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Crailsheim
Ilshofen / Joachim Mayershofer  Uhr
Die BG Göttingen gewinnt in Ilshofen gegen die Hakro Merlins Crailsheim und sichert sich damit den Klassenerhalt. Der ist für die Zauberer kaum mehr zu schaffen.

Louis van Gaal, früher Trainer des deutschen Fußballrekordmeisters Bayern München, machte vor entscheidenden Spielen das niederländische Sprichwort „Wir bekommen Gladiolen, oder wir sind tot“ auch in Deutschland bekannt. Die blumige Formulierung stammt von einer viertägigen Volkswanderung bei Nijmegen, bei der den Teilnehmern, die das Ziel erreichen, Gladiolen überreicht werden. In der Sommerhitze hat es bei diesem Lauf über täglich an die 50 Kilometer schon Todesfälle gegeben. Und für die Hakro Merlins Crailsheim ging es gestern Abend auch darum, ihr Ziel lebend zu erreichen: Gegen die BG Göttingen musste im Kampf um den Klassenerhalt unbedingt ein Sieg her. Mit einer Niederlage, so die Ausgangslage, wäre man im Abstiegskampf zwei Spieltage vor Ende der Hauptrunde nahezu chancenlos. Im Umfeld des Spiels gegen die Veilchen, so der Spitzname der Niedersachsen, machte die Stadt Crailsheim kräftig Werbung für die Bewerbungsrunde um die Landesgartenschau 2031 bis 2035. Das Motto lautet: „Wächst. Blüht. Verbindet.“

Statt dieser drei Worte schallte jedoch  im vierten  Viertel beim Stand von 51:64 erstmals das berüchtigte „Go. Fight. Win.“ (Auf geht’s. Kämpfen. Gewinnen.) von den Rängen in der Arena Hohenlohe in Ilshofen. Die treuen Merlins-Fans trieben ihre Mannschaft nicht nur damit wieder unermüdlich an. Doch letztlich vergebens. Die BG Göttingen hat sich mit dem Sieg endgültig den Klassenerhalt gesichert. Crailsheim kann hingegen nur noch ein Wunder helfen, vor allem, weil man im direkten Vergleich gegen die Kontrahenten MBC und Bremerhaven das Nachsehen hat. Nur mit Siegen in Jena und gegen Oldenburg kann der Abstieg noch vermieden werde, und gleichzeitig dürfen der MBC oder Bremerhaven kein Spiel mehr gewinnen.

Die Stierkampf-Arena verwandelte sich schnell nach Spielbeginn in ein Treibhaus. Jeder war sich der Wichtigkeit dieses Spiels bewusst. Die Spannung war greifbar. In vielen Gesichtern normalerweise meist lächelnder Menschen war pure Anspannung zu sehen. Den Spielern war ein Mix aus Nervosität, Anspannung, Entschlossenheit und Vorfreude anzumerken.

Und auch die Presseabteilung der Basketball-Bundesliga (BBL) schien etwas nervös zu sein. In der Vorankündigung des Spiels hatte sie die Partie irrtümlicherweise in die Sparkassen-Arena in Göttingen verlegt, den Fehler aber schnell verbessert. Zudem wurde Merlins-Spielmacher Frank Turner falsch bei Instagram markiert. Der Link führte statt zum Basketballer zu einem Künstler mit dem gleichen Namen.

Frank Turner kann spielen

Positiv war bei Crailsheim, dass genau dieser Turner trotz seiner Sprunggelenksverletzung spielen konnte. Trainer Tuomas Iisalo verzichtete auf Robert Arnold und Joe Lawson, Michael Cuffee bekam nach seinem starken Auftritt in Vechta den Vorzug als sechster Ausländer im Kader.

Mit einer emotionalen Rede begrüßte Geschäftsführer Martin Romig kurz vor Spielbeginn den früheren NBA-Star John Stockton im Publikum, der seinen Sohn Michael, Spielmacher bei Göttingen, im Abstiegskampf live vor Ort unterstützte. Romig hob die Bedeutung des zweifachen Olympiasiegers, Mitglied des legendären Dream-Teams um Michael Jordan und Larry Bird bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona, auch für die Entwicklung der Crailsheimer Basketballer hervor. Die gesamte Halle erhob sich für John Stockton und applaudierte. Ein Gänsehautmoment schon vor dem Spiel!

Gäste von Anfang an besser

Die BG Göttingen hat ihre Negativserie beendet und vorzeitig den Klassenerhalt in der Basketball-Bundesliga geschafft.

