) und Skyler Bowlin (14, vier Dreier) von sich reden machen. Nachwuchstalent Joshua Obiesie, der als 18-Jähriger eine Berufung für die Nationalmannschaft bekommen hat, findet keine rechte Bindung zum Spiel, erzielt nur einen Punkt.

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So spielten sie


Würzburg – Crailsheim

87:75

Würzburg: Cooks (20 Punkte, 9 Rebounds), Olaseni (16, 11 Rebounds), Wells (15, 9 Assists), Bowlin (14, 4 von 7 Dreiern, 7 Assists, 4 Steals), Hulls (13), Oliver (6), Richter (2), Obiesie (1), Hadenfeldt, Koch, Hoffmann, Loesing

Crailsheim: Wysocki (20, 4 von 4 Dreiern, 6 Rebounds), Turner (12, 6 Assists), Madgen (11), Gay (9), Cuffee (8), Ferner (6), Russell (5), Lawson (3, 5 Rebounds), Herrera (1), Urbansky

Viertel: 21:20, 22:18, 18:22, 26:15
Rebounds: 41:28
Assists: 25:20
Dreier: 7/23 : 13/27