Basketball Merlins schnuppern an der Überraschung

Mit traurigem Blick klatscht Frank Turner seine Gegenspieler ab. Er konnte die letzten beiden Freiwürfe nicht für die Merlins versenken.
Mit traurigem Blick klatscht Frank Turner seine Gegenspieler ab. Er konnte die letzten beiden Freiwürfe nicht für die Merlins versenken. © Foto: Philipp Reinhard
Ilshofen / Klaus Helmstetter 04.10.2018
Die Crailsheimer Korbjäger spielen sich nach der Halbzeitpause gegen Gießen in einen wahren Rausch. Die Gäste siegen mit 92:90. Frank Turner vergibt zwei wichtige Freiwürfe.

Ein Wahnsinnsspiel. Wir sind in der BBL angekommen! Dieses Schlussstatement von Hallensprecher Daniel Feuchter kann nur einigermaßen in Worte fassen, was sich an Spannung und Dramatik in den Minuten davor in der Arena Hohenlohe abgespielt hat. Ein Wechselbad der Gefühle für Spieler und Fans von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt.

Am Ende schlich Frank Turner mit gesenktem Kopf etwas betröppelt vom Feld Richtung Auswechselbank. Er hatte es in der Hand, die Merlins in die Verlängerung zu werfen. Beim Stand von 90:92 stand er an der Freiwurf­linie. 3,1 Sekunden Restspielzeit zeigte die Uhr. Und der Crailsheimer Spielmacher verpasste zweimal. Doch sofort kamen die Kollegen auf ihn zu, klatschten ihn ab oder legten ihm voller Anerkennung ihre Arme auf die Schulter.

Letztlich war er, zusammen mit Joe Lawson und auch Michael Cuffee der wesentliche Energiegeber in einer, mal abgesehen vom ersten Viertel, klasse Vorstellung des Aufsteigers aus Crailsheim. „Ein tolles Spiel unserer Mannschaft, die sich nach der Halbzeit bis in die Schlussphase immer wieder zurückgekämpft hat“, schwärmte dann auch Ingo Enskat, der Sportliche Leiter. „Nimmt man die Leistung der zweiten Halbzeit als Maßstab, darf man sich nicht beschweren, gibt es nichts zu meckern. Genau so, muss man vor heimischem Publikum auftreten und kann dann auch die Energie des Publikums mitnehmen. Wobei wir uns mit der Leistung im ersten Viertel schon eine ganz schöne Bürde draufgepackt haben.“

Schwieriger Start

Und in der Tat taten sich die Einheimischen im ersten Abschnitt erstaunlich schwer. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren. Zuviel Respekt vor dem Gegner? Eine unbekannte Situation besonders für die neuen Spieler in der ersten Heimpartie? Wie auch immer. Im Angriff blieb bei den Merlins vieles Stückwerk. In der Defense ermöglichten sie den Hessen zu viele freie Würfe – und die ließen sich das nicht zweimal sagen!

Coach Tuomas Iisalo hatte mit Frank Turner, Ben Madgen, Michael Cuffee, Joe Lawson und Philipp Neumann auf diesselbe Startformation gesetzt wie zuletzt in Bremerhaven beim Ligaauftakt.

Die Kardinalfrage: Welche Taktik hatte er sich zurecht gelegt, um dem erwartet schnellen Spiel der Gäste aus Mittelhessen einen Riegel vorzuschieben. Und war gegen John Bryant ein Kraut gewachsen?

Für die Merlins traf zunächst Michael Cuffee gegen den Mann. Philipp Neumann legte von der Freiwurflinie nach (5:11). Nach einem freien Dreier von John Bryant zum 5:16 nahm Coach Iisalo seine erste Auszeit (6.38 Minuten vor Viertelende). Ein Floater von Turner verkürzte auf 7:16. Nach langer Durststrecke setzte sich Michael Cuffee unter dem gegnerischen Korb durch und machte die Punktausbeute für die Merlins zweistellig  (1.51 Restspielzeit). Sherman Gay mit einer schönen Centerbewegung und Frank Turner mit einem weiteren Floater verkürzten noch einmal auf 14:28 zum Viertelende.

Im zweiten Viertel trauen sich die Merlins mehr zu, spielten sich zunehmend frei, setzten Duftmarken. „Die Merlins kamen bis auf vier Punkte heran, doch bis zur Halbzeit legte Gießen wieder auf 40:52 vor. „Wenn wir nicht zu viel nachdenken und selber aktiv sind, haben wir auch unsere Chance“, betonte Ingo Enskat, Crailsheims Sportlicher Leiter in der Halbzeit. „Sobald wir Tempo aufnehmen, dann auch eine Interaktion mit dem Publikum entsteht und vielleicht im dritten Viertel auf unter zehn Punkte verkürzen, könnte es eventuell noch ein offenes Spiel werden“, formulierte Enskat seine Hoffnung für die beiden letzten Viertel.

