Bietigheim-Bissingen / Von Andreas Eberle

Während sich der Aufsteiger SG BBM Bietigheim wohl bis zum letzten Spieltag im Kampf um den Klassenerhalt abstrampelt, kann der TVB 1898 Stuttgart die Bundesliga-Saison unaufgeregt zu Ende spielen. Denn der Bietigheimer Gegner am Sonntag (16 Uhr) in der Ludwigsburger MHP-Arena hat vorzeitig die Weichen für die fünfte Spielzeit hintereinander in Deutschlands Eliteklasse gestellt und Planungssicherheit. Mit 18:28 Punkten stehen die Stuttgarter elf Spieltage vor dem Rundenende auf Platz 14 – mit zehn Zählern Vorsprung auf den ersten Abstiegsrang, den die SG BBM (8:38 Punkte) belegt.

Schlüsselspiel gegen Lemgo

Vor zwölf Tagen knöpfte der TVB sogar dem Europapokal-Anwärter und Altmeister Frisch Auf Göppingen überraschend einen Zähler ab: Max Häfner traf in der letzten Derby-Sekunde zum 26:26-Ausgleich und verwandelte die mit 6211 Zuschauern ausverkaufte Porsche-Arena in ein Tollhaus. Das Stuttgarter Schlüsselspiel hatte allerdings bereits Mitte Februar stattgefunden: Mit dem 25:23 gegen Lemgo war der Klassenerhalt praktisch eingetütet. Es folgten einige Personalentscheidungen, die zum Teil überregional Schlagzeilen machten.

Der größte Knaller war der kurzfristige Abgang von Spielmacher Michael „Mimi“ Kraus. Der TVB ließ den 35-jährigen Weltmeister von 2007 mitten in der Saison nach Bietigheim ziehen – für beide Seiten eine Win-win-Situation. Mit Kraus hatte der Verein für die neue Saison ohnehin nicht mehr geplant und konnte sich durch dessen Wechsel noch einige Monatsgehälter sparen. Im Gegenzug erhielt die SG eine Verstärkung mit Weltklasse-Niveau. Kraus sorgt(e) nicht nur für eine neue Euphorie im Team und im Umfeld, sondern bringt auch noch jede Menge Erfahrung im Abstiegskampf mit. „Die letzten zweieinhalb Jahre waren wir in Stuttgart immer unter Druck. Es gab nie ein Spiel, das für uns unwichtig war. Deshalb kenne ich die Situation und weiß, auf was es ankommt“, sagte Kraus in einem BZ-Interview und nannte einige aus seiner Sicht wesentliche Punkte: „Es muss sich eine Eigendynamik entwickeln. Wenn man einen Flow hat, muss man den auch ausnutzen. In so einer Phase ist es ganz wichtig, dass man den Spaß nicht verliert.“

Doch auch abgesehen von der Personalie Kraus drehte sich das Personalkarussell in Stuttgart rasant. Eine Verjüngung hat sich der TVB auf die Fahnen geschrieben und dabei vor unpopulären Entscheidungen nicht zurückgeschreckt. Arrivierte Handballer, die bei den Fans Kultstatus genießen und der Mannschaft über viele Jahr ein Gesicht gegeben haben, müssen den Klub am Saison­ende verlassen. So erhalten Kapitän Simon Baumgarten (33) und Linksaußen Tobias Schimmelbauer (31) nach 15 und 9 Jahren jeweils keinen neuen Vertrag mehr.

„Wenn ich sagen würde, dass ich nicht enttäuscht bin, dann wäre das sicherlich gelogen. Wenn man so lange bei einem Verein ist und all die Jahre alles für den sportlichen Erfolg getan hat, dann möchte man diesen Weg natürlich auch weitergehen“, sagte Schimmelbauer in einem Interview mit dem Internet-Portal Handball-World. Der Routinier ist einer der Publikumslieblinge und wurde in der Aufstiegssaison 2014/15 sogar zum „Spieler der Saison“ gewählt. „Es hätte mich gereizt, die sportliche Entwicklung noch weiter mit voranzutreiben – auch weil ich merke, dass ich der Mannschaft nach wie vor helfen kann“, so Schimmelbauer. „Der TVB Stuttgart hat strategische Gründe für diese Entscheidung. Ob ich diese nachvollziehen kann oder nicht, spielt im Endeffekt keine Rolle.“

Ex-Bietigheimer Zieker kommt

Als weitere Abgänge stehen Rechtsaußen Bobby Schagen (zum TBV Lemgo) und Michael Schweikardt, der Bruder von Trainer und Manager Jürgen Schweikardt, fest. Der aus der eigenen Jugend stammende Spielmacher beendet seine Karriere und wird Coach beim Drittliga-Topverein TSB Horkheim. Ein anderes Idol bleibt hingegen bei der Stange: Nationalkeeper Johannes „Jogi“ Bitter verlängerte seinen auslaufenden Kontrakt bis Sommer 2020. Mit dem Ex-Bietigheimer Patrick Zieker (Lemgo, Linksaußen), dem Ungarn Rudolf Faluvegi (Cesson Rennes MHB/Frankreich, Rückraum Mitte), dem Mazedonier Zarko Pesevski (HC Motor Saporoschje/Ukraine, Kreis) und Talent Nick Lehmann (eigene Jugend, Tor).