Der erste Titel der Saison 2019/20 im deutschen Frauenhandball geht an die SG BBM Bietigheim. Am Samstagabend gewann der amtierende Deutsche Meister vor 1502 Zuschauern in der Ludwigsburger MHP-Arena mit einem 27:26 gegen Pokalsieger Thüringer HC den Supercup. Die anfänglich zerfahrene Partie war am Ende hochdramatisch. Thüringens Emily Bölk hämmerte nach der Schlusssirene noch einen Freiwurf gegen die Latte.

Vielleicht war es der gerechte Ausgleich für das Pokalfinale, in dem Bölk in allerletzter Sekunde den Siegtreffer für den THC geworfen hatte, dass sie nun nur die Latte traf. Angesichts der zweiten Hälfte wäre der Ausgleich auch nicht unbedingt gerecht gewesen. Nach nervösem und insgesamt schwachem Start steigerte sich das Team von Trainer Martin Albertsen enorm, machte aus einem über weite Strecken der ersten Hälfte währenden Drei-Tore-­Rückstand Mitte der zweiten Halbzeit eine 21:18-Führung und fast exakt acht Minuten später noch einmal ein 25:22, nachdem der THC wieder auf ein Tor herangekommen war.

Es hätte sogar noch deutlicher stehen können, denn THC-Trainer Herbert Müller agierte in dieser Phase mit sieben Feldspielerinnen und SG-Torhüterin Dinah Eckerle warf, nachdem Luisa Schulze zweimal direkt den Anwurf verwandelte hatte, einen abgefangenen Ball nur haarscharf am leeren Tor vorbei, statt zum 26:22 ins Netz. Aber selbst drei Minuten vor dem Ende führte die SG BBM noch mit 26:23.

Dass die Thüringerinnen in der Schlussphase noch einmal auf Schlagdistanz herankamen, war vor allem dem Umstand geschuldet, dass SG-Kapitänin Kim Naidzinavicius nach einem Fehlwurf auf der einen, 110 Sekunden vor dem Ende auf der anderen Seite des Spielfelds noch eine Zeitstrafe kassierte und die Gäste so bis zur Sirene in Überzahl agierten. Iveta Koresova verwandelte den von Naidzinavicius verursachten Siebenmeter zum 25:26-Anschlusstreffer.

Dramatische Schlussphase

Maura Visser hämmerte dann den Ball bei drohendem Zeitspiel mit einem Unterhandwurf aus dem Rückraum zum 27:25 in die Maschen. Im Gegenzug ließ man sich aber überrumpeln, Visser konnte den schnellen Pass auf Meike Schmelzer an den Kreis nicht blockieren, die Thüringerin hatte nur elf Sekunden später keine Probleme, den erneuten Anschluss zu erzielen.  Den folgenden Angriff wollte das Albertsen-Team ausspielen, doch nach 30 Sekunden ging wieder der Arm der Schiedsrichter hoch und es folgte ein unsauberes Anspiel von Visser an den Kreis zu Luisa Schulze.

18 Sekunden verblieben dem THC noch für einen letzten Angriff, doch der endete mit einem letzten hektischen Wurf von Bölk und einer Parade von Eckerle. Da Laura von der Heijden die Thüringer Rückraumschützin aber beim Wurf gestoßen hatte, gab es noch einem allerletzten Freiwurf nach Ablauf der Zeit. Bölk fand tatsächlich auch einen Weg an der massiven Bietigheimer Mauer vorbei, doch der Ball klatschte satt und laut gegen die Latte, sodass es beim knappen 27:26 für den Meister blieb.

In den ersten Minuten hatte es danach überhaupt nicht ausgesehen. Die SG BBM wirkte vor allem in der Offensive stellenweise wie eine Anfängertruppe. Die Würfe waren zumeist ohne Zug und Präzision. Vor allem der Rückraum blieb immer wieder in der Deckung hängen oder zielte dann, um den Armen der Thüringerinnen zu entgehen, deutlich zu hoch. Anspiele an den Kreis oder auf den Flügel waren zu vorhersehbar und kamen nicht an. Nachdem sich der Pokalsieger nach knapp fünf Minuten eine 3:1-Führung herausgeworfen hatte, passte er sich jedoch langsam aber sicher an. Als Albertsen vier Minuten später seine erste Auszeit nahm, stand es immer noch 1:3. Und es dauerte noch fast eineinhalb Minuten, ehe der nächste Treffer zum 1:4 fiel. Bietigheim glänzte weiterhin eher durch schlecht vorbereitete Würfe oder Anspiele, die beispielsweise Angela Malestein selbst hochspringend nicht erreichte.

Aber langsam wurde es besser. Auch weil Eckerle mehr und mehr ihre Betriebstemperatur erreichte und die eine oder andere Parade auspackte. Einzig Karolina Kudlacz-Gloc und Malestein blieben unter ihrer gewohnten Leistung, zumindest was die Torausbeute betrifft. Hier schritten die beiden Niederländerinnen Visser – sieben Treffer, davon zwei Siebenmeter – und von der Heijden  – fünf Treffer – voran. Kapitänin Naidzinavicius übernahm mit vier Siebenmeter-Toren von der Linie Verantwortung, blieb aus dem Feld aber glücklos.

Müller kritisiert Schiedsrichter

Im Endeffekt legte aber das gesamte Team nach und nach die anfängliche Nervosität ab und erkämpfte sich den 10:12-­­­­Pausen­­-­ ­rückstand. Auch wenn Müller der Meinung war, dass seine Mannschaft eigentlich höher führen hätte müssen. Er machte dafür eine Mischung aus eigenen Unzulänglichkeiten und fragwürdigen Schiedsrichterentscheidungen verantwortlich. „Ich habe Martin noch nie so ruhig gesehen. Er wird genau wissen, warum er so ruhig war“, mutmaßte der THC-Coach, dass sein Trainerkollege mit dem Unparteiischen-Gespann nicht unzufrieden gewesen sein konnte. Sportlich fügte er aber direkt an: „Das war ein tolles Spiel, und man muss dann auch mal gerade stehen und anerkennen, dass Bietigheim verdient gewonnen hat.“