In die Partie startete Göttingen deutlich besser. Vor allem Derek Willis blühte auf, hatte schnell sieben Punkte auf dem Konto. Tuomas Iisalo nahm nach knapp viereinhalb Minuten schon die erste Auszeit beim Stand von 5:13. Doch Willis blieb heiß, traf den Dreier zum 5:17. Den Ball freistehend durch die Finger rutschen lassen, Schrittfehler, mehr als drei Sekunden offensiv in der Zone – die Merlins fabrizierten wieder einmal zu viele einfache Ballverluste. Konrad Wysocki und Sherman Gay hielten die Zauberer im Spiel, sorgten mit je sechs Punkten für das 12:19 und dafür, dass Göttingens Trainer Johan Roijakkers die Auszeit nahm. Bitter für die Merlins: DeWayne Russell hatte schon nach dem ersten Viertel, das 12:21 endete, drei Fouls zu Buche stehen.

Der Rückstand wuchs auf 13 Punkte an. Selbst zwei Dreier von Ben Madgen konterten die Gäste eiskalt. Als Darius Carter zum 18:33 traf, beantragte Iisalo die nächste Auszeit. Per Dreier machte Stockton das 21:38. Beim 26:40 holte Roijakkers sein Team zur Verschnaufpause. 20 Punkte Abstand waren die größte Differenz im zweiten Abschnitt (26:46). Es war ein Abend zum Vergessen für die Merlins. Teilweise berührten die Würfe der Zauberer auf den Korb nicht einmal ansatzweise den Ring. 28:47 hieß es zur Halbzeit.

„Wir haben von Anfang an keine Kontrolle über das Spiel gekommen. Es fehlt völlig die Organisation und die Abstimmung, wir sind zu keinem Zeitpunkt in einen Spielfluss gekommen. Wir müssen jetzt irgendwie den Kopf frei bekommen und Intensität ins Spiel bringen. Mit smarten Entscheidungen werden wir das Spiel nicht mehr gewinnen“, sagte Ingo Ensakt, der sportliche Leiter der Merlins in der Halbzeitpause.

Doch auch im dritten Viertel kamen die Crailsheimer nicht näher heran. Göttingen ging mit einer 64:44-Führung in den Schlussabschnitt. Göttingens Michael Stockton zeigte seinem berühmten Vater, dass dessen Erbe bei ihm in guten Händen liegt, und führte seine Mannschaft letztlich mit 24 Punkten zum völlig verdienten Auswärtssieg in diesem Abstiegsduell.

Applaus für Wysocki

Die Partie war für Konrad Wysocki die letzte in der Arena Hohenlohe. Der Forward beendet nach der Saison seine Karriere. Bei seiner Auswechslung war er mit viel Applaus auf die Bank begleitet worden. Die Merlins-Fans dichteten den Gassenhauer „Schwarze Natascha“ auf „Konrad Wysocki“ um. Ein weiterer sehr emotionaler Moment am gestrigen Abend. Wysocki spielte vier Jahre für die Merlins, stieg mit ihnen aus der Bundesliga ab und wieder in diese auf. „Es war mir eine große Ehre, die letzten vier Jahre für die Merlins zu spielen“, sagte Wysocki am Mikrofon und erntete dafür tosenden Beifall und Sprechchöre. Währenddessen weinte Sebastian Herrera bitterliche Tränen wegen des nahen Abstiegs, der kaum mehr zu vermeiden ist.

Göttingen trifft am nächsten Freitag auf Ludwigsburg, Crailsheim muss zum Tabellenletzten Jena. Spielbeginn ist um 20.30 Uhr.

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So spielten sie

Crailsheim – Göttingen

63:88

Crailsheim: Wysocki (6, 6 Assists, 4 Rebounds), Gay (12), Neumann (6, 4 Rebounds), Russell (15), Madgen (8), Ferner, Thompson (6), Turner (4), Herrera (2, 4 Rebounds), Cuffee (4)

Göttingen: Stockton (24), Lockhart (9), Kramer, Williams (15, 7 Assists), Carter (9), Andric (7, 7 Rebounds), Mönninghoff (10), Willis (14, 8 Rebounds), Haukohl, Grüttner

Viertel: 12:21, 16:26, 16:17, 19:24
Rebounds: 26:37
Assists: 16:16
Steals: 9:7
Blocks: 0:2
Turnover: 14:15
Dreier: 7/28 : 7/19