Die Schwimmerin Annika Bruhn hat die bisher erfolgreichsten deutschen Meisterschaften ihrer Laufbahn hinter sich: Bei den Titelkämpfen in Berlin stand die 26-jährige Ingersheimerin siebenmal auf dem Podest. Im BZ-Interview spricht sie über die persönliche Medaillenflut, das neue Mammut-Format „Finals Berlin“ und ihre Olympia-Ambitionen.

Fünf Titel und sieben Medaillen auf einen Streich – haben Sie mit so einer Ausbeute bei der DM gerechnet?

Annika Bruhn: Ehrlich gesagt: nein. Klar will man immer seine Titel verteidigen, wenn man zu den „Deutschen“ fährt. Das hat ganz gut geklappt, und mit den Staffeln haben wir auch noch ein paar zusätzliche Titel gewonnen. Die waren bei der DM im vergangenen Jahr zum Teil ja noch gar nicht im Programm. Ich bin mit meinem Abschneiden zufrieden.

Was ist Ihnen wichtiger – eine Einzel- oder eine Staffel-Medaille?

Beides ist schön. Mit der Staffel stehen eben noch drei andere Schwimmer mit dir auf dem Podest, und man freut sich gemeinsam als Team. Allein einen Titel zu gewinnen ist aber auch etwas Besonderes.

Obwohl Sie eigentlich aktuell Deutschlands schnellste Schwimmerin sind, spricht alles vom neuen Traumpaar Sarah Köhler und Florian Wellbrock, das am Samstag sogar im Aktuellen Sportstudio zu Gast war. Sind Sie ein bisschen neidisch?

Nein, überhaupt nicht. Ich gönne es den beiden total. Beide haben bei der WM ja auch Medaillen geholt und stehen dann ganz logisch im Fokus. Es freut mich, dass auch Schwimmer mal ins Sportstudio eingeladen werden und die Fernseh-Zuschauer überhaupt mal etwas von der Sportart Schwimmen mitbekommen. Dass Sarah und Florian ein Paar sind, lässt sich natürlich auch gut vermarkten.

In Berlin wurden am Wochenende zehn deutsche Meisterschaften in verschiedenen Sportarten parallel ausgetragen. Hat sich das Mammut- Format in Ihren Augen bewährt?

Ich war vier Tage selbst die ganze Zeit am Schwimmen und hatte gar keine Chance, mir irgendeinen anderen Wettkampf anzuschauen. Jeder Sportler, der bei den Meisterschaften startet, ist voll auf sich und seine Wettkämpfe fokussiert. Wenn ich aber sehe, was diesmal in der Halle los war, hat sich das Konzept in meinen Augen schon bewährt. Sonst waren bei den deutschen Meisterschaften vielleicht 300 Zuschauer auf den Rängen, diesmal hatten wir mehr als 1000 in der Halle. Entsprechend gut war die Stimmung bei den Rennen.

Welche Sportart hätten Sie sich in Berlin angeschaut, wenn Sie mehr Zeit gehabt hätten?

Ich glaube, ich wäre zum Turnen oder zur Leichtathletik gegangen. Gerade die Hindernisrennen finde ich cool. Da gibt es immer viel Spektakuläres zu sehen.

Ende Juli haben Sie sich bei der WM in Südkorea mit der deutschen 4x200-Meter-Freistil-Staffel für Olympia 2020 qualifiziert. Verspüren Sie schon Vorfreude auf Tokio?

Wir haben uns bisher erst als Staffel qualifiziert. Wie deren genaue Besetzung aussieht, entscheidet sich erst in der nächsten Saison. Da muss sich jede Schwimmerin in einem Zeitraum von Januar bis Ende April 2020 neu qualifizieren. In Deutschland gibt es fünf, sechs Mädels, die vorne ganz gut dabei sind. Ich war in den vergangenen Jahren immer unter den ersten Vier, was mir schon etwas Hoffnung gibt. Mein Fokus liegt voll auf der Quali und auf den Olympischen Spielen, wo wir dann so gut wie möglich abschneiden wollen. Für mich wäre es ja auch schon die dritte Olympia-Teilnahme nach 2012 in London und 2016 in Rio. Tokio ist mein großes Ziel.

Machen Sie sich auch noch Hoffnungen auf einen Einzelstart in Japan?

Die notwendigen Normen werden erst noch veröffentlicht. Ich vermute, dass jene so um den Dreh wie bei der WM sein werden. Ich müsste dafür Bestzeit schwimmen. Das halte ich für realistisch, denn so weit ist diese nicht entfernt. Ein Einzelstart bei Olympia wäre ein Traum.

Bei der Weltmeisterschaft sprangen Sie als Schlussschwimmerin der DSV-Staffel ins Wasser. Ist auf Position vier der Nervenkitzel in einem Staffel-Rennen besonders groß?

Auf der letzten Position muss man schon seine Nerven immer gut im Griff haben. Das ist auch eine Stärke von mir. Wer als Erster oder als Letzter schwimmt, kann ein Rennen entscheiden. Mir macht es Spaß, als Schlussschwimmerin noch mal an meine Grenzen zu gehen und auszutesten, was ich für die Staffel auf den letzten Metern noch herausholen kann

Würden Sie sagen, dass Sie derzeit in Höchstform sind?

Nein, gar nicht. Die WM in Südkorea ist für uns als Staffel zwar gut gelaufen, aber mit meiner Einzelleistung war ich eigentlich gar nicht zufrieden. Dass ich bei der „Deutschen“ über 200 Meter Freistil eine Bestzeit geschafft habe, hat mich selbst überrascht. Die 100 Meter Freistil waren dagegen nicht so schnell. Meine Bestzeit liegt da eine Sekunde darunter – und das ist auf diese Distanz schon sehr viel. Im Endeffekt ging es in Berlin aber um die Platzierung und den Titel. Ich sehe bei mir noch viel Luft nach oben.

Sie schwimmen für die Neckarsulmer SU, besuchen in Saarbrücken eine Hochschule, und Ihre Familie lebt in Ingersheim. Wo fühlen Sie sich heimisch und am wohlsten?

Das ist eine schwere Frage. Ich würde schon sagen in Neckarsulm und in Ingersheim. Zwischen den beiden Orten pendele ich oft hin und her. Ich fühle mich richtig wohl in meinem Neckarsulmer Team, dort habe ich optimale Bedingungen. Und wenn ich nach Hause zu meinen Eltern nach Ingersheim komme, kann ich gut vom Schwimmen abschalten und mich entspannen. Da reden wir auch mal über andere Dinge als über den Sport. In Ingersheim fühle ich mich einfach heimisch und genieße dort die Zeit mit der Familie und Freunden.


Zur Person: Annika Bruhn


Seit 2007 betreibt Annika Bruhn, heute 26, Schwimmen als Leistungssport. Bis 2014 ging die in Karlsruhe geborene und in Ingersheim aufgewachsene Freistil-Spezialistin für den Schwimmverein Bietigheim ins Wasser. Dann folgte der Wechsel zur SSG Saar Max Ritter nach Saarbrücken. Seit März 2018 startet sie für die Neckarsulmer Sport-Union. Zu ihren größten Erfolgen zählen die Olympia-Teilnahmen 2012 in London und 2016 in Rio sowie EM-Gold 2018 in Glasgow mit der deutschen 4x200-Meter-Mixed-Staffel und Bronze mit der 4x200-Meter-Staffel – jeweils im Freistil. Bruhn studiert Sportökonomie an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement in Saarbrücken und macht dort aktuell den Master.  ae