In Zeiten von Corona fällt auch die Siegerehrung anders aus als üblich: Die beiden Trainer Aito Garcia Reneses und John Patrick übergaben am Sonntag die Medaillen an ihre Spieler – die goldenen bekamen die Stars von Alba Berlin für die beim Finalturnier in München errungene neunte deutsche Meisterschaft des Klubs. Die silberne gab es für die MHP Riesen Ludwigsburg für Platz zwei. Auch den 6,4 Kilogramm schweren Meisterpokal bekam Alba-Kapitän Niels Giffey nicht etwa aus den Händen von BBL-Geschäftsführer Stefan Holz, der diesen nur auf dem Feld abstellte. Stattdessen musste sich Giffey das Objekt der Begierde selbst krallen, ehe er es im Kreis seiner Teamkollegen in die Höhe reißen konnte.

In den 40 Spielminuten zuvor war das Ludwigsburger Basketball-Wunder ausgeblieben. Mit 74:75 verloren die Riesen auch das zweite Finalspiel im Audi-Dome. Da die Mannschaft aus der Barockstadt bereits am Freitagabend eine 65:88-Schlappe kassiert hatte, summierte sich der Rückstand auf 24 Zähler – der Außenseiter hatte dem Topfavoriten letztlich kein Bein stellen können. „Wir sind trotzdem sehr stolz auf unsere Leistung und auf das, was wir hier erreicht haben. Es fühlt sich gar nicht so krass wie eine Niederlage an“, sagte Kapitän Jonas Wohlfarth-Bottermann. In der Tat können sich auch die Riesen als Gewinner fühlen. Schließlich ist die deutsche Vizemeisterschaft der bisher größte Erfolg in ihrer 60-jährigen Vereinsgeschichte.
Die Schwaben mussten erneut auf ihren am Fuß verletzten Superstar und Topscorer Marcos Knight verzichten. Obwohl der 30-jährige US-Amerikaner das Playoff-Finale verpasste, wurde ihm eine besondere Ehre zuteil: Knight wurde als wertvollster Spieler („MVP“ – Most Valuable Player) ausgezeichnet – und hatte bei der Übergabe der Trophäe mit den Tränen zu kämpfen. „Ohne Gott und meine Teamkollegen wäre diese Auszeichnung nicht möglich gewesen“, sagt der tief religiöse Knight im Interview mit Magenta Sport gerührt. „Dieser Award ist eine Belohnung für die harte Arbeit und zeigt, dass man immer an seine Träume glauben muss und nie aufgeben darf.“
Die Albatrosse taten dem Underdog nicht den Gefallen, es mit Blick auf das eigene große Punktepolster etwas gemächlicher angehen zu lassen. Im Gegenteil: Der Pokalsieger von der Spree legte konzentriert los und lag nach dem ersten Viertel bereits mit 21:11 vorne. Neuzugang Teyvon Myers konnte Knight auf der Guard-Position wie gehabt nicht ansatzweise ersetzen. Thomas Wimbush hatte wieder einen Stotterstart, ehe er ab Mitte des zweiten Viertels doch noch aufdrehte und mit 19 Zählern zum Ludwigsburger Topscorer avancierte. Jaleen Smith glänzte mit 15 Punkten, sechs Vorlagen und fünf Ballgewinnen. Und Nick Weiler-Babb traf zwar nur ein gutes Drittel seiner Würfe und musste sich mit 14 Punkten begnügen. Er war aber mit elf Rebounds und fünf Assists dennoch ein Aktivposten seiner Mannschaft. Doch all das reichte eben nicht, um Alba wirklich ernsthaft noch einmal in die Bredouille zu bringen. Bis zur Pause hatten die Riesen immerhin auf 35:42 verkürzt.
Erneut gab Coach Patrick auch den Youngsters Einsatzzeit: Seine Söhne Jacob und Johannes durften genauso aufs Feld wie Radii Caisin, Ariel Hukporti und Lukas Herzog. Center Hukporti, der zur neuen Saison wohl nach Litauen wechselt, agierte offensiv unglücklich und blieb bei seinen drei Würfen glücklos. Dafür spielte Herzog wieder frech auf und wiederholte seine acht Punkte aus dem ersten Finalduell.
Bei einem 54:67-Zwischenstand war das Thema deutsche Meisterschaft für die Riesen nach den ersten 30 Minuten längst erledigt. Auch die Berliner waren in Gedanken wohl schon bei den Feierlichkeiten. Angetrieben vom US-Trio Smith, Wimbush und Weiler-Babb schlug Ludwigsburg im letzten Viertel noch mal zurück und kam auf einen Punkt heran. 25 Sekunden vor der Schlusssirene waren die Riesen im Ballbesitz und hatten die Chance zum Sieg und damit einem Achtungserfolg. Doch Wimbushs Distanzwurf fand nicht den Korb. Somit entschied Berlin auch sein zehntes Turnierspiel für sich und ist nun ein würdiger Meister. „Man muss realistisch sein: Man zieht Alba in einem Finale nicht mal kurz mit 26 Punkten ab, nachdem die so eine Saison gespielt haben“, bilanzierte Wohlfarth-Bottermann.