Weil wir es verdient haben, weil wir schon die ganze Saison ein gutes Team haben und weil wir bereit sind“ – Jonas Wohlfarth-Bottermann nannte vor dem zweiten Halbfinalduell gegen Ratiopharm Ulm im Interview gleich drei Gründe, warum seine MHP Riesen Ludwigsburg gewinnen würden. Der 30-jährige Center und Kapitän, den alle nur „WoBo“ nennen, sollte recht behalten: Mit einem 94:85-Erfolg im Rückspiel zogen die Korbjäger aus der Barockstadt am späten Dienstagabend erstmals in ihrer Klubgeschichte in ein Playoff-Finale um die deutsche Meisterschaft ein. In der ersten Begegnung hatten sich die schwäbischen Erzrivalen am Sonntag 71:71 getrennt.

In den beiden Endspielen am Freitag (20.30 Uhr) und am Sonntag (15 Uhr) treffen die Riesen jetzt mit großer Wahrscheinlichkeit auf Alba Berlin. Der Pokalsieger von der Spree ist beim Abschluss-Geisterturnier im Münchner Audi-Dome bisher noch ungeschlagen.

Vier Riesen punkten zweistellig

Der Mann des Abends war einmal mehr Marcos Knight. Der 30-jährige US-Amerikaner schaffte zum vierten Mal in Folge ein Double-Double: Seine 26 Zähler und 13 Rebounds bedeuteten für ihn einen Karriere-Bestwert in der BBL. Auch seine Mitstreiter Thomas Wimbush (22), Nick Weiler-Babb (20) und Jaleen Smith (14) punkteten zweistellig.

Ludwigsburg startete selbstbewusst und lag gleich mit 6:2 vorne. Eine erste Schrecksekunde erlebten die Riesen und ihre Fans am Fernseher in der vierten Minute. Ausgerechnet der in diesem Turnier bisher so überragende Knight, der kampfstarke Anführer im Team, knickte bei einer Offensivaktion um. Das 1,88 Meter große Kraftpaket musste minutenlang draußen behandelt werden, ehe es aufs Parkett zurückkehrte – und sich gleich wieder mit zwei Punkten einfügte.
 Ulm hatte Knights Abwesenheit allerdings dazu genutzt, um aus einem 5:6-Rückstand ein 16:10 zu machen. Einen zwischenzeitlichen 9:0-Lauf konnte Ludwigsburg nicht verhindern. Mit einem Dreier – seinen ersten Punkten im Playoff-Halbfinale überhaupt – warf Tyler Harvey bis zum Viertelende sogar eine 24:16-Führung für Ratiopharm heraus.
Noch bitterer für Ludwigsburg als der unerfreuliche Spielstand war allerdings eine weitere Verletzung: Wohlfarth-Bottermann hatte sich das Knie verdreht und musste wie zuvor Knight ärztlich betreut werden. Doch auch der Center biss zunächst auf die Zähne und kam im zweiten Durchgang noch mal zu einem Kurzeinsatz. Allerdings lief er nicht mehr ganz rund, und so schied er dann wenig später doch verletzt aus, diesmal endgültig. Eine glückliche Fügung war darum, dass Ludwigsburgs 18-jähriges Basketball-Juwel Ariel Hukporti nach absolvierten Schulprüfungen und zwei negativen Corona-Tests ins Aufgebot zurückgekehrt war. Trainer John Patrick schickte den 2,11 Meter großen Nachwuchs- Center für gut 19 Minuten aufs Feld – und Hukporti dankte es ihm mit viel Einsatz, vier Punkten und sechs Rebounds.
Nachdem die Riesen auf 20:24 verkürzt hatten (11.), zeigten die Korbjäger von der Donau kurzzeitig ihre gefürchtete Offensivpower und wurden beim Stand von 33:20 (13.) mit einem 13-Punkte-Polster belohnt. Zum Vergleich: Im ersten Halbfinale war ein Vorsprung von acht Punkten das Höchste der Gefühle für die Ulmer gewesen. Aber auch diesmal schaffte Ludwigsburg ein Comeback: Knight – wer sonst – und Aufbauspieler Smith übernahmen nun Verantwortung und hielten die Mannen in den schwarzen Trikots in Reichweite. Spätestens als Weiler-Babb mit einem Buzzerbeater und einem Dreier zum 42:46-Halbzeitstand traf, war wieder alles offen. Der Ludwigsburger Traum vom Finale lebte.
Und er wurde ab dem dritten Viertel immer realer. Daran hatte nun endlich auch Wimbush einen Anteil. Der Power Forward war in der ersten Hälfte mit vier Zählern noch allenfalls ein Mitläufer gewesen. In den zweiten 20 Minuten blühte Wimbush aber auf, markierte 18 Punkte und machte somit seine Ankündigung doch noch wahr – nach seinem schwachen Auftritt am Sonntag hatte er eine persönliche Leistungssteigerung versprochen.

Plötzlich fallen die Dreier

Der dritte Spielabschnitt endete wie schon der zweite mit einem Dreier: Smith war eine Sekunde vor der Sirene zum 71:69 erfolgreich. Sein Team ging also mit einem knappen Zwei-Punkte-Vorsprung ins Schlussviertel. Dort ging die Ludwigsburger Dreier­show sofort weiter – dabei waren die Fernwürfe im ersten Duell noch die große Schwäche der Riesen gewesen. Nun trafen zweimal Weiler-Babb und Wimbush aus der Distanz, und das Playoff-Monster Knight erledigte mit weiteren wichtigen Punkten den Rest zum letztlich deutlichen Sieg und Weiterkommen. Die Riesen-Party in München geht weiter.

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Prozent betrug die Trefferquote von Riesen-Topscorer Marcos Knight aus dem Zweierbereich. Der 30-jährige US-Amerikaner versenkte sieben seiner acht Zwei-Punkte-Würfe.