Rudern Nur ein olympischer Erfolg fehlt noch

Beim Gesprächstermin am Bietigheimer Enzufer präsentiert Florian Roller stolz seine drei Goldmedaillen, die er bisher bei Weltmeisterschaften gewonnen hat.
Beim Gesprächstermin am Bietigheimer Enzufer präsentiert Florian Roller stolz seine drei Goldmedaillen, die er bisher bei Weltmeisterschaften gewonnen hat. © Foto: Sandra Bildmann
Markgröningen / Sandra Bildmann 21.09.2018

Für einen durchschnittlichen Menschen sind acht bis neun Millimol Laktat pro Liter Blut lebensgefährlich. Florian Roller hat regelmäßig einen Wert von 24 Millimol pro Liter. Trotzdem kann der junge Mann ruhig schlafen – er ist Leistungssportler, sein Körper die Belastung gewohnt. Kürzlich hat ihm seine Fitness den dritten Weltmeistertitel eingebracht.

Im Leichtgewichts-Doppelvierer hat der Markgröninger bei der WM im bulgarischen Plowdiw vergangene Woche die Goldmedaille errudert. Bereits vor zwei Jahren hat er in dieser Bootsklasse triumphiert, 2015 siegte der Athlet der Stuttgarter Rudergesellschaft aus Untertürkheim mit dem Leichtgewichts-Achter.

Kuriose Abnehm-Methode

Leichtgewicht heißt: Mehr als 70 Kilogramm darf der Sportler nicht auf die Waage bringen. Meist sei er noch bis wenige Stunden vor dem Rennen zu schwer, erzählt der 25-Jährige. Nervös macht ihn das nicht, denn Roller hat seine Abnehm-Methode gefunden: „Zwiebellook. Kein Witz. Ich rudere eine Viertelstunde mit dicken Klamotten.“ Durch das Schwitzen verliert er ein gutes Kilo. Obwohl sie ihr Gewicht immer im Auge behalten müssen, konnten sich die Goldjungs ein Siegerbier gönnen. „Bier hat ja Elektrolyte“, sagt Roller augenzwinkernd. Das sahen wohl auch einige der unterlegenen Gegner so, mit denen gemeinsam in einer Bar gefeiert wurde.

Dem Erfolg voraus gingen unzählige Trainingskilometer, die ein Mannschaftsboot auch deshalb braucht, um einen gemeinsamen Grundrhythmus zu finden. Im Einer sei zwar die Belastungsdauer länger, erklärt Roller, aber „der Vierer geht mehr auf den Kreislauf wegen der höheren Schlagzahl.“ Dann heißt es, Zähne zusammenbeißen und durchhalten. „Wenn man sich nicht mehr konzentrieren kann, weil man zu erschöpft ist und im Boot alles auseinanderfällt, dann ist das die Hölle“, weiß der Profi.

Bei der WM in Plowdiw muss es der Konkurrenz so gegangen sein, als das deutsche Boot einen beinahe Start-Ziel-Sieg feierte und sich die favorisierten Italiener selbst auf ihrem Paradeteilstück zur Mitte des Rennens nicht absetzen konnten. Florian Roller erzählt im Gespräch mit der BZ augenzwinkernd von taktischen „Psychospielchen“. Die Nervosität der Italiener, die Roller beim Seitenblick erkannt haben mag, habe die deutsche Crew nur stärker gemacht. „Man sagt immer, man fährt sein eigenes Rennen. Aber klar guckt man nach dem Gegner“, gibt der erfahrene Ruderer zu, „die letzten Prozente kann man nur rausholen, wenn man den direkten Kampf mit dem Gegner hat.“ Mit dem Titel gerechnet habe er angesichts des Saisonverlaufs nicht, sagt Roller. Doch haben Schlagmann Moritz Moos, Roller, Max Röger und Bugmann Joachim Agne immer mehr zueinander gefunden und die beste Leistung am Saisonhöhepunkt abgerufen.

Florian Roller hat mit den erruderten Weltmeistertiteln eigentlich alles in seinem Sport erreicht. Nur ein olympischer Erfolg fehlt noch – in der Klasse der Leichtgewichte gestaltet sich das aber etwas kompliziert: Der leichte Männer-Vierer ohne Steuermann ist für Tokio 2020 aus dem olympischen Katalog rausgefallen, der leichte Doppel-Vierer und auch der Achter waren dagegen noch nie olympisch. „So wichtig ist mir die olympische Bootsklasse nicht mehr, dafür hat der olympische Gedanke in den letzten Jahren zu sehr gelitten“, meint der 25-Jährige. Trotzdem gibt er als Ziel das Championat mit den fünf Ringen aus – allerdings nicht um jeden Preis. So müsste er aufgrund der Zentralisierungsmaßnahmen durch die jüngst beschlossene Leistungssportreform seinen Lebensmittelpunkt dauerhaft nach Hamburg verlegen. Für Florian Roller keine Option. Der Markgröninger ist zu sehr mit seiner Heimat verbunden, wo er seit vielen Jahren beim Schäfertanz aufläuft und wo Freunde und Familie leben. Ohne letztgenannte könnte er auch seinen Sport nicht ausüben. Trotz seiner Erfolge wird der Mehrfachweltmeister nicht gefördert. Zwar erwerben in erster Linie die Vereine die Boote, doch mancher Ruderer hat lieber sein eigenes. Ein Einer-Ruderboot kostet etwa 10 000 Euro. „Bei diesem Sport zahlt man drauf“, sagt der Maschinenbau-Student. Um Studium und Spitzensport parallel ausüben zu können, hat er von der Uni Stuttgart nach Esslingen gewechselt, wo für Leistungssportler eine bessere Vereinbarkeit gewährleistet werde, erklärt Roller. Ab Oktober nimmt der normale Trainingsalltag wieder seinen Lauf, im Dezember stehen bereits erste wegweisende Tests auf der Langstrecke und dem Ergometer in Dortmund an.

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