Interview Weller findet Schmähgesänge lustig

Jubelpose mit herausgestreckter Zunge: Steelers-Stürmer Shawn Weller sitzt oft der Schalk im Nacken. Für solche Gefühlsausbrüche, hier nach einem Tor gegen Kaufbeuren, lieben ihn die Bietigheimer Eishockey-Fans.
Jubelpose mit herausgestreckter Zunge: Steelers-Stürmer Shawn Weller sitzt oft der Schalk im Nacken. Für solche Gefühlsausbrüche, hier nach einem Tor gegen Kaufbeuren, lieben ihn die Bietigheimer Eishockey-Fans. © Foto: Martin Kalb
Bietigheim-Bissingen / Andreas Eberle 13.04.2018

Der US-Amerikaner Shawn Weller polarisiert wie kaum ein anderer Spieler in der Deutschen Eishockey-Liga 2 (DEL 2). Warum das so ist und wie er die Chancen auf den Titel in der Finalserie gegen den SC Riessersee beurteilt, verrät der 31-jährige Stürmer und Publikumsliebling der Bietigheim Steelers im BZ-Interview.

Die fünfte Jahreszeit im Eishockey, die Playoffs, scheint Ihre Zeit zu sein. Das war in den zwei Spielzeiten zuvor so, und in der aktuellen Finalrunde haben Sie auch schon neun Tore erzielt. Warum sind Sie immer zu den Playoffs in Galaform?

Shawn Weller: Ich weiß nicht genau, warum es bei mir gerade in den Playoffs so gut läuft. Ich versuche mich stets zu steigern und mein Spiel auf ein noch höheres Level zu bringen. So will ich dem Team helfen, zu gewinnen. Natürlich bin ich auch während der Hauptrunde motiviert und möchtest jedes Spiel gewinnen. Aber wenn du die Chance hast, Meister zu werden, hast du in den Playoffs noch einmal einen Schuss Extra-Motivation.

Geliebt von den eigenen Fans, verteufelt von denen des Gegners – Sie sind ein Mann, der polarisiert. Was ist der Grund dafür?

Als ich noch in Rosenheim war, haben mich die Bietigheimer Fans nicht sonderlich gemocht. Aber seit ich für die Steelers spiele, hat sich das gewandelt. Das ist wohl in den meisten Fällen so. Unsere Fans sehen, wie hart ich in jedem Spiel arbeite und schätzen, wie viel Energie und Einsatz ich bringe. Ich bin froh, dass sie mich mögen. Mein Spielstil ist hart. Die gegnerischen Fans hassen es darum, wenn ich für die Gegenseite auflaufe. Aber ich wette, dass sie sich freuen würden, wenn sie mich in ihrem Team hätten.

Stacheln Sie die Schmähgesänge aus dem gegnerischen Block an?

Diese Gesänge und Sprüche finde ich sogar lustig, und darüber kann ich eher schmunzeln. Ich mag es, wenn die Fans des Gegners mich nicht mögen. Dann muss ich etwas richtig machen. Das gibt mir zusätzliche Motivation. Es ist reizvoll, sie zum Verstummen zu bringen – zum Beispiel mit einem Tor.

Manchmal ist es aber schon sehr beleidigend, was Sie von den Rängen zu hören bekommen.

Die Beleidigungen verletzen mich nicht. Ich glaube, dass die Fans das auch nicht persönlich meinen, sondern einfach von meiner Art, wie ich spiele, angestachelt sind. Ich kann damit umgehen. Das ist Teil des Spiels, besonders hier in Deutschland.

An diesem Freitagabend steigt in Garmisch-Partenkirchen das erste Finalduell – wie war die Stimmung am Donnerstag beim Bietigheimer Abschlusstraining?

Sie war relativ gelöst. Jeder ist so kurz vor dem ersten Spiel natürlich aufgeregt. Viele Jungs haben sechsmal in Folge ein Finale gespielt, darum ist es nichts Neues für sie. „Business as usual“ würde ich sagen für die Steelers – auch wenn es immer harte Arbeit bis ins Finale ist.

Sie sind bisher zweimal mit den Steelers Vizemeister geworden und warten noch auf ihren ersten Titel in Deutschland. Ist Ihre Motivation darum größer als die Ihrer Teamkollegen, die teilweise schon viele Meisterschaften gewonnen haben?

Jeder von uns ist hochmotiviert und will die Meisterschaft holen. Das ist ja auch die Siegermentalität, die in Bietigheim herrscht. In jeder Saison, in die wir gehen, ist der Titel das Ziel. Ich selbst bin noch nie Meister geworden, seit ich professionell Eishockey spiele. Der erste Titel ist ein großer Ansporn für mich. Die letzten zweimal stand ich nach dem Finale an der blauen Linie und musste dem Gegner beim Feiern zuschauen. Diesmal will ich mit den Steelers feiern.

Nennen Sie mir den Hauptgrund, warum Bietigheim Ihrer Meinung nach das Playoff-Finale gegen den SC Riessersee gewinnen wird?