Zunehmend auf Augenhöhe

Den besseren Start in Abschnitt drei hatten die Hessen. Für die Merlins verkürzten Michael Cuffee und Ben Madgen per Dreier. Turner legte nach. Ingo Freyer nahm seine Jungs bei einer Auszeit ins Gebet (51:59; 6.34 Rest). Dann ein Schnellangriff von Frank Turner auf Joe Lawson, der trifft, wird dabei gefoult. Die Halle tobt (56:59). Lawson legt einen Dreier nach - Schlagdistanz. Gießen verpasst in der Offense. Vorne steigt erneut Lawson hoch, zum Dreier, trifft, 64:63, die Führung! Die Fans sind komplett aus dem Häuschen. 4.33 Minuten bleiben  in Viertel 3 noch auf der Uhr. Gießen nimmt die Auszeit! Das Spiel ist komplett offen! Im Angriff schließt Konrad Wysocki mit zwei Punkten ab, legt einen Freiwurf nach. 69:65. Gießen holt auf. In der Offense trifft Brion Rush (71:69). Hin und her. Das Spiel auf Messers Schneide. Knisternde Spannung in der Arena. Schweißnasse Hände, die Zuschauer klatschen, was das Zeug hält. Mit 73:74 geht es in die letzte Pause.

Gießen ist wieder am Zug, doch die Merlins lassen sich nicht abschütteln. Bei 79:85 nimmt Iisalo, fünf Minuten vor Schluss eine Auszeit. Brion Rush versenkt einen Unterhandkorbleger. Vier Punkte Differenz. Lawson trifft und trifft: Dreier zum 84:85.

Noch 2.24 Minuten bleiben. Turner setzt sich vorne durch. 86:88. Bryant verlegt einen ganz einfachen Korbleger. Die Häme des Publikums ist ihm sicher. Im nächsten Angriff geht Lischka für Gießen an die Linie. Er trifft zweimal zum 86:90, vorne setzt Joe Lawson nach (88:90) 1.04 Rest. Die Merlins fischen sich den nächsten Defensiv-Rebound und vorne macht Frank Turner die zwei Punkte fix. Unentschieden. Eine Verlängerung winkt. 30 Sekunden Restzeit. Natürlich suchen die Gießener jetzt Bryant, den kräftigen Center unter dem Korb, der trifft zum 90:92. Noch 17 Sekunden sind zu spielen.  Ein gellendes Pfeifkonzert. Bryant verwirft seinen Zusatzfreiwurf. Auszeit Merlins bei 9,1 Sekunden Rest. Brion Rush bekommt den Ball, wirft ein, spielt Frank Turner an. Der wird gefoult. Turner geht an die Linie. 3,1 Sekunden vor Schluss, verwirft den ersten, auch den zweiten. 90:92 – Ende! Aus! Die Gäste nehmen die Punkte mit.

Ein hochdramatisches Spiel. Nichts für schwache Nerven. Die Merlins verlieren am Ende etwas unglücklich. Die Zuschauer verabschieden ihre Mannschaft in einer pickepackevollen Halle mit viel Applaus. So wollen sie das Team sehen. Sie werden wiederkommen.

Da ging die augenfälligste Neuerung fast unter. Sie prangte auf der Brust der Crailsheimer Spieler. Dort stand an prominenter Stelle platziert und deutlich sichtbar: Hashtag #Wirsindmehr. „Eine gesellschaftliche Aussage“, wie Martin Romig, der Crailsheimer Manager erklärt. „Wir sind nicht komplett weltfremd und beobachten eine gewisse Verrohung der Sitten in der Gesellschaft. Diesbezüglich machen wir uns als Organisation natürlich Gedanken darüber, wie wir uns dazu positionieren können. Vor kurzem hat auch die Nationalmannschaft beim Länderspiel gegen Israel in Leipzig eine solche Aktion initiiert.

So spielten sie

Crailsheim – Gießen

90:92

Crailsheim: Madgen (10/1 Dreier), Turner (11), Herrera (0), Wysocki (3), Neumann (4), Rush (13/1 Dreier), Ferner, Cuffee (5 Dreier), Lawson (7 Dreier)

Gießen: Chambers (3/1), Taylor (3/1), Agva (4), Montana (3), Landis (15/2), Lischka (17/2), Gordon (9/1), Bryant (22/1), Thomas 16 (4)

Viertel: 14:28/40:52/73:74/90:92

Rebounds: 30:44

Assists:24:19

Dreier:14 von 32/12 von 33

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