Reiten Über alle Hindernisse in die Zukunft

Sachsenheim / Claus Pfitzer 02.09.2017

Direkt hinter dem Wagen der Bietigheim Steelers laufen am Montag einige reitbegeisterte Jugendliche aus dem Kirbachtal zusammen mit ihren Pferden am Umzug beim Bietigheimer Pferdemarkt mit. Zu dieser Gruppe gehören Teilnehmer des Reitunterrichts auf dem Bromberg Hof der Familie Schülke sowie rund 20 junge Voltigiererinnen des Reitvereins Kirbachtal. Nach einem langen – und am Ende vergeblichen – Gang durch die kommunalpolitischen Instanzen vom Ortschaftsrat bis zum Regierungspräsidium hat der 130 Mitglieder starke Verein eine neue Reitheimat gefunden: Auf dem Hof von Patrick und Sabine Schülke, der zwischen den Sachsenheimer Stadtteilen Hohenhaslach und Ochsenbach liegt. In der großen Reithalle trainieren Martina Bello und ihre Tochter Belinda zweimal wöchentlich mit jungen Mädchen das Voltigieren. Seit einem Jahr gibt es zudem am Ortsrand von Ochsenbach in Richtung Eibensbach mit einem renovierten Wochenendhaus einen Vereinstreff.

„Wir haben hier auf dem Schülke-Hof wieder eine Zukunft, können Jugendarbeit machen“, sagt Hans Schlag, der Gründer und Vorsitzende des Reitvereins Kirbachtal. Ohne die Zusammenarbeit mit Schülkes könnt der Verein keine Jugendarbeit betreiben. „Wir wollten, dass es weitergeht und konnten uns stabilisieren, nachdem wir seit 1990 nur gekämpft haben“, sagt Schlag. Die Mitgliederzahl ist zwischenzeitlich von 260 auf 120 gesunken, mittlerweile gehören aber 130 Personen dem kleinen Verein an. In der Reithalle von Patrick und Sabine Schülke haben 20 Jugendliche zweimal wöchentlich die Gelegenheit zum Voltigieren. Zur Verfügung stehen dabei ein Pferd der Reitschule Schülke sowie ein Pensionspferd, das im Stall auf dem großen Bromberg Hof untergebracht ist.

Gegenseitige Rücksichtnahme

„Voltigieren ist Akrobatik. Das Pferd ist ein lebender Sportpartner mit eigenen Bedürfnissen. Da geht es um gegenseitige Rücksichtnahme“, erklärt Voltigier-Lehrerin Martina Bello. Sie hat in diesem Jahr mit ihren Schützlingen schon an drei Wettbewerben teilgenommen. Für die erwachsenen Mitglieder möchte der Vorsitzende Freizeitreiten anbieten, um das Vereinsleben zu beleben. Er denkt dabei an Point-to-Point-Reiten, Ausritte in kleinen Gruppen oder auch an Reiterspiele. Im Kirbachtal von Hohen- bis Häfnerhaslach gebe es gut und gerne 65 bis 75 Pferde, sagt Schlag.

Anlass der Gründung des Vereins war die 700-Jahr-Feier von Ochsenbach im Jahr 1990. Bei einem Viertele in einer Gaststätte wurde Hans Schlag von einem Reitlehrer angesprochen. „Er hat gemeint, für die vielen Reiter im Kirbachtal müsste man eine gute Ausbildung anbieten und einen Verein ins Leben rufen.“ Der heute 62-jährige Schlag sagte zu, wenn sich mindestens sieben Reiter finden. Die Unterschriften waren schnell gesammelt und der Ochsenbacher erkundigte sich beim Reitverein Bönnigheim über die Modalitäten einer Vereinsgründung, über eine Satzung und andere Details. „Da habe ich viel gelernt“, sagt er.

Auf Anhieb 25 Mitglieder

Im Ochsenbacher „Stromberg“ reservierte der designierte Vereinsgründer dann für eine Versammlung zehn Plätze. Als Schlag im Lokal ankam, waren beinahe dreimal so viele Stühle belegt. Er war zuerst etwas verärgert und bat den Wirt, ihm ein Nebenzimmer zu geben. „Da hat er gesagt, die seien alle wegen mir gekommen“, erinnert sich der Ochsenbacher an die Gründungsversammlung. Sogleich traten dem Verein 25 Personen bei. „Wir hatten bald unser hundertstes Mitglied. Es ist ständig vorwärts gegangen. Einmal hatten wir bis zu 260 Mitglieder“, sagt Schlag.

Anfänge auf Sandplatz

In den ersten Jahren hatte der Verein von einem ortsansässigen Landwirt einen Sandplatz zum Reiten gepachtet. Dass die Zusammenarbeit nicht immer reibungslos verlief, erwähnt Schlag nur noch am Rande. „Das ist jetzt ganz anders. Mit der Familie Schülke besteht ein echtes Vertrauensverhältnis“, so Schlag. Bis es aber soweit war, mussten er und seine Mitstreiter hohe Hindernisse überwinden. „Die Leute lieben das Pferd, aber nicht den Reiter“, hat Schlag in all den Jahren im Kampf um einen vernünftigen Reitplatz erfahren. „Man wollte uns klein halten“, hat er festgestellt. Nach Beendigung des Pachtvertrags für den Sandplatz war der für seine Jugendarbeit mehrfach mit Preisen ausgestattete Verein auf der Suche nach einem geeigneten Vereinsgelände. Das scheiterte im landschafts- oder naturgeschützten Kirbachtal zunächst angesichts der stark begrenzt verfügbaren Flächen.

Das ins Blickfeld geratene Areal im Gebiet „Aucht“ am westlichen Ortsrand von Ochsenbach schien der ideale Reitplatz zu sein. Es liegt zwar auch im Landschaftsschutzgebiet, doch weil der Reitverein die stark eingeschränkten baulichen Maßnahmen in seine Pläne aufgenommen hatte, gab es zunächst eine breite Zustimmung vom Ortschafts-, über den Gemeinderat bis hin zum Landratsamt und dem Regionalparlament. Erst das Regierungspräsidium stoppte die Pläne. Das brachte den Verein beinahe um die Existenz.

Immerhin 35 000 Euro betrugen die Kosten für die Gutachten. „Es ist ja alles gut losgegangen. Aber die Stadt hätte uns das schon früher sagen müssen, dass es nicht klappt“, sagt Schlag heute. Er selbst ließ sich damals sogar in den Ortschafts- und dann in den Gemeinderat wählen, um für seine Sache zu kämpfen. „Sie werden uns nicht los. Wir haben jetzt wieder eine Grundlage“, freut sich der Reiter aus Ochsenbach.

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