Ich denke, dass wir ein komplettes und solides Team sind. Wir haben zwei großartige Torhüter, die uns mit ihren Paraden helfen. Wir haben eine starke Gruppe von Verteidigern mit Stärken in der Defensive und in der Offensive – und wir verfügen über drei ausgeglichene Sturmreihen, die alle scoren können. Wenn wir einige Jungs zurückbekommen sollten, haben wir sogar vier sehr gute Reihen. Unsere Stärke macht aus, dass wir keine Schwachpunkte haben. Wir haben eine gute Chance, wenn wir das spielen, was wir können.

Was halten Sie vom Gegner?

Die Garmischer sind ebenfalls eine super Mannschaft. Sie haben die Hauptrunde als Erster abgeschlossen und waren die ganze Saison konstant stark. Es ist also nicht so, dass sie nur in den Playoffs einen Lauf hatten. Der SC Riessersee hat den Finaleinzug genauso verdient wie wir. Auch bei unserem Gegner gibt es viele Spieler, die Tore schießen können. Das wird eine Schlacht.

Welche Rolle spielt der Heimvorteil der Garmischer im Finale?

Um ehrlich zu sein: Mir ist es egal, dass wir im ersten Spiel auswärts antreten. Vielleicht haben wir so sogar etwas weniger Druck. In den vergangenen beiden Jahren hatten wir als Hauptrundenerster das erste Finalspiel gegen Kassel und Frankfurt zu Hause verloren. Jetzt wollen wir dem Gegner den Heimvorteil stehlen und dann unsere Heimspiele gewinnen. Wenn es zu einem siebten Duell kommen sollte, hat Riessersee einen kleinen Vorteil.

Wie kam es dazu, dass der Vollbart zu Ihrem Markenzeichen wurde?

Dahinter steckt eigentlich keine große Geschichte. Als ich 2015 nach Bietigheim gewechselt bin, habe ich den Bart wachsen lassen – und den Fans hat das ganz offensichtlich gefallen. Mittlerweile ist der lange Bart Teil meiner Persönlichkeit. Im Sommer stutze ich ihn immer ein bisschen, aber die meiste Zeit behalte ich ihn. Das letzte Mal, als ich mich rasiert habe, war für die „Movember“-Aktion in meinem ersten Jahr hier – und dann habe ich den Bart gleich wieder für die Playoffs sprießen lassen.

Gefällt Ihrer Freundin Kaytlin die Bartpracht?

Ja, der Bart stört sie nicht. Sie findet, dass er momentan vielleicht etwas zu lang ist, aber sie mag ihn.

Was müsste passieren, dass Sie sich den Bart wegrasieren?

Das ist eine gute Frage. Darüber haben Tyler McNeely (Anmerkung der Redaktion: Sein Sturmpartner trägt ebenfalls einen Vollbart) und ich am Mittwoch erst gesprochen. Ich könnte ihn natürlich abrasieren, wenn wir das Finale gewinnen, aber das möchte ich nicht versprechen, denn dann müsste ich es ja wirklich machen, wenn wir es schaffen. Eigentlich will ich den Bart ganz gerne behalten.

Wie beurteilen Sie die Entscheidung des Klubs, sich nach der Saison von Trainer Kevin Gaudet zu trennen?

Alles, was ich dazu sagen kann, ist, dass mir Kevin immer viele Einsatzmöglichkeiten gegeben hat, seit ich nach Bietigheim gekommen bin. Ich habe es immer sehr genossen, unter ihm zu spielen. Kevin ist ein toller Trainer. Er hat für eine unbeschwerte Atmosphäre gesorgt und dem Team eine Siegermentalität eingeimpft. Eine Mannschaft sechsmal hintereinander ins Finale zu führen, ist sehr beeindruckend. Zur Entscheidung des Vereins möchte ich mich aber nicht äußern. Das steht mir nicht zu.

Stürmen Sie selbst auch in der nächsten Saison für die Steelers?

Ich liebe Bietigheim und würde wirklich, wirklich sehr gerne bleiben. Das ist meine erste Option. Ich hoffe, dass wir uns einig werden. Mein Eindruck ist, dass beide Seiten der gleichen Meinung sind und dasselbe wollen.

Zur Person: Shawn Weller

Seit 2015/2016 hat Shawn Weller bisher 161 Pflichtspiele für die Bietigheim Steelers absolviert und dabei 186 Scorerpunkte (120 Tore, 66 Assists) gesammelt. Weitere DEL-2-Stationen waren Rosenheim, Dresden und Ravensburg. Vor seinem Wechsel 2013 nach Europa stürmte der in Glens Falls (Bundesstaat New York) geborene Weller für mehrere Klubs in der American Hockey League (AHL). Mit den Golden Knights der Clarkson University holte er als Student den Titel in der National Collegiate Athletic Association (NCAA). Der 1,89 Meter große Linksschütze wohnt mit Freundin Kaytlin in Bissingen und spielt gern Golf. Er liebt die US-Fernsehserie „Homeland“ und die Musik von Macklemore, einem US-Rapper. Ein Ritual von Weller ist, dass er vor jedem Spiel Pasta mit Chicken Bolognese isst.  ae

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